Zu: Papst

Dem ein oder anderen wird es schon aufgefallen sein: Der Papst ist zu Besuch in Deutschland. Wer den Fernseher einschaltet, muss schon besonders findig sein, um Meldungen über den Papst zu entgehen. Unser Kolumnist Jan Kröger hat es versucht und ist grandios gescheitert – ausgerechnet eine Nachrichtensendung, von der er es am wenigsten erwartet hätte, war bemüht, wirklich alles auf den Papstbesuch abzustimmen.

In Kooperation mit detektor.fm

Donnerstag Nachmittag im deutschen Fernsehen. Eine Programmvielfalt bei ZDF, Sat 1, Phoenix und N24, als hätten sich Kate und William getrennt. Aber nein, es ist nur der Papst. Protestanten wie mir bleiben an solchen Tagen nur hedonistische, unpolitische Sender wie ProSieben. Aber sogar ProSieben hat eine Nachrichtensendung, Newstime heißt sie, und die ist immer nach dem gleichen Schema aufgebaut: erst eine politische Meldung, dann irgendein Verkehrsunfall, vorzugsweise mit Tierbeteiligung, dann irgendwas mit Promis, noch was vom Fußball, schließlich das Wetter. Am Ende fasst der Moderator den Informationsgehalt der ganzen Sendung noch einmal zusammen, indem er sagt: „Jetzt die Simpsons“.

Auch dieses Mal folgt Newstime strikt seinem Schema. Politische Meldung: Papst im Bundestag. Dann der Verkehrsunfall: Im Bahnhof von Bleicherode sind zwei Güterzüge zusammengestoßen, ein Lokführer wurde verletzt. Verhältnismäßig langweilig, aber Newstime hat natürlich den Dreh gefunden, denn Bleicherode liegt in Thüringen – und wer befindet sich quasi schon auf dem Weg in dieses sonst von allen Nachrichten verlassene Bundesland? „Wer mit der Bahn zum Papstbesuch nach Thüringen reisen will, muss sich eventuell auf Behinderungen einstellen“, so oder so ähnlich beginnt die Meldung zur Kollision zweier Güterzüge. Bei der Promi-Meldung geht Newstime dann subtiler vor. Das Thema ist überraschend die Hinrichtung des unter bananenrepublikanischen Justizstandards verurteilten Troy Davis in den USA. Warum zur Hölle kümmert sich ProSieben an dieser Stelle um die Todesstrafe? Wo sind die Promis, verdammt? Ich muss bis zum letzten Satz warten, ehe es klar wird: „Zahlreiche Personen und Organisationen hatten die Hinrichtung von Troy Davis scharf verurteilt – darunter auch: der Papst“. An jedem anderen Tag hätte es geheißen „darunter auch George Clooney“, nicht heute.

Erst bei der Fußball-Meldung hat die Redaktion dann geschlampt: Schalke-Trainer Ralf Rangnick gibt wegen Burnout sein Amt auf. Ausgerechnet hier kein Papstbezug, dabei war Johannes Paul II. sogar Ehrenmitglied bei Schalke 04. Und zu Rangnicks Burnout ließe sich sagen: Fußball ist als Spiel „das Heraustreten aus dem versklavenden Ernst des Alltags [...] in den freien Ernst dessen, was nicht sein muß und gerade darum schön ist. [...] Natürlich kann dies alles verdorben werden durch einen Geschäftsgeist, der … das Spiel aus einem Spiel in eine Industrie verkehrt“. Liebe Kollegen von Newstime, dann seid doch bitte konsequent: Der Papst kann zu wirklich jedem Thema was sagen, und er ist 84, das heißt, er hat auch zu wirklich jedem Thema was gesagt. Was dank Überberichterstattung davon hängenbleibt: „Jetzt die Simpsons.“

Foto: Fabio Pozzebom/ABr (Wikipedia)

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