Zu: Gebaut

Zu den Besonderheiten jedes Landes gehört auch die Einkaufskultur. In der Türkei kann man über den Basar gehen, in den USA in die Shopping Mall – und in Deutschland in den Baumarkt. Auch unser Kolumnist Jan Kröger war diese Woche dort. Und er hat sich die Frage gestellt: Warum stehen wir Deutsche so auf Baumärkte?

In Kooperation mit detektor.fm

Wer wissen will, wie reich ein Land ist, der sollte nicht darauf achten, wie hoch seine Gebäude sind oder wie viele Marmorfiguren von pinkelnden Jungs in den Vorgärten stehen – nein, der Reichtum eines Landes zeigt sich daran, wie seine Baumärkte aussehen. In vielen Ländern befinden sich Baumärkte unter freiem Himmel, völlig ungeordnet stehen Farbeimer, Holzteile und zerbröselnde Waschbecken herum, die Preise werden mit dem Verkäufer ausgehandelt – wenn das ein deutscher Tourist sieht, erzählt er normalerweise zu Hause: „Und überall lag der Müll rum.“

Denn hier in Deutschland haben wir überdachte Baumärkte, so groß, dass man sie vom Weltall aus sehen kann. Je unbewohnter ein Landstrich ist, umso größer der Baumarkt, der da reingebaut wird. Wenn die Leute dann immer noch da wegziehen, wird eine Autobahn dahin gebaut. Und wenn auch das nichts bringt, lernen wenigstens die verlassenen Singlemänner, die noch da wohnen, was Wahlfreiheit bedeutet. Nämlich: Scheißegal ob es eine oder 30 Parteien gibt, die mich regieren wollen, solange ich die Wahl habe zwischen 327 verschiedenen Pinseln, um den Übergang von der Decke zur Wand zu streichen.

Die endlose Wahlfreiheit des deutschen Baumarkts hat auch mich diese Woche beeindruckt. Und das kam so: Die Dusche in meiner WG hatte sozusagen ein kleines Leck. Da wo der Duschkopf an den Schlauch geschraubt ist, spritzte Wasser raus. Meine Mitbewohnerin nahm den Duschkopf ab und machte ihn wieder dran, aber er ließ sich eben nicht mehr ganz anschrauben. Das Wasser spritzte weiter raus. Kein Problem, sagte ich. Ich bin der Mann. Und machte dies deutlich, indem ich eine Rohrzange in meiner Hand glitzern ließ. Einmal kräftig gedreht – und zack: hatte ich den Duschkopf ganz abgebrochen.

Deswegen stand ich also jetzt im Baumarkt, fünf Meter links und fünf Meter rechts von mir nichts als Duschköpfe. Oder besser gesagt: Handbrausen, so heißt es im korrekten Baumarktdeutsch. Da reicht das Angebot von der einfachen Handbrause „Allertal“ für 5 Euro zur Handbrause „Honolulu“ mit drei verschiedenen Spritzversionen für 18 Euro, bis zum absoluten Heiligtum: der Handbrause „Raindance“. 75 Euro, rund und groß wie eine Schallplatte, ideal für Normalgewichtige, die auch mal von Strahl zu Strahl springen möchten.

Zum Glück brauchte ich nur den Duschkopf und nicht gleich die komplette Dusche. Sonst hätte ich mich noch mit Vokabeln auseinandersetzen müssen wie „höhenverstellbares Überkopfbrause-Set“, „Glaspaneel mit 4-mm-Einscheiben-Sicherheitsglas und Antikalk-Noppen“ oder dem wunderschönen Wort „Duscharmaturmetallanschlussschlauch“. Und in so einem Moment wird klar: Während 99 Prozent der Sprachen dafür erschaffen wurden, jemanden ins Bett zu kriegen, liegt der Sinn der deutschen Sprache darin, aus Einzelteilen etwas zusammenzubauen. Vielleicht fühlen sich so viele von uns deshalb im Baumarkt so wohl. Wer trotzdem von Liebe reden will, kann ja Schlagersänger werden. Aber auch das endet früher oder später ja im Baumarkt.

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

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