“Weltfrieden”

Dieses Interview ist für jene, die sowieso nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben. nochWeiter hat sich mit ihm getroffen, mit ihm und seinem Rentier. Was dabei rauskam, ist nichts für Kinder. Nichts für Heile-Welt-Freunde, vielleicht nicht einmal etwas für einen gemütlichen und unbeschwerten Weihnachtsabend.

Nicht durch die Blume, nicht durch die Wolke, schon gar nicht durch den Schnee. Auch nichts vonwegen “Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an.” Keine Wichtel, keine Schornsteine, keine fröhliche Weihnachtsmannfabrik, keine rotnasigen fröhlichen Rentiere, keine Weihnachtslieder. Dafür: Kapitalismus, Globalisierung, Gewinnerwirtschaft und Imagekampagnen.

Von Claudia Laßlop, Jan Kröger und Franziska Gaube

Wie läuft es grade so im Weihnachtsmannland?

Weihnachtsmann: Ich bin gerade nicht zu Hause, reise durch die Welt, sehe mir an, wie das Weihnachtsgeschäft angelaufen ist. Den Rentieren ist es gerade überlassen, das Haus zu hüten.
Rentier: Ein paar müssen den Außendienst mitmachen. Die Dächer zum Parken finden. Zu Fuß ist der alte Herr ja nicht so gut. Kufen schleifen, Nasen vorbereiten, Einsatzplan erstellen.

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Foto: Claudia Huldi / pixelio.de

Neuestes Geschäftsmodell: Die Arbeit mit Kooperationen. Zu Hause wird nichts mehr produziert?

Weihnachtsmann: Das ist ja unser Geschäftsziel. Unsere größte Kooperation mit einem deutschen Postunternehmen hat meine Rentiere quasi arbeitslos gemacht. Es ist aber schön zu sehen, wie die Menschen in die Geschäfte rennen. Es ist genial, wie sich diese Vision entwickelt hat. Wir haben unsere Firma und das Geschäftsmodell auf das christliche Weihnachtsbild aufgebaut. Was gibt es den Schöneres als einen kleinen Jungen, der geboren wird, um die Welt zu retten? Das ist für alle interessant, da ist jeder ergriffen.
Rentier: Wir haben mehr Zeit für Marketing-Auftritte und für Kooperationen mit anderen Tieren. Wir nutzen das, um uns gut vermarkten zu lassen. Es kriegt keiner mit, dass wir nicht mehr soviel arbeiten müssen. Das ist auch besser fürs Fell.

Wie hat sich den das Bild des Weihnachtsmannes verändert?

Weihnachtsmann: Das Arbeitsbild hat sich natürlich massiv verändert. Es ist deutlich entspannter bei uns geworden. Das Image bei Kindern und allen anderen Leuten darf sich nicht verändern.
Rentier: Man muss da einfach ganz konsequent an einem älteren Bild festhalten. Bei der Kirche funktioniert das auch.
Weihnachtsmann: Das ist ja auch das, was zu Weihnachten passt: Beständigkeit und Verlässlichkeit. Beispiel hierfür: Ein Kollege und Mitabsolvent der Business School. Ein Hase, der versucht hat, das gleiche Konzept mit Ostern aufzubauen. Er ist damit nicht so erfolgreich geworden. Warum? Ganz einfach: Weihnachten ist immer am selben Tag. Ostern nicht.

Was ist denn mit diesen Kaufhausweihnachtsmännern?

Weihnachtsmann: Wir haben erst eine Klage angestrengt wegen Urheberrechtsverletzung und dem Recht am eigenen Bild. Aber dann sind wir durch einseitige Knebelverträge zu einer Lösung gekommen. Sie arbeiten jetzt in der Firma mit. Das trägt dem ganzen noch mehr Rechnung.
Rentier: Es gibt nun auch Coachingkurse, bei denen wir geben einen Leitfaden rausgeben mit Grundstandards, welche ‚der’ Weihnachtsmann zu erfüllen hat. Nun kommt das ‚Kaufhausweihnachtsmanntum’ dem Grundgedanken wieder näher. Auch die Farbcodes für die Fellfarben der Rentiere haben wir rausgegeben. Um eine Corporate Identity zu schaffen.
Weihnachtsmann: Denn nicht jede rote Nase ist ein Rudolf, wie wir immer sagen.

Muss der Glauben an den Weihnachtsmann in jedem Kind irgendwann sterben?

Weihnachtsmann: Nein, der darf nicht sterben! Er ist Teil des Ganzen. Dieser ganze Mythos, dieses Fragen über Jahre hinweg. Erzählen dir deine Eltern überhaupt das Richtige? Das ist alles, was unsere Idee ausmacht, damit bleiben wir im Gespräch.

Und wenn das Kind dann feststellt, dass es doch nur der Papa ist, der die Weihnachtsgeschenke bringt?

