Zu: Untergang des Abendlandes

Lange wurde er uns versprochen, nun ist er endlich da: der Untergang des Abendlandes. Das heißt: In einzelnen Grundschulen in Hamburg soll nicht mehr die Schreibschrift unterrichtet werden. Und nun fürchten Sprachvereine das Aussterben deutscher Schriftkultur. Jan Kröger war das an sich herzlich egal – bis er feststellte, dass der Begriff „Schreibschrift“ ein paar frühkindliche Wunden wieder aufreißen ließ.

 In Kooperation mit detektor.fm

Wenn Deutschland eines Tages mal wieder Krieg führen wird und für geheime Dokumente eine geheime Schrift braucht, dann wäre die deutsche Schreibschrift ideal: Dieses Grundschulgekrakel ist für andere Völker einfach unleserlich. Aber die Aussichten auf den ersten Sieg in einem Weltkrieg sind schlechter geworden: In einzelnen Schulen unseres Vaterlandes wird künftig die Schreibschrift nicht mehr unterrichtet. Wer sie schon immer loswerden wollte, sollte sich also nicht zu früh freuen: Wenn der Russe am Rhein steht und unseren Kindern seine 33 Zeichen für eben so viele nicht unterscheidbare Zischlaute aufzwingen wird, dann werden wir es noch bereuen, unserer Schreibschrift untreu geworden zu sein.
 
Ungefähr auf diesem Niveau führen Pädagogen derzeit eine Debatte, die für mich und meine Grundschullehrer leider 20 Jahre zu spät kommt. Wenige Tage nachdem ich meinen ersten Deutschaufsatz in Schreibschrift aufs kratzige Umweltpapier gekrampft hatte, hörte ich erstmals vom Alkoholproblem meiner Lehrerin. Ich habe bis heute nie darüber gesprochen, aus Scham, denn es ist völlig klar, dass es da einen Zusammenhang gab. Und ich schäme mich noch mehr, weil ich für mein Geschmiere auch noch gute Noten bekam. Immerhin lernte ich so schon früh eine Grundregel des deutschen Kulturbetriebs: Wer so schreibt, dass es absolut niemand lesen kann oder lesen will, der bekommt grundsätzlich gute Kritiken.
 
So brachte mich meine Sauklaue auch problemlos aufs Gymnasium, und erfüllte damit wenigstens einen Zweck – wenn sie schon zum eigentlichen Sinn des Schreibens, der Verständigung, absolut nicht taugte. Im Rückblick war sie nur ein Fall von vielen, denn die Schulzeit ist voll von Problemen, die schon an sich überflüssig sind. Noch sinnloser sind aber die Lösungen dieser Probleme. Hängt zum Beispiel eine Eisenstange in einer Turnhalle, dann weiß ich, was zu tun ist: dran vorbeigehen, sonst stoße ich mir den Kopf. Stattdessen soll ich auf die Stange zugehen, mich auf sie stützen und mich mehrfach um sie herumwickeln, ehe ich auf demselben Flecken Erde zu stehen komme, den ich vor einer Minute vergeudeter Lebenszeit verlassen habe.

 
Ob Geräteturnen oder Schreibschrift, eigentlich ist es egal, ob es gelehrt wird oder nicht. Beides ist vielmehr ein hoffnungsloses Phänomen. Da wollen wir Deutschen unseren Kindern Körperbeherrschung, Kringel und Schnörkel beibringen. Und ändern am Ende doch nichts an unserem wohlverdienten Weltruf: der Deutsche, das hüftsteife Effizienzmonster.

Foto: knipseline / pixelio.de
 

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