Zu: Mehdorn

Es gibt nicht viele Unternehmenschefs, die der breiten Öffentlichkeit wirklich bekannt sind. Und wenn, dann polarisieren sie, um nicht zu sagen: Sie sind unbeliebt. Josef Ackermann als Chef der Deutschen Bank ist das vielleicht prominenteste Beispiel. Auch Hartmut Mehdorn war bis 2009 als Bahnchef berühmt-berüchtigt. Nun ist er wieder in der Öffentlichkeit, er ist übergangsweise Chef der Fluggesellschaft Air Berlin. Aber warum war Mehdorn eigentlich so unbeliebt? Unser Kolumnist Jan Kröger mit der Kurzbiographie einer ganz normalen Karriere im 21. Jahrhunderts.

In Kooperation mit detektor.fm

Es gibt so Menschen, die nerven wie eine Schmeißfliege. Allerdings ist das ein schlechter Vergleich. Schmeißfliegen klatscht man tot und wenn die nächste nervt, ist es wenigstens nicht die gleiche wie vorher. Bei Menschen hingegen sollte man nie denken, sie endlich los zu sein. Die Zeugen Jehovas werden auch nach dem nächsten misslungenen Weltuntergang wieder in der Fußgängerzone stehen, gedopte Sportler laufen nach zwei Jahren Sperre mysteriöserweise wieder genau so schnell wie vorher, Howard Carpendale gibt das dreiundzwanzigste Comeback, Karl-Theodor zu Guttenberg wird eines Tages wieder im Bundestag sitzen und wer einmal ein Großunternehmen geführt hat, kann gar nicht asozial genug handeln, um nicht doch in irgendeinem Aufsichts- oder Verwaltungsrat unterzukommen. Zum Beispiel Hartmut Mehdorn.

Bis vor zwei Jahren hieß Mehdorn noch „Bahnchef“ mit Vornamen. In dieser Funktion war Mehdorn stets um das Wohl seiner Mitarbeiter bemüht. Es ist jedoch schwer, sich um jeden Menschen einzeln zu kümmern, wenn man 350.000 Beschäftigte hat. Nach zehn Jahren Mehdorn waren es noch 240.000, das ist zwar übersichtlicher, aber natürlich immer noch zu viel, um jeden persönlich zu kennen. Also sammelte die Bahn ein paar Daten über ihre Angestellten. Anschrift, Telefonnummer, Überwachungsvideos von Tankstellen, so diese Standarddinge halt. Motto: Es war nicht alles schlecht an der DDR, zum Beispiel diese Stasi… Mitarbeiter, für die sich Mehdorn besonders engagierte, bekamen sogar gratis pornographische Aufnahmen auf ihre Computer gespielt. Als sich deren Dankbarkeit für diese Anregungen in Grenzen hielt, musste sich Mehdorn von ihnen trennen, schweren Herzens und natürlich in beiderseitigem Einvernehmen.

Als das rauskam, bot Mehdorn seinen Rücktritt an. Dieser Satz klingt normal, dabei ist er irre. „Ich biete meinen Rücktritt an“: Nach so einer Nummer gibt’s nichts anzubieten, da geht man von selbst, und zwar je nach kultureller Herkunft als Einsiedler in die Wüste, im Büßerhemd über die Alpen oder direkt zum Harakiri.

Hartmut Mehdorn ging in den Verwaltungsrat von Air Berlin. Und seit dort der Chef vor einigen Wochen abgetreten ist, leitet er wieder ein Unternehmen. Natürlich ist er immer noch ganz der Alte. Air Berlin werde das Instrument des Personalabbaus mit besonderer Sorgfalt und hoher Verantwortung anwenden, hat er nun angekündigt. Also, liebe Air Berlin-Mitarbeiter: bleibt standhaft, dann kriegt ihr wenigstens einen Porno als Abfindung.

Nach all dem ist es eigentlich völlig überflüssig zu erwähnen, dass Hartmut Mehdorn Träger des Bundesverdienstkreuzes ist.

Foto: Cornerstone / pixelio.de

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

2 Antworten zu "Zu: Mehdorn"

  1. MartinE sagt:

    Danke Franziska für diesen Beitrag, genau mein Stil. Mag ich. :)

    1. Franziska Gaube sagt:

      Die Lorbeeren gehen alle gesammelt an Jan Kröger. (:

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