Zu: Guttenberg

In den USA bestimmt das Nachrichtenmagazin „Time“ stets den „Mann des Jahres“. Gäbe es diese Kategorie in Deutschland, einer wäre bestimmt vorn dabei: Karl-Theodor zu Guttenberg. Erst wurde er Wirtschaftsminister, dann Verteidigungsminister, vor allem aber: Deutschlands beliebtester Politiker. Zur Zeit steht er in der heftigen Kritik der Opposition: Er habe die Öffentlichkeit falsch informiert über den Luftangriff der Bundeswehr in Kundus. Doch selbst wenn – es wird ihm nicht großartig schaden, glaubt unser Kolumnist Jan Kröger.
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Dieser Mann wäre ein Traum für jede Werbeagentur: Denn gibt es eigentlich irgendwas auf dieser Welt, das Karl-Theodor zu Guttenberg nicht glaubwürdig rüberbringen könnte? Jede noch so verteufelte Branche wäre so unbefleckt wie eine protestantische Ehe: egal ob Ölmultis, Pharmakonzerne oder Rüstungsindustrie. Das mit der Rüstungsindustrie ist auch gar nicht mal so abwegig.

Faszinierend ist, wie er das hinkriegt: Guttenberg wird dafür gelobt, dass er Klartext redet. Aber können Sie sich auch nur an einen einzigen Satz von ihm erinnern? Machen wir es uns doch nicht so schwer: Diese ganzen Phrasen von „Er redet Klartext“ bis hin zu „Endlich mal wieder jemand, der weiß, was er will“ – die heißen übersetzt doch nichts anderes als: Der sieht gut aus, der soll mich regieren.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist die späte Rache des deutschen Adels an die Demokratie. Wir können Kaiser und Könige abschaffen, doch das noble Drumherum bleibt attraktiv. Ein Freiherr, der mehr Vornamen hat als Ursula von der Leyen jemals Kinder kriegen wird – so ein Name klingt natürlich anders als Dieter Wiefelspütz. Und die stets passende Kleidung – warum soll ein deutscher Mann nicht auch mal anders auffallen als durch Socken in Sandalen und Jack-Wolfskin-Jacken? Zugegeben, Adel allein genügt nicht: Ein geistig beschränkter Kriegstreiber mit Haltungsschäden wie Wilhelm II. es war, der wäre in der Bundesrepublik eher schwer zu vermitteln. Obwohl man Wilhelm lassen muss, dass er vor Klartext nie Angst hatte. Kleine Kostprobe: „Ich glaube an das Pferd als Fortbewegungsmittel, das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“

Aufs Thema umgemünzt hieße das: „Der Guttenberg ist eine vorübergehende Erscheinung, ich glaube an Markus Söder als Fortbewegungsmittel.“ Oder an Ronald Pofalla. Oder Dirk Niebel. Womit wir beim wichtigsten und auch traurigsten Grund für Guttenbergs Beliebtheit sind: die Alternative sind diese austauschbaren Durchschnittstypen.

Genau deswegen wird Karl-Theodor zu Guttenberg auch solche Geschichten wie die mit dem Luftangriff überstehen. Im schlimmsten Fall steht er als Lügner da. Doch selbst dann wird es heißen: Ihn kann man wenigstens als Lügner hinstellen. Im Gegensatz zu den Pofallas, die ganz auf Äußerungen verzichten, die man mit richtig oder falsch bewerten könnte.

Ich hab nur ein Problem damit: Wenn das schon reicht, um Deutschlands beliebtester Politiker zu werden – na dann, nochmal Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Sechzigsten, liebe Bundesrepublik.

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