Jippie, wir kriegen eine Markthalle. Aber was genau heißt das?

Serbische Pfifferlinge in Bamberg, Foto von http://www.flickr.com/photos/barockschloss/Was für eine Allianz: Der Kreuzer, eine gewerkschaftlich gestützte Arbeitsloseninitiative, die lokale BILD-Ausgabe, die Stadtverwaltung, ein geschätztes und gutbesuchtes Architektur-Forum – sie alle sind für eine neue Markthalle, schon seit Jahren. Auch den “versorg dich selbst”-Ideologen werden bei diesem Thema regelmässig die Knie weich. Nun hat die Stadtverwaltung angekündigt, im Mai einen Bebauungsplan für den östlichen Leuschnerplatz einzubringen – in etwa dort, wo einmal die alte Markthalle stand. Dort, wo für eine neue Markthalle nach Sadtratsbeschluss von 2008 “Baurecht geschaffen” werden soll. Es wird also bald ernst. Wobei “bald” undefiniert bleibt.

Die Vision: Nette Menschen verkaufen Zeug an ebenso nette Menschen. Obst, Gemüse, Brot, Fleisch und den anderen Kladderadatsch.

Danach spaltet sich die Vision offenbar bereits.

So spricht der flugs aufgesprungene Projektentwickler, die nicht eben graswurzelorganisierte Leipziger Stadtbau AG, auf der Website markthalle-leipzig.de bereits von “Erlebniseinkauf” und “Spezialitäten”. Der humorvollste Satz: Im Angebot enthalten sein sollen auch “regionale Besonderheiten (Büffel, Bison, Strauß…)”. Ein größeres Feinkostgeballer steht zu befürchten, die entsprechenden Abteilungen von Karstadt und Kaufhof können sich schonmal warm anziehen.

Das klang 2007 noch anders. Die Planer einer Arbeitsloseninitiative sprachen damals nicht so sehr von der konkreten Optik, sondern eher von den Möglichkeiten. Kleingärtner könnten in der Markthalle ihre Erzeugnisse verklingeln, sich damit ein Zubrot verdienen, hieß es. Regionale Wirtschaftskreisläufe sollten gefördert und gebündelt werden, schön zentral.

Einstweilen müssen sich Leute, die ihrer Scholle Produkte niederschwellig vermarkten wollen, mit Tauschringen zufrieden geben – oder schlicht dem klassischen Mitbringen/Tauschen unter Freunden. Überschüssiges Obst kann man ja auch in die Lohnmosterei bringen.

Wegen der Möglichkeit, dass mit der Markthalle auch mehr lokale und regionale Produkte zentral kaufbar würden, fanden auch Grüne und Klima-Allianz das Projekt toll – wenn denn Solardach und hinreichend Fahrradparkplätze teil der Projektierung werden.

Abgesehen vom Bebauungsplan müssen nun alle Beteiligten klären und kommunizieren, was sie mit der Markthalle konkret vorhaben – Stadt UND Investor.

Es ist unredlich, der Bevölkerung zwecks Meinungsbildung eine nur unzureichend klare Vision anzubieten. Denn es stellt sich die Frage, ob lokale und regionale Produkte im Fokus sind und bleiben. Ob Verwaltung und Betreiber Kleingärtnern überhaupt den Verkauf ihrer Tomaten, Gurken etc. ermöglichen wollen (und können, schon wegen der Hygienevorschriften). Ob es nicht darauf hinausläuft, dass die üblichen Profi-Markthändler weiterhin den Großteil ihrer Waren im Radefelder Großmarkt besorgen und nun eben überdacht verkaufen. Ob regional nicht vielleicht auch in diesem Fall heißt: regionaltypisch, aber woanders produziert und dann hunderte Kilometer durch die Landschaft gekarrt. Ob es um die Produktion schnuckeliger Markthallenatmosphäre geht – oder um eine echte Markthalle.

Haben wir Konsumenten überhaupt ein ausreichendes Interesse an einer lokalisierten/regionalisierten Markthalle? Die Facebook-Seite zum Thema hat erst 143 Fans, die Biomärkte sprießen allerorten und zuwenig Einkaufsflächen im Lebensmittelhandel hat Leipzig wahrlich nicht.

Und: Gibt es die vielbeschworenen regionalen Produkte überhaupt noch? Beispiel: Neulich stand ich im Geschäft von einem der wenigen in Leipzig übriggebliebenen Fischhändler, und fragte nach einem Zander. Er grinste nur: Gibt es nicht mehr. “Nur noch als Tiefkühlware aus Osteuropa – oder Sie gehen angeln”.

Ich freue mich auf eure Meinungen.

Bild: flickr.com/photos/barockschloss/4849441166/ | Creative Commons Attribution License

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: Dirk Stascheit, Gemein(t) · Etiketten: , ,

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


[caption id="" align="alignleft" width="250" caption=" "][/caption] Die Ereignisse in Japan haben in den letzten Tagen wohl kaum jemanden in Ruhe ...