Zu: Altwerden

Wenn es eine Sache gibt, bei der wahrscheinlich alle Erwachsenengenerationen übereinstimmen, dann ist es der Satz: Die Jugend von heute ist die schlimmste, die es je gab. Für dieses Gefühl muss man gar nicht alt geworden sein, es reicht schon, wenn man bloß ein bisschen älter geworden ist. So Ende 20, wie unser Kolumnist Jan Kröger. Schon da ist einem die Lebenswelt der Jugendlichen vollkommen fremd geworden – wie er vor kurzem feststellen musste.

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Wenn es zwei Dinge gibt, die Menschen nicht wollen, dann ist es erstens früh sterben und zweitens alt werden. Am besten beides nicht. Da sind sich die meisten auch einig. Aber woran merkt man, dass man alt geworden ist? Da gibt es Unterschiede. Man findet plötzlich Kreuzfahrten und Busreisen toll, Kräuter- und Obstschnäpse schmecken besser als Bier und Wein, die Hauptmahlzeit des Tages heißt Kaffee und Kuchen, Tennis ist ein extrem spannender Sport, das Fernsehprogramm am Samstagabend ist richtig gut, man hat Angst, seine Wohnung zu verlassen, weil genau in dieser Zeit der Postbote kommen dürfte und dann irgendein Nachbar aus dem Treppenhaus das große Windelpaket entgegennimmt.

Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

So weit ist es nun noch nicht, aber auch ich mit 27 bin natürlich schon alt geworden. Das erste Altwerden bemerkt man zum Beispiel, wenn man die „Bravo“ durchblättert und all die Stars, über die dort berichtet wird, einfach nicht kennt. Mein erstes Altwerden fällt demnach zusammen mit dem Durchbruch von Tokio Hotel. Das erste Altwerden ist auch besonders bitter, denn es ist ja erst vor einer Viertelstunde gewesen, dass man noch selbst jung war. Aber man gewöhnt sich schnell dran und beginnt, sich über die Jugend von heute aufzuregen. Dazu gibt es auch keine Alternative, denn entweder sind Jugendliche dreist, weil sie Du zu mir sagen, oder sie sind dreist, weil sie mich siezen und ich ja wohl verdammt noch mal nicht alt aussehe. Und gerade wenn man denkt, ab zehn Jahren Altersunterschied gibt es eh keine Berührungspunkte mehr, verwirren sie einen vollends.

Es war letzten Montag, ich war in Hamburg und fuhr S-Bahn. Neben mir zwei Jungs, zu alt für Lego, zu jung fürs Autofahren. Der eine redete den anderen immer wieder an mit: „Jo, Digger!“ Cool, dachte ich, Digger war schon zu meiner Zeit eine ganz normale Anrede, zumindest in der norddeutschen Tiefebene. Und dann setzt der Junge noch einen drauf und beschreibt irgendwas, das er als alt oder zu spät gekommen ansieht mit den Worten: „Ey, Digger, das is’ voll after eight!“

Geil, dachte ich. After Eight, die Schokospezialität der 90er, die meine Oma mir so oft schenkte, bis ich nur noch zartbitter umhüllten Pfefferminzschleim kackte – der Junge kennt After Eight. Ich wollte ihn schon ansprechen und mich nochmal zwölf Jahre jünger fühlen. After Eight – gibt’s das überhaupt noch?

Und erst da fiel mir auf, was after eight für ein guter Ausdruck ist – für Dinge von vorgestern. Auch ich wäre für den Jungen after eight gewesen. Und Digger hätte er mich bestimmt auch nicht genannt. Und wenn, dann hätt’s eine gelangt. Aber sowas von.

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

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