Zu: Weichenstörung

Die Adventszeit ist eine besinnliche Zeit. Das heißt: Man hat Zeit, sich selbst tiefschürfende Fragen zu stellen. In der Realität klappt das meist nicht, weil die einzigen Fragen, die man sich zur Zeit stellt, von Weihnachtsgeschenken handeln. Es sei denn, man fährt Bahn. Plötzlich hat man mehr Zeit zum Nachdenken, als einem lieb ist. So unser Kolumnist Jan Kröger: Worüber er nachgedacht hat, erzählt er in seiner Kolumne.

Ich bin einer jener Menschen, die lieber selbst am Steuer sitzen, um von A nach B zu kommen. Insofern waren die letzten Tage furchtbar, denn ich bin zur Zeit auf die Bahn angewiesen. Der Geruch des Regionalzugs, diese Mischung aus ungewaschener Arbeitskleidung und Hund im Regen, BigMacs und Schnaps-Fahnen – der bringt mich nochmal dazu, mich freiwillig aus dem Zug werfen zu lassen. Aber es ist besonders schlimm, wenn ich diesem Geruch länger als nötig ausgesetzt bin – in den letzten Tagen stets wegen einer Weichenstörung an Orten wie Eutritzsch, Gröbers oder Betriebsbahnhof Rummelsburg. Da hatte ich viel zu viel unbestimmte Zeit, um über die Weichenstörungen in meinem Leben nachzudenken.

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Foto: Bernd Romeike / pixelio.de

Zum Beispiel damals, als ich in der zehnten Klasse war, da machten wir diesen Ausflug zum Berufsinformationszentrum (so ein Wort gibt’s nur in Deutschland, oder?). Ich nahm mir zwei, drei Broschüren über einzelne Berufe mit, eine davon mit der Aufschrift: „Jurist/in“. Ich habe auch reingeschaut, aber der Inhalt führte wohl dazu, dass meine Weichenstörung zügig behoben war.

Nun saß ich also in Gröbers fest – damit ihr Bescheid wisst: Das liegt zwischen Dieskau und Großkugel. Ich kann nichts dafür, es ist nun mal Sachsen-Anhalt. Jedenfalls dachte ich drüber nach, was ich heute für ein Mensch wäre, hätte ich tatsächlich Jura studiert und mir zum Ziel gesetzt, na sagen wir: Staatsanwalt zu werden. Wäre ich so wie die Kollegen, die gerade in den USA nach irgendeinem Paragraphen fahnden, mit dem sie Wikileaks-Ikone Julian Assange verknacken können? So nach dem Motto: In irgendeinem Bundesstaat wird sich schon was finden, notfalls verklagen wir ihn dafür, dass er mal einen Pullover gestrickt hat. Das ist nämlich Männern in New Jersey verboten, jedenfalls während der Fischfang-Saison. Oder wäre ich wie die russischen Juristen, die gerade die nächste Haftstrafe für den Ölunternehmer Chodorkowski vorbereiten – nicht weil die Beweise so erdrückend sind, sondern weil Wladimir Putin es so will? Oder wäre ich einer der Staatsanwälte aus dem Fall Harry Wörz – der wurde 1998 wegen versuchten Totschlags verurteilt, dann aber stellte sich heraus, dass er wohl doch unschuldig war. Harry Wörz wurde wieder freigesprochen. Wie reagiert man als Staatsanwalt darauf? Um Verzeihung bitten? Ach Quatsch! Revision, noch ‘ne Revision und noch eine! Erst seit vorgestern ist Harry Wörz endgültig frei.

Jetzt kann man natürlich sagen: Lass doch die Staatsanwälte in Ruhe, das sind nur hochbezahlte Primaten, von denen man Mitgefühl oder selbständiges Denken nun wirklich nicht verlangen darf. Sie müssen sich auf Gesetze berufen. Tja, und wer macht die? Der Bundestag. Und was ist jeder fünfte Bundestagsabgeordnete von Beruf? Jurist. Ob Westerwelle, Schäuble, Guttenberg oder Gysi: allesamt Juristen.

Ich weiß, es ist aussichtslos, aber wie wär’s denn mal mit einem Gesetz, dass Juristen sich nur per Regionalbahn fortbewegen dürfen? Vielleicht wäre eine Weichenstörung dann ähnlich heilsam wie bei mir.

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

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