Vielleicht milder, vielleicht wilder – aber es wird nicht Hilder

Ein Kommentar zur MDR-Intendantenwahl

Der glücklose LVZ-Chefredakteur, den nicht nur die üblichen Verdächtigen berichterstatterisch aufs Korn nahmen (also jene Medien, die den sächsischen Oppositionsparteien gewogener sind als der CDU), sondern sogar die Medienredakteure seines eigenen Arbeitgebers, des Madsack-Verlags (in der Montags-Online-Ausgabe der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung), wird nicht rpt nicht neuer MDR-Intendant.

Das ist erstmal eine gute Sache, wenn es denn so bleibt – ist aber auch schade für die Leipziger Volkszeitung. Denn Sie hat mit der heutigen Entscheidung bis auf weiteres den Schwarzen Bernd gezogen.

Erlauben wir uns eine kurze Spekulation
Über Hilders Vertrag bei der LVZ wird gemunkelt, er laufe etwa zu Jahresende aus und solle nicht verlängert werden.

Die LVZ könnte sich mit einem neuen Chefredakteur zu einer Tageszeitung für alle Leipziger entwickeln, wenn der Madsack-Verlag und der durchaus fähige LVZ-Geschäftsführer Norbert Schmid ein gutes Händchen bei der Chefredakteursauswahl beweisen. In den Jahren seit Hilders Amtsübernahme von Vorgänger Hartwig Hochstein konnte man als Soze, Grüner, Linker oder sonstiger Nichtkonservativer die LVZ, aus Gründen des Magenschleimhautschutzes, teils nur vor dem Frühstück lesen.

Es wird im schwierigen Fahrwasser, das der LVZ wie jeder Regionalzeitung mindestens bevorsteht, bei manch anderem Blatt aber auch schon Realität ist, immer schwerer haltbar sein, eine Redaktionslinie zu fahren, die am Wahlverhalten der Mehrheit der Leipziger schlicht vorbei geht.

Zudem hatte Hilder eine ähnlich fragwürdige Eignung zur LVZ mitgebracht, wie auch zu seiner MDR-Intendanten-Kandidatur: Als Chefredakteur der Schaumburger Nachrichten und später des Göttinger Tageblatts bekam er den Mantelteil von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Er war also, mal von der Rollenbezeichnung abgesehen, weniger Chefredakteur als mehr Lokalfürst – mindestens die Printredakteure unter Ihnen, liebe Leser, kennen den Unterschied.

Der mögliche Neue im Peterssteinweg sollte die Unabhängigkeit wieder zum Credo der Redaktion erheben, Redaktionsbeamtentum ausmisten und die Onlineredaktion nicht nur vom Kopf auf die Beine, sondern auch verschränkt zur Printredaktion stellen, statt sie auf der anderen Straßenseite vor sich hin vegetieren zu lassen. Erst jüngst hatte die LVZ bei dem Update des Google-Algorithmus Federn gelassen, weil im Verhältnis zu eigener Berichterstattung zu viel Agenturmaterial auf der Seite war.

Als Preis würden neue Leserschichten winken, die teils alte sind. Leipzig hat als eine der wenigen deutschen Städte das Potenzial, noch eine ganze Weile eine Papierzeitung zu schätzen und vernünftig finanzieren zu können. Die Vertriebskosten sind angenehmer als in ländlichen Umfeldern, der diskursiven Themen wären mehr. Da es nun mal nur diese eine Tageszeitung gibt, könnte die Strategie gegen die Abwendung vieler Leser schlicht sein, ein Marktplatz für alle (demokratischen) Positionen zu werden – wie dies für eine gut integrierte Tageszeitung eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: Gemein(t)

Eine Antwort zu "Vielleicht milder, vielleicht wilder – aber es wird nicht Hilder"

  1. [...] 23. Oktober 2011 | Einen Kommentar hinzufügen Beim zweiten Anlauf hat es nun geklappt: Der MDR-Rundfunkrat hat sich heute mehrheitlich und im ersten Wahlgang für eine neue Indentantin entschieden. Karola Wille soll es sein, seit 2003 stellvertretende Senderchefin, zuvor Juristische Direktorin und heute einzige Kandidatin. Bereits am 1. November beginnt ihre sechsjährige Amtszeit und für diese hat sie angekündigt, den MDR für das digitale Medienzeitalter zukunftsfähig machen und verstärkt ein junges Publikum ansprechen zu wollen. Und auch die Aufklärung der sogenannten “Unregelmäßigkeiten” im MDR wolle sie entschieden vorantreiben. Gewählt werden musste, weil Noch-Intendant Udo Reiter vorzeitig aus dem Amt scheiden möchte. Zweimal gewählt werden musste, weil Bernd Hilder, Chefredakteur der LVZ, keine mehrheitliche Zustimmung gefunden hatte. [...]

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