Zu: Internetsperren

Die Unruhen in Tunesien, die Demonstrationen in Ägypten – die Aufstände der letzten Wochen haben auch damit zu tun, dass sich Menschen über das Internet zusammengeschlossen haben. Für Ägyptens Regierung haben sie das übertrieben: Seit heute früh hat sie das Internet fast komplett gesperrt. Eine aussichtslose Tat, sagt unser Kolumnist Jan Kröger. Er zeigt auf seine Weise, dass sich ein Internetverbot früher oder später rächen wird.

Die interessantesten Berichte in einer Zeitung sind oft die, die bloß dazu da sind, das Blatt noch irgendwie zu füllen. Sie lassen sich zusammenfassen in Kategorien wie süße Tiergeschichten, Promis privat. Oder “Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden”. Das ist mit Abstand meine Lieblingskategorie, denn eigentlich ist es gar nicht so erstaunlich, was amerikanische Wissenschaftler herausfinden – viel erstaunlicher ist, was sie überhaupt untersuchen. So las ich gestern Abend: Wer Facebook nutzt, hat schneller Sex. Tolle Überschrift, beim Weiterlesen wird es allerdings deutlich banaler: In einer total repräsentativen Umfrage haben 58 Prozent der Männer und 80 Prozent der Frauen gesagt, dass aus einem Flirt viel schneller Sex wird, wenn man sich bei Facebook heiße Nachrichten schreibt – anstelle eines Flirts in der realen Welt.

Ist ja auch kein Wunder, schließlich fallen drei wesentliche Ursachen für missglückte Flirts bei Facebook weg: 1. Man riecht nicht seinen Discoschweiß oder ihr Nuttenparfüm, 2. Man hört keine Piepsstimme, kein besoffenes Gelaber, keinen Raucherhusten oder ähnliche unerotische Reize, 3. Wer schreibt, kommt normalerweise ohne “ääääh” oder anderes schüchternes Gestotter aus – wobei es Menschen gibt, die so oft “ääääh” sagen, dass sie wahrscheinlich auch beim Schreiben nicht drauf verzichten können.

Wer Facebook nutzt, hat schneller Sex – offenbar kam diese Meldung nicht überall gut an, denn heute morgen lese ich plötzlich: Ägyptische Regierung sperrt Facebook. Und nicht nur Facebook, sondern fast das gesamte Internet ist gesperrt. Natürlich hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Aber zu ägyptischer Politik kann ich nichts Tiefgründiges sagen – macht auch nichts, das wird in den nächsten Tagen das Fernsehen tun, dann gibt’s massenhaft Talkshows mit Peter Scholl-Latour. Das ist ein etwa 130 Jahre alter Reporter, der mit so ziemlich jedem Diktator und Milizenführer zwischen Afghanistan und Sudan schon Tee getrunken hat und der deswegen auch seit Kleopatras Zeiten jeden Krieg im Nahen Osten vorhergesehen hat – sogar die Kriege, die gar nicht stattgefunden haben.

Mir geht es um etwas anderes: nämlich den absurden Glauben von Diktatoren, sie hätten das Recht, ihrem eigenen Volk den Kontakt mit anderen Menschen zu verbieten. Egal, ob ein Mubarak in Ägypten oder seine Artverwandten in China, im Iran, in Nordkorea – oder früher in Ost-Berlin.

Ironie der Geschichte: Genau heute lese ich auf der Titelseite der Bild-Zeitung “Honeckers Enkel singt im Internet”. Tatsächlich muss der alte Erich oben aus der Hölle mit ansehen, wie sein Enkel Roberto sich als Straßenmusiker in Chile durchschlägt und nun seine Hoffnung in ein YouTube-Video setzt. Ausgerechnet YouTube – das ist noch schlimmer als Westfernsehen. Also, ihr Mubaraks dieser Welt: Nicht, dass ich es euch zutraue, aber vielleicht wollt ihr ja doch, dass es euren Enkeln mal besser geht.

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

Eine Antwort zu "Zu: Internetsperren"

  1. rhein-main sagt:

    Jetzt geht es los. Die Unruhen greifen auch auf Ägypten und den Jemen über. In der Hauptstadt Sanaa haben Tausende Menschen gegen die Regierung und soziale Ungerechtigkeit demonstriert. Bislang verlaufen die Kundgebungen friedlich. In Ägypten gbit es allerdings Gewaltausbrüche. Erst Tunesien, dann Ägypten und jetzt der Jemen. Die Ursachen sind hier wohl auch haptsächlich in der Armut der Menschen zu suchen. Die Hälfte der Menschen im Jemen muss mit 2 Dollar am Tag auskommen. Ein Drittel der Menschen hat Hunger. Wenn die Menschheit erkennt, dass die Armut ein großer Motivatior für die Terroristen ist und dann etwas dagegen macht, dann wird auch der Terror zurückgehen.

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