Zu: Unwort

In dieser Woche wurde das Unwort des Jahres vorgestellt. Es lautet: „alternativlos“. Die Begründung der Jury: Es soll den Eindruck vermitteln, dass es bei einem Entscheidungsprozess keine Alternativen gebe und dass damit Diskussion oder Argumentation nicht nötig wären. Unser Kolumnist Jan Kröger über das offizielle Unwort 2010 – und ein anderes Unwort, über das er in dieser Woche gestolpert ist.

In Kooperation mit detektor.fm

Ich mag die Wahl zum Unwort des Jahres, ganz einfach weil ich Journalist bin. Als Journalist empfindet man von Natur aus eine gewisse Zuneigung für hohle Phrasen und blödes Blabla. Das Unwort des Jahres 2010 heißt „alternativlos“. Das ist auf den ersten Blick längst nicht so zynisch wie frühere Sieger: „Humankapital“ zum Beispiel, oder „Kollateralschaden“. Aber es ist eine gute Wahl – ich sag gleich noch, warum.

Zunächst musste ich diese Woche an ein anderes Wort denken: die „Parallelgesellschaft“. Das war nie ein offizielles Unwort, obwohl es zweifellos sehr talentiert ist. Es ist seit Jahren ein Riesenerfolg: Wer sich genötigt sieht, irgendwas über Einwanderung („Ausländer – oder wie man das heute nennt“) loszuwerden, kann schnell das Wort „Parallelgesellschaft“ einfügen. Damit zeigt man: Ich mache mir Sorgen um unser Land. Sich Sorgen machen – das ist in diesem Fall ein Statussymbol, denn nur wer sich Sorgen macht, gilt auch als gebildet.

Parallelgesellschaft meint so ziemlich alles, was der Dönermann nach Feierabend macht. Mir jedoch fiel der Begriff ein in dem Moment, als ich die Internet-Seite der Bild-Zeitung ansah. Denn wenn ich mir nicht regelmäßig das Dschungelcamp anschaue, bin ich für diese Seite einfach zu blöd. Und wer verdammt ist diese Cora, die bei einer Brustvergrößerung ums Leben kommt? Und warum ist der Politikteil noch immer voll von Thilo Sarrazin – und neuerdings auch noch von seiner Frau? Alles Menschen, die mich offenbar interessieren sollen, die mir aber scheißegal sind. Bei 12,5 Millionen Bild-Lesern täglich kann das nur heißen: Ich bin eine Parallelgesellschaft. Ich bekenne mich nicht zu unseren Traditionen und Werten, nämlich: Fremdenangst, Kakerlaken und Silikontitten.

Ich klicke mich weiter durch die Seite und stoße auf ein Interview mit Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán. Ein Experte in Sachen Parallelgesellschaft, er macht gerade sein ganzes Land dazu. Schafft mal eben die Pressefreiheit ab, schön für ihn, denn wenn es mit Ungarn nicht voran geht, kann man es ungestört auf die nächste Parallelgesellschaft schieben: Slowaken, Zigeuner, was gerade so da ist.

Damit zurück zum tatsächlichen Unwort, „alternativlos“. Im Bild-Interview schwadroniert Viktor Orbán vor sich hin: „Wir Ungarn betrachten uns als das Volk, das seit dem Aufstand 1956 am meisten Blut und Menschenleben geopfert hat für die Freiheit.“ Wäre dieser Satz ein Essen, er wäre dioxinverseuchte Schweinesülze. Denn was will er damit sagen? Die Freiheit hat so viel Blut und Menschenleben gekostet, deswegen lasst sie uns mal lieber abschaffen? Wer also bisher nicht wusste, was so schlimm ist am Wort „alternativlos“ – die Ungarn werden es bald sagen können.

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten: ,

Eine Antwort zu "Zu: Unwort"

  1. Jou sagt:

    Whow! Das ist ja mal ein Text.

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


[caption id="" align="aligncenter" width="500" caption=" "][/caption] ...