Zu: Friedensnobelpreis

In Oslo wurde heute der Friedensnobelpreis verliehen. Eine bemerkenswerte Zeremonie war das: Denn der Platz des Preisträgers Liu Xiaobo blieb leer, er ist eingesperrt in einem chinesischen Gefängnis. Nicht zum ersten Mal musste der Friedensnobelpreis in Abwesenheit vergeben werden. Dass davon auch schon einmal ein Deutscher betroffen war, daran erinnert Jan Kröger in seiner Kolumne. Und er fragt sich, wann überhaupt einmal wieder ein Deutscher diesen Preis erhält.

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Zum Glück haben wir Deutschen ja dieses Jahr schon etwas ganz Wichtiges in Oslo erreicht: Lena Meyer-Landrut hat den Grand Prix gewonnen. Doch damit ging uns Deutschen auch etwas ganz Wichtiges verloren: das jährliche Rumjammern darüber, dass unsere Musik nur deshalb chancenlos ist, weil uns Europa einfach nicht lieb hat. Die Lösung für dieses Problem finden wir ebenfalls in Oslo: Nie gewinnt ein Deutscher den Friedensnobelpreis. Ich finde, wir sollten das ebenfalls darauf zurückführen, dass uns einfach keiner lieb hat – und nicht etwa darauf, dass deutsche Friedenspolitik oft noch schlimmer war als deutsche Grand Prix-Beiträge.

In der Gegenwart gibt es aber ein ganz anderes Problem: Welcher Deutsche kommt überhaupt für den Friedensnobelpreis in Frage? Guido Westerwelle als harmlosester Außenpolitiker aller Zeiten? Philipp Lahm als sanftester Verteidiger, seit es Fußball gibt? Oder doch Ralph Siegel und Nicole für „Ein bißchen Frieden“?

Und wenn wir doch unseren Star für Oslo finden sollten, käme gleich das nächste Problem: Es ist alles andere als angenehm, ein Friedensnobelpreisträger in Deutschland zu sein. Vier Deutsche haben den Preis bisher bekommen. Die Politiker Gustav Stresemann und Willy Brandt waren beide darum bemüht, Deutschland mit seinen alten Kriegsgegnern zu versöhnen – so etwas bringt einem schon mal schnell den Beinamen „Vaterlandsverräter“ ein. Mittlerweile völlig unbekannt ist Ludwig Quidde, ein Pazifist, der 1927 den Preis erhielt. Schon in der Weimarer Republik kam er ins Gefängnis wegen Landesverrats: Er hatte es doch tatsächlich gewagt, sich kritisch über die deutsche Reichswehr zu äußern. Und dann war da noch der Schriftsteller Carl von Ossietzky: Ihm wurde 1936 der Preis verliehen, da hatten die Nazis ihn schon ins KZ gesperrt. Er durfte nicht zur Preisvergabe reisen. Hitler verfügte außerdem, kein Deutscher dürfe in Zukunft einen Nobelpreis annehmen. Stattdessen wurde der Deutsche Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft eingeführt. Schon interessant, dass Chinas Politik gegenüber dem heutigen Nobelpreisträger Liu Xiaobo fast haargenau dieselbe ist.

Wie weit entfernt Deutschland zur Zeit von einem Friedensnobelpreis ist, zeigt sich allerdings am allerbesten daran, dass als aussichtsreichster Deutscher immer wieder Helmut Kohl genannt wird. Der Preis für ihn wäre gar nicht mal so abwegig. Das Ausland würde ihn ehren, die Verdienste um die deutsche und die europäische Einigung. Und hierzulande würde es heißen: „Ja, der Helmut war schon ein anständiger Kerl – aber die Ossis und den Euro hätt’ er uns gerne ersparen können.“

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

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