…und die Moral von der Geschicht?

Etwa zwei Wochen lang war das Buch eines Leipziger Professors für jeden zu sehen, der im Internet danach suchte. Ein Student seines Instituts hatte es online gestellt. Dann aber wurde der Professor darauf aufmerksam und wies den Verlag auf die Urheberrechts- verletzung hin. Der Student bekam Post von einem Rechtsanwalt, der im Namen des Verlags verlangte, dass er das Buch sofort aus dem Netz nehme. Dieser Forderung kam der Student nach, jetzt aber soll er die Anwaltskosten bezahlen. Dabei habe er doch nur seinen Kommilitonen helfen wollen, sagt der Student. Das Buch sei Pflichtlektüre in der Vorlesung, aber ausverkauft. Rechtlich gesehen ist das Vorgehen von Verlag und Professor in Ordnung, aber ist es auch moralisch vertretbar? Claudia Laßlop kommentiert.

Das Semester beginnt, die Lektüreliste wird mit jedem neuen Seminar, jeder Vorlesung länger und länger. Und mit ihr die Schlangen vor den Kopierern und die Liste der ausgeliehenen Bücher in den Bibliotheken. Lassen es die studentischen Finanzen zu, bleibt noch der Gang in die reale oder virtuelle Buchhandlung und die meist kostspielige Anschaffung der Originale – vorausgesetzt, besagtes Buch ist nicht vergriffen. Sind aber die Finanzen knapp bemessen oder ein Titel partout nicht zum Kauf verfügbar, dann bleibt nur der Gang zum Kopierer. Denn welcher Hinderungsgrund auch immer zwischen Student und Lektüre kommen mag – er zählt nicht mehr viel, wenn am Semesterende Wissenslücken klaffen und das Bestehen von Prüfungen bedrohen.

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© Rainer Sturm / PIXELIO

Um den Ansturm großer Menschenmengen auf einzelne Bücher zu bremsen und auch, weil das Verstecken von wichtigen und seltenen Büchern in Bibliotheken keine Legende ist- stellen viele Dozenten Reader und Semesterapparate mit Kopiervorlagen zur Verfügung. Eine Praxis mit Potential für rechtliche Schwierigkeiten. Aber eben auch eine Praxis, die gleiche Möglichkeiten für alle schafft und primär als Hilfestellung, nicht als Missachtung von Rechten gedacht ist.

Kopien von Publikationen dürfen ausschließlich für den privaten Gebrauch, nicht zur Veröffentlichung gemacht werden, heißt es seitens der Universitätsbibliothek. Und „grundsätzlich ist es so, dass es erst 70 Jahre nach dem Tode eines Verfassers urheberrechtlich gestattet ist, eine komplette Vervielfältigung vorzunehmen.“ Auf die Einhaltung von Urheber- und Persönlichkeitsrechten bei Vervielfältigungen von Werken wird in der Benutzerordnung zudem explizit hingewiesen. Kein Platz für Missverständnisse. Kopie für mich – ja, Veröffentlichung für alle anderen – nein.

Fertigt also ein Student in einer idealistischen Vorstellung von Gleichberechtigung Kopien von einem Buch an, das nicht nur erst teuer, dann vergriffen und dennoch prüfungsentscheidend ist und stellt er diese online für alle zur Verfügung, die das Werk nicht mehr kaufen konnten und doch eine Prüfung bestehen wollen – dann verletzt er bei aller Hilfsbereitschaft bestehendes Urheberrecht. Und es gibt mehrere Möglichkeiten, was daraufhin passiert:

1.) nichts, außer dass einigen Studenten geholfen ist

2.) es fällt jemandem auf, der daraufhin den Studenten freundlich oder auch weniger freundlich auffordert, die Inhalte zu entfernen oder (um abzukürzen)

3.) es fällt jemandem auf, der daraufhin den Verlag informiert und kurz darauf geht dessen Rechtsabteilung in die Spur, was für den Studenten nicht nur teuer, sondern auch nervenaufreibend wird.

Vielleicht einfach nur, weil es eben möglich ist, sieht sich ein Leipziger Student derzeit mit Variante 3 konfrontiert. Und intuitiv wird man sich wohl die Frage stellen, mit welchem Antrieb der Hinweisende lieber als erstes den Verlag kontaktiert und nicht zunächst wenige Schritte über den Institutskorridor geht, um den Sachverhalt unbürokratisch, kurzfristig und persönlich zu klären. Aber es sei an dieser Stelle nicht versucht, persönliche Konfliktlösungspräferenzen gegen bestehendes Recht antreten zu lassen. Und es geht nicht darum, sich die studentische Welt als eine Art rechtsfreien Raum vorstellen zu wollen. Aber es geht um eine universitäre Vorstellung der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, von Kommunikation und konstruktivem Austausch, von Diskussion und Weitergabe von Wissen. Von einer Einrichtung, in der Lernende Lehrende als Respektspersonen und Mentoren ansehen können und nicht als potentielle Bedrohung empfinden müssen. Urheberrecht hin, Rechtsbruch her – was bei aller Rechtmäßigkeit und klarer Faktenlage bleibt, ist ein äußerst bitterer Nachgeschmack.

Update 01.12.2010: Das Thema hat mittlerweile auch überregional Beachtung gefunden, unter anderem in der Süddeutschen Zeitung vom Montag, bei mephisto97.6 und den Blogs DoppelV, Schmandblog (“Neues aus der Anstalt #19″) und Martin Hoffmann.

Update 03.12.2010: Professor Machill hat auf seiner Homepage Stellung genommen

Update 09.12.2010: Ein Beitrag zu Thema in der TAZ.

Update 10.12.2010: Ein Beitrag bei Spiegel Online.

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

Veröffentlicht unter: Claudia Laßlop, Gemein(t) · Etiketten: , , ,

6 Antworten zu "…und die Moral von der Geschicht?"

  1. IT-Campus.at sagt:

    Ich bin mit den Rechten nicht so firm, aber ist es nicht doch auch gleich so, dass auch das Anfertigen von Kopien nicht rechtens ist, auch wenn es nur für den Privatgebrauch ist. Imho könnte man auch hier bereits Probleme bekommen.

    In diesem Fall ist es wirklich sehr komisch – Buch vergriffen und man tut vieles, dass die StudentInnen es auch nicht bekommen können.

  2. OG3r sagt:

    Super Artikel,
    da ihr wohl die wichtigen Personen nicht benennen könnt oder dürft mach ich das für euch ;-)

    Natürlich geht es um keinen geringeren als um Prof. Machills Buch “Medienfreiheit nach der Wende” und um mich den Roger alias OG3r.

    Vielen herzlichen Dank für diesen Artikel, es lebe der frei unvoreingenommene Journalismus!
    Roger / OG3r

  3. [...] Claudia Laßlop auf nochweiter. (2010-11-20): …und die Moral von der Geschicht? LikeSei der Erste dem dieser Beitrag gefällt. [...]

  4. [...] Noch Weiter. Blog der „Weiter. Wochenzeitung für Leipzig“ [...]

  5. [...] geschehen: Zahlreiche Blogger und sonstige Webseiten haben das Thema aufgegriffen (1, 2, 3, 4), darunter auch die nicht ganz unbekannte Netzpolitik. Einen besonders bissigen Kommentar [...]

  6. [...] Blogs (unter anderem auch auf mrtnh.de, sowie z.B. hier, hier und hier) und Online-Publikationen (hier) gegen ihn erhoben worden [...]

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