Zu: Streik

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Wer heute Vormittag Bahn fahren wollte, kam wahrscheinlich nur schwer voran: Die Lokführer haben wieder gestreikt. Zwischen halb neun und halb zwölf fielen einige Züge ganz aus, andere sammelten manchmal mehr als zwei Stunden Verspätung an. Unser Kolumnist Jan Kröger war zumindest heute nicht davon betroffen – dafür hat er sich überlegt, wie er streiken würde, wenn er nur könnte.

Bild: Peter von Bechen/pixelio.de

Wenigstens musste ich heute nicht mit der Bahn fahren. Erst nächsten Donnerstag ist es so weit. Dann darf ich hoffen, dass ich höchstens vertraute Begründungen über den Lautsprecher höre: Störungen im Betriebsablauf, Triebwerksschaden, Weichenstörung. An sowas hab ich mich gewöhnt – mit Streik kenne ich mich stattdessen nicht aus. Wie denn auch? Erst war ich Schüler, dann Student, nun krieg ich mein Geld auf Honorarbasis – da gibt’s nicht viel zu streiken. Und was meine ersten Geldgeber betrifft, also meine Eltern: Wenn man als Kind nicht sein Zimmer aufräumen will, dafür aber länger fernsehen, dann bezeichnet man das nicht als Tarifverhandlung. Es sei denn, Papa ist Gewerkschaftsboss. War meiner aber nicht.

Tja, was also ist ein Streik? So wie ich es verstehe, läuft das so ab: Erst sieht man Menschen mit Warnweste und Trillerpfeife im Fernsehen, dann kommt ein Mann im Anzug, der sagt: „Natürlich macht unser Unternehmen Milliardengewinne, wir dürfen das jetzt aber nicht durch Lohnerhöhungen gefährden“ – dann beschimpft man sich eine Weile, dann vermittelt Heiner Geißler und alle haben sich wieder lieb.

Das gilt jedenfalls für Streiks in Deutschland. Deutsche Streiks haben nämlich zwei Besonderheiten. Erstens: Sie werden gar nicht immer „Streik“ genannt, sondern oft heißen sie „Arbeitskampf“. Das muss mit unserer preußischen Tradition zusammenhängen: Streik klingt wie etwas, das auch faule Südländer hinkriegen. Das Wort „Arbeitskampf“ hingegen setzt sich aus den preußischen Lieblingstätigkeiten zusammen und klingt nach rastloser Aktivität – dabei meint es das genaue Gegenteil. Vor allem aber: Im internationalen Vergleich sind deutsche Streiks langweilig. Sie sind wie ein öffentlich-rechtlicher Fernsehfilm: Man weiß, es geht irgendwann vorbei, am Ende haben alle gewonnen, und sie kommen völlig ohne Phantasie und Action aus.

Was die Action angeht, ist das auch gut so: Wenn wie im letzten Jahr bei spanischen Fluglotsen und griechischen Truckern das Militär anrückt, um den Streik zu beenden, läuft da was schief. Aber phantasievoll streiken, das wär mal was: In Genf streiken gerade die Polizisten, indem sie sich nicht rasieren. Sie gehen zwar auf Streife, allerdings in Zivil, und: Sie verteilen keine Strafzettel. So gewinnt man die Sympathie der Bevölkerung, sieht man mal ob von Erdgeschossrentnern, deren Tagesinhalt im Anzeigen von Falschparkern besteht.

Also, liebe Lokführer, lernt von den Genfer Polizisten! Eure jetzige Strategie schadet doch dem am wenigsten, den es treffen soll: eurem Arbeitgeber. Die Passagiere brauchen trotzdem ihre Tickets, die Beschwerden der Kunden schluckt das Servicepersonal und ein Image hat die Bahn eh nicht mehr zu verlieren. Wie wäre es also, wenn ihr euch mal mit dem übrigen Zugpersonal zusammentut, die Züge fahren, nur die Fahrkartenkontrolle fällt halt ein, zwei Tage lang aus.

Aber wie ich schon gesagt habe: Mit Streiks kenne ich mich einfach nicht aus.

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

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