Zu: Personenkult

Alle Menschen sind gleich. Dieses Ideal ist in der Wirklichkeit schwer zu finden: Ob Staaten, Großkonzerne oder Sportverbänden – ein Großteil davon wird geführt von Alleinherrschern, Prototyp „Grauhaariger im Anzug“ oder „Genussmensch in Militäruniform“. Und wenn Einzelne eben gleicher sind als alle anderen, dann ist ein Phänomen nicht mehr fern: der Personenkult. Was es mit dem auf sich hat, erläutert Jan Kröger.

In Kooperation mit detektor.fm

Früher gab es Menschen, die waren irre, bekloppt oder verrückt. Dann entstand die moderne Psychologie und seitdem gibt es andere Worte dafür: Mein Lieblingsbegriff ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Wer zum Beispiel regelmäßig im Internet etwas von sich gibt, im selbstverliebten Glauben, jemand würde ihm zuhören, der ist ein klarer Kandidat für diese Diagnose.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung hieß früher ganz einfach „Mann“. Den Gestörtesten von allen wurden Denkmäler gebaut: Caesar zum Beispiel, Napoleon oder Bismarck. Und schon sind wir bei einem der komischsten Phänomene, die die Menschheit zu bieten hat: dem Personenkult.

Der Goldene Reiter in Dresden. Foto: Renate Franke / pixelio.de

Dem hat die Welt viel zu verdanken, in erster Linie die zweithässlichste Kunstgattung aller Zeiten: Reiterstandbilder. Muskulöse Feldherren in stolzer Rüstung, die kämpferisch das Schwert zücken oder gönnerhaft ihre Hand erheben – kaum eine europäische Stadt kommt ohne diesen Kitsch aus. Auch Menschen aus anderen Erdteilen konnten uns bislang nicht von diesen Scheußlichkeiten befreien, im Gegenteil: Ein Reisebus mit Japanern ist zur Vollbremsung gezwungen, sobald sich irgendwo ein Reiterstandbild abzeichnet. Womit wir dann auch die hässlichste Kunstgattung aller Zeiten hätten: Digitalfotos von Reiterstandbildern.

Genau davon lebt der Personenkult: So lächerlich die eitle Selbstdarstellung ist, die Bewunderung ist noch ein Stück erbärmlicher. Oder lustiger, je nachdem wie man es nimmt. Beispiel Türkei. Jede türkische Stadt, die etwas auf sich hält, braucht ein Denkmal von Staatsgründer Kemal Atatürk. Da aber ein Denkmal nicht reicht, benennt man auch gleich das Fußballstadion nach ihm. So spielen gleich vier türkische Erstligisten im Atatürk-Stadion, zwei weitere im Stadion des 19. Mai. Der 19. Mai ist ein nationaler Feiertag zu Ehren von Kemal Atatürk.

Aber: Nicht jeder Gestörte erhält die Bewunderung, die er selbst gerne hätte. Diese traurige Erfahrung musste der Fußballfunktionär Nicolas Leoz aus Paraguay machen. Seine Idee: Er hätte für die WM-Bewerbung Englands gestimmt, wenn der englische Pokal künftig Nicolas Leoz-Pokal geheißen hätte. Fassen wir es mal so zusammen: England hat die WM nicht bekommen.

Also: Wenn Personenkult, dann immer schön drauf achten, dass man der Reiter ist und nicht das Pferd. Am besten aber nichts von beidem. Was mich angeht, nehme ich jetzt meine Fotokamera und arbeite weiter an meinem geplanten Bildband „Die hässlichsten Reiterstandbilder Europas“.

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

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