Weihnachtsmann: Dann ist das Kind immerhin soweit, dass es weiß, dass es Geschenke geben muss. Das ist doch das, was zählt.

Also nichts mehr mit Nächstenliebe und glücklichen Kinderaugen?

Weihnachtsmann: Das muss man unterscheiden. Wir haben das mit der Nächstenliebe von den Christen übernommen, auch wenn bei uns nichts Christliches mehr drin ist.
Aber wir müssen denen ein Zugeständnis machen: Es ist einfach mal die geilste Idee, die man gehabt hat! Wir können nicht aus Scheiße Gold machen, also müssen wir eine gute Idee haben und die vergolden.

Aber steckt letztendlich hinter dem Bart nur Turbokapitalismus und Globalisierung?

Rentier: Ich würde es gar nicht so negativ ausdrücken.
Weihnachtsmann: Nein, ich habe ein sehr selbstbewussten kapitalistischen Standpunkt, das ist richtig. Ob nun Turbo… meine Güte. Globalisierung ist eh überall.
Außerdem muss man ja auch mal sehen, dass Rentiere ein ökologisches Fortbewegungsmittel sind – Nachhaltigkeit sag ich nur.

Klimawandel, kriegt man den mit?

Rentier: Wir haben mehr Auftrieb durch die Wärme, müssen aber aufpassen, dass wir nicht zu schnell in die ganz hohen Luftschichten abgleiten. Dann wird das Fell angesengt. Die Geschichte mit Ikarus damals ist jauch schief gegangen. Wir haben immer gesagt: ‚Junge, wir wissen Bescheid, mach langsam.’ Aber nein….

Wie ist das Weihnachtsgeschäft angelaufen?

Weihnachtsmann: Sehr gut. Man kann natürlich nicht alle Länder über einen Kamm scheren. Hier in Deutschland haben wir durch eine Kooperationen mit dem Arbeitsamt dafür gesorgt, dass die Arbeitslosenzahlen auf anderer Grundlage berechnet wurden. Dementsprechend sind die Leute optimistisch und glauben daran, dass es wieder aufwärts geht.

Das mit den Lebkuchen, so früh in den Supermärkten, ist das gewollt?

Weihnachtsmann: Da muss man regionale Unterschiede machen, man kann die eine Wirtschaft nicht wie die andere behandeln. Es gibt in Amerika und in Japan Weihnachtsgeschäfte, die das ganze Jahr offen haben. Da sind wir mit unserer Idee auf fruchtbaren Boden gestoßen. In Deutschland ist das einwenig problematischer. Auch kirchenrechtlich muss man aufpassen und ein wenig sensibler damit umgehen.
Rentier: Die halten ja auch an ihrem Esel fest. Hier in Deutschland ist das Weihnachtstier der Esel. Für Rentiere ist es schwierig, als Weihnachtstier akzeptiert zu werden. Weswegen wir schon eher im Jahr präsent sein müssen, um zu sagen: ‚Hey hier, wir haben das Monopol auf Weihnachten.’

Was macht ihr Heilig Abend?

Weihnachtsmann: Das meiste ist zu Heilig Abend schon ausgeliefert und bei den Endverbrauchern gelandet. Wir haben in ausgewählten Familien für die Marktforschung Kameras installiert. Heilig Abend und am ersten Weihnachtsfeiertag schauen wir, wie die einzelnen Waren ankommen und werten das ein bisschen aus. Ansonsten machen wir uns einen gemütlichen Abend und beschenken uns gegenseitig.

Wer beschenkt denn den Weihnachtsmann?
Weihnachtsmann: Die Rentiere!
Rentier: Aber es wird nicht verraten, was er bekommt.

Wir ist denn das mit Frau Holle? Gibt es mit der eine Kooperation?

Rentier: Man sollte ja nicht über Leute herziehen, die nicht da sind. Aber Frau Holle ist ein Ding für sich. Sie ist alleinstehend, launisch, macht manchmal Zusagen und hält sie dann nicht. Da auch sie eine Monopolstellung hat, kann sie es sich leisten. Wenn wir jetzt sagen würden, es gibt keine Geschenke, gibt’s keine Geschenke. Machen wir natürlich nicht. Aber wenn Frau Holle sagt, es gibt keinen Schnee, dann gibt es keinen Schnee.

Wie haben Sie es dieses Jahr geschafft, Frau Holle zu überzeugen?

Rentier: Die ist grade gut drauf. (Zum Weihnachtsmann) Ihr habt euch doch neulich mal auf einen Kaffee getroffen. Da ging das los. Die sagt sich auch ‘Legendenbildung Globale Erwärmung’, was soll’s.

Schlusswort?

Rentier: Ho Ho Ho
Weihnachtsmann: Weltfrieden.

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: Claudia Laßlop, Franziska Gaube, Gemein(t), Jan Kröger

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