Zu: Schlagzeilen

Du bist 16, gehst zur Schule und hast es noch nie zu Deutschland sucht den Superstar oder Germany’s Next Topmodel geschafft? Noch schlimmer: Du warst noch nicht mal Statist bei Richter Alexander Hold , dein Name stand noch nie in der Bild? Höchste Zeit, das zu ändern. Es gibt viele Rezepte, es in die Schlagzeilen zu schaffen. Unser Kolumnist Jan Kröger stellt das neueste vor – beginnt aber mit dem garantiert ältesten.

In Kooperation mit detektor.fm.

Mit einer ordentlichen Portion Herbizid ätzten Schüler in Neuseeland sechs Riesen-Penisse in den Schulrasen. Der Satz klingt so schön, ich musste ihn einfach abschreiben. Diese Qualitätsmeldung las ich auf Spiegel Online. Faszinierend, was Neuseeländer unternehmen müssen, damit sie auch mal in mitteleuropäischen Nachrichten auftauchen.

So vertraut man am anderen Ende der Welt also der ewigen Strahlkraft vom anderen Ende des männlichen Oberkörpers. Aber während es Europäer wie Sarkozy oder Berlusconi sogar in den Politikteil schaffen, obwohl ihre wesentlichen Beiträge zur Nachrichtenlage ebenso pimmelzentriert sind, müssen sich die Neuseeländer begnügen mit der Rubrik “Auch das noch…” oder wie diese Kästen auf der letzten Seite von Provinzpostillen heißen, in denen an sich witzige Begebenheiten so elanfrei nacherzählt werden, dass sie den Leser, ohne dass er es will, in den Mittagsschlaf befördern.

Also: Je mehr Schwänze, umso größer die Chance, gedruckt zu werden – das gilt natürlich weiterhin. Aber wer dafür nicht den weiten Weg aus Neuseeland gehen muss, der kann es auch ganz schwanzfrei schaffen. So wie die 16-jährige Thessa aus Hamburg. Da es ihr ohnehin an einer entscheidenden Voraussetzung für die Pimmelmeldung mangeln dürfte, hat sie gleich einen neuen Medientrend entworfen: die Massen-Geburtstagsparty. Per Facebook hatte sie eingeladen und dabei, wie sie sagt: vergessen, dass die Einladung nur für Freunde sichtbar sein sollte. So waren es rund 16.000 Leute, die Thessa ihr Kommen versprachen. Im Grunde enttäuschend, dass am Ende nur 1.500 Leute vor ihrem Elternhaus gestanden, gesoffen und abschließend randaliert haben. Das Ganze war Thessa so peinlich, dass sie alles der Bild-Zeitung beichten musste. Ganz in der Nähe von Hamburg liegt übrigens Ahrensburg. Dort feiert Lukas heute seinen 18. Geburtstag, er erwartet 20.000 Leute. Ahrensburg hat 31.000 Einwohner.

Was nach Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Polizisten klingt, ist aber in Wahrheit eine rettende Idee für Deutschlands trostloseste Großflächen und Gebäude: in Berlin, wo früher Stadtschloss und Palast der Republik standen, in Düsseldorf, wo das Thyssen-Hochhaus leer steht, in Ludwigshafen, wo es nicht mal besser wird, wenn man die Stadt nach Osten verlässt, weil da Mannheim liegt – egal, dank spätpubertierender Geburtstagskinder wird die Bauruine zur Partymetropole. Und wenn der 17-jährige Ronny in Leipzig endlich mal wieder das vereinsamte WM-Stadion füllen möchte, aber noch nicht genügend Zusagen hat, dann kann er ja immer noch zum letzten Mittel greifen – und ein paar Pimmel in den Rasen mähen.

Foto: Rike / pixelio.de

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

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