Zu: Stocksteif und bierernst. Loriot.

Er war Deutschlands vielleicht bekanntester Komiker: Loriot. Am Montagabend ist er mit 87 Jahren gestorben. Nun ist Zeit für Wiederholungen im Fernsehen und Nachrufe in Zeitungen. Und auch unser Kolumnist Jan Kröger trauert. Doch eines macht ihn optimistisch: Der Typ Mensch, der Loriot so oft als Vorbild für seinen Humor diente, ist nach wie vor in Massen vorhanden.

Loriot ist tot. Drei Worte, die drei unterschiedliche Reaktionen auslösen. Nämlich ziemlich genau die gleichen, die Loriot schon zu Lebzeiten ausgelöst hat. Reaktion eins: wildes Rumzitieren. Völlig ohne Zusammenhang werden Sätze eingestreut wie „Früher war mehr Lametta“, „Auf dem Campingplatz in Bozen liegen die Waschräume separat“ oder „Sagen Sie Karlheinz zu mir“. Wenn man das in Gesellschaft sagt, auf der Party, beim Arbeitsessen, wo auch immer, ist das Gespräch für die nächsten Minuten gelaufen. Die Gesellschaft spaltet sich in zwei Gruppen. Die einen wetteifern darum, so viele Zitate wie möglich in die Runde zu werfen, und hören damit auch nicht auf, bis ganze Sketche nachgespielt sind.

Die anderen zeigen Reaktion zwei: Unverständnis. Entweder sie wenden sich einfach ab. Oder sie stehen stocksteif da, blicken bierernst und wissen nicht, was an Loriot so lustig sein soll. Das Ganze kommentieren sie mit den Worten: „Bei Loriot stehen die Leute immer so stocksteif da und blicken so bierenst. Ich weiß nicht, was daran so lustig sein soll.“

Und damit sind wir schon fast bei Reaktion Nummer drei, die mir in wirklich jedem Nachruf auf Loriot, den ich gelesen habe, aufgefallen ist. Sie geht ungefähr so: Loriot hat uns Deutschen den Humor beigebracht. Nun ist er tot und wir sind wieder das unlustigste Volk der Welt. Dabei war Loriots Humor nur möglich, weil wir das unlustigste Volk der Welt sind. Denn entweder sind Menschen humorvoll, lustig oder lachen wenigstens gern. Oder sie sind bemüht, all das nicht zu sein. Dann sind sie erst so richtig komisch.
Karneval ist das beste Beispiel dafür. Wer einmal den fröhlich-chaotischen Straßenkarneval in Brasilien miterlebt hat, der empfindet einen deutschen Karnevalsumzug so locker-leicht wie eine nordkoreanische 1. Mai-Parade. Dieses bemühte „Wir haben bis Aschermittwoch Zeit, um fröhlich zu sein“ – das ist einfach irrsinnig komisch. Bürgerinitiativen, die bei ihren Anliegen einfach keinen Spaß verstehen, sind genauso komisch: „Diese Stromtrasse, die da gebaut werden soll – man weiß gar nicht mehr, ob man überhaupt noch Kinder in diese Welt setzen soll“. Thilo Sarrazin: Es kann kein Zufall sein, dass Loriot in so vielen Sketchen Brille und Schnauzbart trägt. Oder Helmut Schmidt, der den Eindruck erweckt, jeden noch so schwierigen ökonomischen Zusammenhang zu verstehen, der aber seit 30 Jahren die einfache politische Wahrheit nicht kapiert, dass er nicht mehr Bundeskanzler ist. Auch das ist pure Komik.

Kurz gesagt: Mit Loriot ist der deutsche Humor keineswegs gestorben. Der deutsche Humor ist erst in Gefahr, wenn wir eines Tages zu einem fröhlichen und lustigen Volk mutieren, das sich selbst nicht so ernst nimmt. Also keine Sorge: Davon sind wir noch weit entfernt.

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

2 Antworten zu "Zu: Stocksteif und bierernst. Loriot."

  1. [...] Anlass in einer Bilderstrecke noch einmal die schönsten Szenen zusammengepackt. Auf dem Blog nochweiter wird dagegen rekapituliert, wie sehr Loriot die Gemüter der Menschen spaltete: Entweder ein [...]

  2. p-a sagt:

    ohh ja, das ist wahr. man muss aber gar nicht erst in die zentren des rheinischen frohsinns gehen, um auf loriots wiedergänger zu stoßen. zwischen 10 und 20 uhr werktags können wir sie auch zu hauf in ihrer natürlichen umgebung beobachten, den einkaufszentren: männer in auberginefarbenen freizeithemden und frauen mit wilden fransenfrisuren; wie sie durch das karstadt in der leipziger innenstadt mit sektglas schlendern und ganz unruhig auf die nächste vorführung des springbrunnenspektakels warten. “aber nich zu lange; ich will dann draußen nochmal die zigeunergruppe sehen, gell martin!” [sic]
    und überhaupt: in der leipziger innenstadt läuft schon seit jahren ein einziger endlos-sketch von loriot. so bleibt uns der gute herr von bülow wohl auch nach seinem tod noch lange erhalten…

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