Zu: Ägypten

Seit mehr als einer Woche demonstrieren Millionen Ägypter für einen Wandel in ihrem Land. In einem Punkt sind sie sich alle einig: Sie fordern den Rücktritt von Präsident Mubarak. Seit 30 Jahren regiert er Ägypten als Alleinherrscher. Aber: Über all die Jahre war er ein wichtiger Verbündeter in der Region, für die USA, für Israel und für Europa. Ganz besonders Europas Politiker wirken nun hin- und hergerissen – für unseren Kolumnisten Jan Kröger sind sie damit die ideale Besetzung für eine Tragikomödie.

Ich bin ein großer Fan von Ironie und schwarzem Humor. Und deswegen bin ich seit gestern auch Fan von Ägyptens Präsident Husni Mubarak. In einem Interview sagte er: “Wenn ich heute zurücktrete, wird Chaos ausbrechen.” Zum Glück ist er ja nicht zurückgetreten, also gibt es auch kein Chaos in Ägypten, sondern nur Straßenschlachten mit hunderten Toten und unzähligen Verletzten, mit Gewalt, wo zunächst friedlich demonstriert wurde, und mit einer Armee, die bei unabhängiger Berichterstattung keinen Humor versteht. So wurden auch mehrere französische Journalisten weggeführt und stundenlang verhört, während ihnen die Augen verbunden waren. Grund genug für Frankreichs Außenministerin Alliot-Marie, dem Mubarak zu zeigen, dass auch sie ein Gespür für Ironie besitzt: Sie nannte die Misshandlungen ihrer Landsleute “nicht hinnehmbare Zwischenfälle”.

Oder verstehe ich da etwas falsch und Europas Politiker sind eigentlich nur unfreiwillig komisch? Der Verdacht kam mir am Mittwochabend, bei einem Fernsehinterview mit Guido Westerwelle. Bundesaußenminister Westerwelle – das klingt auch nach mehr als einem Jahr genauso echt wie “Bundestrainer Lothar Matthäus”. Jedenfalls redete der arme Kerl minutenlang über Ägypten, ohne wirklich zu wissen, was er da soll. Er achtete darauf, möglichst oft die Worte “Freiheit” und “Demokratie” einzustreuen – dabei weiß Guido Westerwelle doch ganz genau, was ein Land wie Ägypten jetzt braucht: Steuersenkungen natürlich.

Und dann Catherine Ashton. Wer kennt sie nicht? Gut, sie ist ja auch nur so etwas wie die Außenministerin der Europäischen Union, oder wie es immer so schön heißt: Sie soll der Außenpolitik der EU ein Gesicht geben. Wer das Gesicht von Catherine Ashton kennt, wird erleichtert sein, dass EU-Außenpolitik schon vorher keine Rolle im “Playboy” gespielt hat. Während ich nach dieser chauvinistischen Bemerkung darauf hoffe, endlich einmal Fanpost von Alice Schwarzer zu kriegen, lenke ich lieber ab auf den Satz, der im Zusammenhang mit Catherine Ashton am häufigsten fällt: “Europa muss mit einer Stimme sprechen.” Richtig so, findet auch Silvio Berlusconi, ein Mann mit dem Grundsatz “Eine Stimme, das heißt: Meine Stimme.” Und so übertrifft Berlusconi heute all die Laienkomiker der letzten Tage, indem er sagt: Ägypten brauche jetzt ein “demokratisches System, mit einem Präsidenten wie Mubarak.”

Zum Glück gibt es ja noch einen EU-Vertrag: Darin steht, dass Grundrechte wie die freie Meinungsäußerung, auch bei Demonstrationen, auf der ganzen Welt gültig sind. Ja, wer konnte denn verdammt nochmal erwarten, dass nun ausgerechnet Araber darauf bestehen?

Ich hab in den letzten Tagen so viel über Ägypten gelesen, um zu ahnen, dass dem Problem Mubarak noch viele weitere Probleme folgen werden. Doch mir geht es hier um etwas ganz Einfaches: Ich bin froh darüber, dass ich seit Mittwoch meine zwei ägyptischen Kumpels wieder per Internet erreichen kann. Das ist keine Kleinigkeit, das ist ein Grundrecht. Aber sowas muss ja nicht überall gelten.

Bild: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

5 Antworten zu "Zu: Ägypten"

  1. nied sagt:

    In Ägypten gibt es Unruhen, Bürgerkrieg in den Hauptstädten und die westlichen Ländern finden zu keinem gemeinsamen Standpunkt. Die einen, wie Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon fordern sofort freie Wahlen, während Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi Mubarak den Rücken stärkt. Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn letztlich muss das Ägyptische Volk entscheiden, wie es weitergehen soll. In meinen Augen ist dieser Mohamed ElBaradei nur einer, der jetzt auf den fahrenden Zug aufspringen will, um mal schnell ein Präsidentenamt abzustauben. Der ist in meinen Augen auch nicht demokratisch legitimiert.

  2. tee sagt:

    schon hunderte tote? das klingt in den (anderen) nachrichten aber etwas anders.

  3. tee sagt:

    Na vielleicht auch nicht, ihr seid wohl noch weiter ;)

  4. tee sagt:

    Zum Glück gibt es ja noch einen EU-Vertrag: Darin steht, dass Grundrechte wie die freie Meinungsäußerung, auch bei Demonstrationen, auf der ganzen Welt gültig sind. Ja, wer konnte denn verdammt nochmal erwarten, dass nun ausgerechnet Araber darauf bestehen?

    1. In welchem Artikel soll das denn stehen?
    2. Der EU-Vertrag hat Gültigkeit in EU-Staaten. Die dort postulierten Grundrechte (bzw. der Bezug auf Charta der Grundrechte der Europäischen Union) sind mitnichten auf der ganzen Welt gültig. Die EU maßt sich ja viel an, aber soviel nun auch wieder nicht.
    3. Bestehen tut auch in Ägypten niemand auf solche Rechte, die Leute dort fordern sie ja erstmal.

  5. tee sagt:

    In meinen Augen ist dieser Mohamed ElBaradei nur einer, der jetzt auf den fahrenden Zug aufspringen will, um mal schnell ein Präsidentenamt abzustauben. Der ist in meinen Augen auch nicht demokratisch legitimiert.

    Er muss für eine Übergangsregierung (also bis zu den demokratischen Wahlen!) auch nicht legitimiert sein.
    Und er stellt sich überhaupt nicht zur Verfügung.

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