Außen hui und innen auch

Leipzig ist Bach-Stadt, Leipzig ist Mendelssohn-Stadt und Leipzig ist Mahler-Stadt – irgendwie und vielleicht nicht ganz so sehr. Aber sie ist es. Das haben gerade erst 13 Tage Internationales Mahler Festival gezeigt. Und das zeigt auch ein neues Buch über die Leipziger Zeit des großen Symphonikers. „Mahler in Leipzig“, so heißt der Band. Schlichter Titel, der Inhalt ist es ganz und gar nicht.

Von Ute König

Gerade einmal 22 Monate war Gustav Mahler in Leipzig. Doch diese Zeit hatte es in sich. Allerdings war Mahler selbst von der Stadt an der Pleiße nicht immer sehr begeistert. Erst wollte er unbedingt nach Leipzig, dann wieder ganz und gar nicht. Die Aussicht, seinem größten Konkurrenten Arthur Nikisch – damals erster Kapellmeister am Stadttheater – untergeben zu sein, war nicht sehr verlockend. Doch 1886 musste Gustav Mahler wohl oder übel nach Leipzig, denn der Vertrag für die Stelle als zweiter Kapellmeister am Leipziger Stadttheater war bereits unterschrieben. Nach anfänglich wenig Respekt und Anerkennung bei Presse, Musikern und Öffentlichkeit, konnte Mahler in Leipzig doch noch große Erfolge als Dirigent feiern. Schließlich wurde er in Leipzig sogar zum Symphoniker. Damit rühmt sich Leipzig bis heute.

Detailarbeit nach 100 Jahren

Dass bisher nur einzelne Aufsätze erschienen sind, jedoch kein komplettes Buch über Mahlers Leipziger Zeit, ist deshalb verwunderlich. Pünktlich zu seinem 100. Todestag wurde dieses Versäumnis vom Gewandhaus Leipzig aber nachgeholt. Die Grundlage für „Mahler in Leipzig“ war zunächst eine Magisterarbeit, die Sonja Riedel 2005 am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig vorgelegt hat. Umfassend revidiert und erweitert wurde die Arbeit zur Grundlage des Bandes. Akribisch hat Sonja Riedel Quellen zusammengetragen, ausgewertet ergibt sich daraus ein detailliertes Bild von Mahlers Arbeit und Leben.
Mit ihren Recherchen konnte Sonja Riedel vereinzelt Daten korrigieren und neue Details ans Tageslicht bringen, die bisher übersehen wurden: Beispielsweise stimmt die heutige Hausnummerierung in der Gottschedstraße nicht mit der am Ende des 19. Jahrhunderts überein. Mahlers erstes Wohnung in der Gottschedstraße 4 soll sich laut Riedel also in der heutigen Nummer 25 befunden haben. Eine neue Information, die wohl besonders Mahler-Pilger erfreuen dürfte. Wissenschaftlich von deutlich größerer Bedeutung ist ein dem Band angehängtes Aufführungs- und Werkverzeichnis, das besonders neue Aufschlüsse über Mahlers zweite Spielzeit bringt.
Ergänzt werden Sonja Riedels biographische Texte mit Beiträgen weiterer Musikwissenschaftler, darunter unter anderem die Mahler-Experten Constantin Floros, der „Mahlers Weg zur Sinfonie“ nachzeichnet, und Henry-Louis de La Grange mit einem Essay über „Mahlers Musik“. Auf Gustav Mahlers Beziehung zur jüdischen Gemeinde, die letztendlich jedoch nur Mutmaßungen bleiben, konzentrieren sich Thomas Schinköth und Steffen Held.

Das Auge liest mit

„Wenn wir in der Bach-Stadt ein Buch über Gustav Mahler machen, dann muss es ein besonderes Buch sein – auch in der Gestaltung“, preist Herausgeber Claudius Böhm den neuesten Band des Kamprad-Verlages an. Gestalterisch hebt sich der Band tatsächlich von gewöhnlichen wissenschaftlichen Büchern ab. Der Buchgestalter Markus Dreßen verpasst dem Buch einen edlen Leineneinband mit silberner Prägung. Im Inneren ist der Band farblich und sprachlich zweigeteilt. In den linken Spalten findet sich jeweils der deutsche Text, in schwarz. In blauer Farbe gegenübergestellt ist diesem eine englische Übersetzung. Was beim Lesen etwas Gewöhnung braucht, ist für internationale Leser eine praktische Lösung. Gerade bei Zitaten kann so einfach mit den Originalen verglichen werden.

Für’s Auge sind auch die sieben Bilderinseln. Neben Portraits und Karikaturen von Gustav Mahler sind unter anderem auch historische Bilder von Leipzig abgedruckt. Gerade weil die meisten Wirkungsstätten Mahlers heute nicht mehr existieren, erhält man als Leser damit einen authentischen Eindruck vom damaligen Leipzig. Damit wird „Mahler in Leipzig“ nicht nur ein neues Stück in der Mahler-Forschung sondern auch ein anschauenswerter Beitrag für die Leipziger Musikstadt-Geschichte.

Claudius Böhm (Hrsg.): Mahler in Leipzig. Kamprad-Verlag Altenburg 2011.

Wurde 1983 in Stuttgart geboren, ist 2004 nach Leipzig ausgewandert, studiert dort seither Journalistik und Musikwissenschaft, machte 2008/2009 einen Abstecher in den hohen Norden für ein Volontariat in Cuxhaven und setzt nun alles daran, bald ihre Diplom-Urkunde übers Bett hängen zu können.

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