Zu: Geschichten von früher

In unserer Kolumne beleuchten wir jede Woche ein aktuelles Thema. Und das heutige Thema wird uns wohl noch eine ganze Weile immer wieder begegnen: Es geht darum, dass in Berlin ein Museum stehen soll, das an Vertreibungen in ganz Europa erinnert, vor allem aber an die deutschen Heimatvertriebenen am Ende des 2. Weltkriegs. Schließlich stammt die Idee vom Bund der Vertriebenen. Einem Verband, den unser Kolumnist Jan Kröger nur zu gern verstehen würde. Er, der wahrscheinlich als erster über den Bund der Vertriebenen geschrieben hat, ohne auch nur einmal „Erika Steinbach“ zu sagen…
Die Kolumne der Woche ist eine Kooperation mit dem Webradio detektor.fm

Lieber hören als lesen?

Wenn alte Leute von früher erzählen, dann gibt es zwei Sorten von Geschichten: bei der einen freu ich mich zuzuhören, weil ich das Gefühl habe, hier lern ich was. Die anderen sind die Geschichten, die der ganzen Familie schon tausendmal erzählt wurden und die deswegen niemand mehr hören kann. Womit wir beim Bund der Vertriebenen wären.

Was macht man mit Geschichten, die niemand mehr hören will, die aber zum Vergessen zu wichtig sind? Richtig, ab ins Museum mit ihnen.

Ist ganz schön arrogant, was ich hier rede, oder? Schließlich sind damals Menschen umgebracht worden. Millionen Russen, Juden, Polen, Tschechen, Ungarn oder eben Deutsche haben ihr Leben verloren. Aber ist es genau denen gegenüber nicht auch ziemlich arrogant zu klagen, wenn man nur seine Heimat verloren hat?

Bestimmt versteh ich es nur nicht richtig. Könnte daran liegen, dass ich selbst kein ausgeprägtes Heimatgefühl habe. Aber ich mein, ihr habt damals überlebt. Seid oft in völlig fremden Orten gestrandet, wo ihr keineswegs willkommen wart. Aber ihr habt gekämpft, neue Freunde und oft ein Leben in Wohlstand gewonnen. Allein schon darauf könnt ihr stolz sein. Und dann hat’s die Geschichte auch noch gut gemeint mit euch: Ihr habt die Oder-Neiße-Grenze abgelehnt, nun gibt es sie nicht mehr. Einfach ins Auto setzen und nach Osten fahren, schon seid ihr da. Das klappt über Görlitz, das klappt über Frankfurt und sogar – man mag’s kaum glauben – über Schwedt. Ich weiß, dass ich euch da gar nichts Neues erzähle: Denn längst hat der Bund der Vertriebenen ja großartige Partnerschaftsprojekte mit polnischen Gemeinden in Schlesien oder Pommern. Da ist so viel, um stolz, glücklich und dankbar zu sein. Doch das einzige, womit ihr öffentlich auffallt, ist Jammern und Flennen. Das ist leider kein Fall fürs Museum, das ist ein Fall für den Psychoanalytiker.

Vielleicht hilft gegen Heimatschmerz ja die Weisheit eines Volkes, das wirklich was von Flucht und Vertreibung versteht, ein jüdischer Witz: Steht ein Israeli an der Klagemauer und fleht: „Herrgott, 2000 Jahre haben wir dafür gebetet, ins Land unserer Väter zurückzukehren – aber warum muss es ausgerechnet uns passieren?“

Veröffentlicht unter: Kolumne der Woche

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Unser Kolumnist Jan Kröger geht jeden Freitag auf ein Thema ein, das die Nachrichten bestimmt. Es sei denn, es gibt ...