Zu: Pädagogisch Wertvollem

Das muss man als Zwölfjähriger erstmal bringen: Stephan Albrecht, Gymnasiast aus Landsberg am Lech, hat auf seinem Grundrecht der Meinungsfreiheit bestanden und vor Gericht gegen den Freistaat Bayern und seine Direktorin gewonnen.

Er darf jetzt an seinem Gymnasium eine Schülerzeitung herausgeben. Die hatte die Direktorin nämlich verboten. Sie hatte das nach Rücksprache mit dem Kultusministerium damit begründet, dass es schon eine Schülerzeitung am Gymnasium gebe. Unser Kolumnist Jan Kröger hat versucht, sich in die stets pädagogisch wertvollen Gedanken des Kultusministeriums hineinzufühlen:

Lieber Stephan Albrecht,

als Beamter im Kultusministerium des Freistaats Bayern freut es mich immer ganz besonders, wenn Schüler schon im jungen Alter Initiative ergreifen und sich an ihrer Schule engagieren. So wie du und deine Freunde mit eurer Schülerzeitung “Bazillus”.

Da war es für Dich sicher nicht leicht, als Deine Direktorin, die Frau Triller, Dir mitgeteilt hat, dass das leider nicht geht, weil an Eurem Gymnasium bereits eine Schülerzeitung erscheint. Nun erfahre ich, dass Du den Freistaat Bayern verklagen willst. Du bestehst auf Deinem Grundrecht auf Meinungsfreiheit. Lieber Stephan, ich befürchte, die Frau Triller ist sehr enttäuscht von Dir. Sie hat nämlich nach besten erzieherischen Grundsätzen gehandelt. Sie wollte Dich nur auf den Ernst des Lebens vorbereiten.

Denn schau mal, in den meisten Gegenden Bayerns und ganz Deutschlands gibt es nur eine lokale Tageszeitung. Und das hat seinen Sinn für die ganze Gesellschaft. Schau doch, du kommst aus Denklingen, nicht wahr? Ich hab mal nachgeschaut, lieber Stephan. Bei euch gibt’s ja einen großen Arbeitgeber, die Hirschvogel GmbH. Die machen Autotechnik für BMW oder Audi, weißt du ja bestimmt. Damit machen die einen Umsatz von einer halben Milliarde Euro im Jahr. Da fällt auch für Denklingen sicherlich einiges an Gewerbesteuer ab.

So. Und jetzt stell dir mal vor, bei Hirschvogel wäre plötzlich ein schwarzes Schaf in der Geschäftsleitung, der hat einen kleinen Fehler gemacht. Eine Gefälligkeit an polnische Politiker, um dort ein neues Werk zu errichten, was weiß denn ich. Wenn das rauskommt, ist der Ruf geschädigt, Kunden wenden sich ab, die Firma muss sparen, die Denklinger werden arbeitslos und auch die Stadt kriegt weniger Steuern. Deswegen ist es gut, wenn die kommunale Politik und die Wirtschaft wissen, an welchen Pressevertreter sie sich wenden müssen. Gibt es aber zwei Zeitungen vor Ort, wird die Lage unübersichtlicher, der Frieden der Gemeinde wäre gefährdet. Und nur das will die Frau Triller dir doch beibringen, verstehst du?

Meinungsfreiheit – schön und gut, aber irgendwo muss ein Zeitungsschreiber halt auch seine gesellschaftliche Verantwortung anerkennen. Und lieber Stephan, du kannst doch in unserem schönen Land sagen, was immer du willst, niemand kann dir das verbieten. Schau, die Meinungsfreiheit, die gibt’s sowieso – dafür musst du nicht eigens eine Zeitung gründen.

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

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