Von Tunesiern in Frankreich

In Leipzig habe ich selten Leute «mit Migrationshintergrund» getroffen. Auf der Strasse,
an der Uni, egal wo. Sie waren einfach zu wenige oder sie wohnten weit weg. Es gibt natürlich viele Gründe, um es zu erklären: Im Vergleich zu Berlin, Hamburg oder München bietet Leipzig bestimmt noch zu wenig wirtschaftliche Sicherheit, um «attrakiv» zu sein…

Von Ariane Kujawski

Jedesmal, wenn ich aus Leipzig nach Paris kam, musste ich diesen Unterschied merken. Die Leute, die neben mir im Métro sitzen, kommen aus der ganzen Welt. Unter ihnen kommen viele aus dem Maghreb. Zum Beispiel aus Tunesien.

Letzte Woche arbeitete ich als Vertreterin in einer Redaktion in Paris. Da saß eine junge Kollegin, von der ich wenig wusste, weil ich unregelmässig mit ihr zusammen arbeite. Als die Flucht von Präsident Ben Ali offiziell wurde, hat sie angefangen zu erzählen, wie es war. Wie man auf einer Terrasse eines Cafés nichts Politisches sagen konnte, weil Zivilpolizisten überall waren. Wie jedes Handygespräch sehr vorsichtig geführt seinsollte. Wie man sich gewöhnt hat, manche Themen einfach zu vermeiden wenn man inder Öffentlichkeit war. Sie hatte Tränen im Augen, und musste zugeben: Sie war viel zu gerührt, um weiter arbeiten zu können. Dann hat sie weiter erzählt. Die Redaktion ist stillgeworden, und wir haben ihr zugehört.

Es ist, als ob Frankreich plötzlich seine Tunesier wieder entdeckt hätte. Seit einem Monat
werden sie jeden Tag interviewt über die Lage in Tunesien. Journalisten, Regisseure,
kulturelle und politische Menschen aus Tunesien werden ins Fernsehen eingeladen.
Die «normalen» Menschen auch, manchmal – wie meine Kollegin. Meistens sind sie
dort geboren, viele sind auch hier groß geworden. Viele haben noch Familie dort. Alle
haben eine innige Verbindung zu dem Land. Sie erzählen von ihren Erinnerungen an den
Geruch Tunesiens, an diese Stimmung. Jedesmal spürt man diese Rührung, wenn sie
reden. Sie sind erleichtert, aber sie haben Angst. Vor allem sind sie weit weg von ihren
Wurzeln und es ist ein tiefer Schmerz.

Aber sie sind da und sie reden. Sie erzählen alles, was sie können, damit die Welt dieses
Bedürfnis nach Freiheit verstehen kann. Dafür bewundere ich sie. Dafür bin ich auch
ihnen unheimlich dankbar.

Veröffentlicht unter: Ariane Kujawski, Gemein(t), Notizen aus Groß-Paris

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