Angriff auf das Monopol

Die Leipziger Volkszeitung ist nicht mehr allein: Seit Ende Oktober gibt es die lokale Zeitung weiter, die Sie gerade in den Händen halten. Seit Anfang November spielen Leipziger Themen auch in der „Zeit“ eine wichtige Rolle, auf den neuen „Sachsen-Seiten“. Beides stößt auf Interesse – und Skepsis. Es geht um den gewagten Angriff auf ein Monopol: Im besten Fall gelingt dabei das Anstacheln zu einem Wettbewerb um journalistische Qualität, von dem vor allem die Leser profitieren.

Von Claudia Laßlop

Eine Zeitung kann vieles sein – Informationsquelle und Statussymbol für ihre Leser, Meinungsführer für andere Medien und Entscheidungsträger –, sie erscheint aber nicht zum Selbstzweck. Vielmehr sind sie ein zu verkaufendes Produkt auf gleich zwei umstrittenen Märkten, dem Werbemarkt und beim Buhlen um Leserinteresse. Dass der Werbemarkt größer wird, nur weil neue Medien hinzukommen, ist unwahrscheinlich. Wenn also, wie derzeit in Leipzig, mit „Weiter“ eine neue Zeitung erscheint und die überregionale Wochenzeitung „Zeit“ Seiten mit Nachrichten für Sachsen herausbringt, können lediglich die Stücke für den Einzelnen kleiner werden. Denn auch am Werbemarkt geht die Wirtschaftskrise nicht spurlos vorüber.

Zwar sind Zeitungen auf Leserinteresse angewiesen – doch allein aus Verkaufserlösen und damit aus dem, was Leser bereit sind, für die Zeitung zu zahlen, können sie sich nicht finanzieren. Weniger als die Hälfte der Einnahmen stammt bei der Mehrzahl der Zeitungen aus ihrem Verkauf. Ein Zuwachs an Zeitungslesern ist eher Wunschdenken. Vielmehr sind sie auf Werbekunden angewiesen, die ihre Botschaften über verschiedene Kanäle zur Zielgruppe bringen wollen. Für sie kommt eine Zeitung wiederum nur dann infrage, wenn sie auch Leser erreicht. Dabei birgt die Anzeigenfinanzierung die Gefahr inhaltlicher Anpassung nach Belieben der Geldgeber. Der Vorteil: die Anstrengung, Leser und damit Kunden mit Qualität zu überzeugen und zu gewinnen. Gerade „Weiter“ entstand ohne finanzielles Kalkül aus journalistischem Idealismus heraus und mit einer Vorstellung davon, was der Leipziger Medienlandschaft fehlt. Es geht dabei nicht zuletzt um die Idee der publizistischen Vielfalt.

Lokale Tageszeitungen mit Monopolstellung sind in Deutschland keine Seltenheit und Leipzig nur eins von zahlreichen Beispielen. Eine einzige Zeitung kann aber immer nur eine einzige Perspektive zeigen – eine fundierte Meinungsbildung beruht hingegen auf der Abwägung verschiedener Standpunkte. Im besten Fall können sich Leser aus einem umfangreichen Informations- und Meinungsangebot bedienen. Der Start von neuen Zeitungen in einem Monopolgebiet ist daher eine spannende und wichtige Unternehmung, die jedoch genügend Schwierigkeiten zu überwinden hat und eher scheitert als gelingt.

In Deutschland längst etabliert ist die „Zeit“ als überregionale Wochenzeitung. Doch wie für die meisten westdeutschen Medien auch blieb für sie nach 1989 der große Zugewinn an Lesern aus den Neuen Bundesländern aus. Die Erklärungsversuche reichen vom ostdeutschen Fremdeln mit der westdeutschen Presse über eine DDR-geprägte Mediensozialisation bis hin zur Ablehnung von Zynismus und ständiger DDR-Entlarvung. Beim „Spiegel“ hieß es schließlich 2003, das Konzept des Magazins könne nicht verändert werden, um Leser in den Neuen Bundesländern zu gewinnen. Sechs Jahre später versucht die „Zeit“ nun genau das. Die „Sachsen-Seiten“ erscheinen dem Titel entsprechend nur in Sachsen und gleichen damit einem Versuchsballon á la „Lesen Menschen eine Zeitung eher, wenn sie und ihre Lebenswelt darin explizit thematisiert werden?“

„Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo schreibt zum ersten Erscheinen der Sachsen-Seiten selbstkritisch, dass es vielen Zeitungen wie auch der „Zeit” nur begrenzt gelungen sei, das Leben der Menschen in den neuen Ländern abzubilden. Vor allem das Interesse daran, welches mediale Bild nun geschaffen wird, dürfte die hiesigen Leserzahlen zunächst einmal steigen lassen. Dass es „Sachsen“-Seiten und nicht „Ost“-Seiten sind, signalisiert immerhin das Bewusstsein, dass die Neuen Länder ein differenziertes Gebilde und kein Nachwende-Einheitsbrei sind. Dennoch lässt die Themensetzung vermuten, dass oft „Osten“ drin ist, wenn „Sachsen“ drauf steht und dass dieser Osten noch immer gern auf seine DDR-Vergangenheit festgenagelt wird.

Die „Zeit“ leistet sich konsequenterweise ein Korrespondentenbüro in Dresden, was die ansässige Monopolistin „Sächsische Zeitung“ („SZ“) lesbar nervös macht. In einem Interview mit di Lorenzo vom 29. Oktober darf dieser erklären, dass er Sachsen nicht als Ausland betrachtet, dass zu wenige seiner Redakteure aus Ostdeutschland stammen und schließlich sogar, was die „Zeit“ „den Lesern in Sachsen überhaupt bieten kann, was nicht schon die ,SZ’ bietet“. Die „SZ“-Autoren scheinen publizistische Vielfalt, wenn nicht gar als überflüssig, so doch als eine Gefahr zu betrachten, noch ehe sie diese als inhaltliche Herausforderung wahrnehmen. Dabei kann sich die lokale Tageszeitung fast sicher sein, dass sie einem ursprünglich westdeutschen und vielleicht sogar ungemütlichen Wochenblatt im Zweifelsfall vorgezogen würde. Genau diesen Schwierigkeiten muss die „Zeit“ sich stellen, wenn sie nicht als Eindringling mit dem Blick eines Besuchers im Ost-Zoo scheitern will.

Mit all den Höhen und Tiefen einer Zeitungsneugründung hat währenddessen weiter in Leipzig zu kämpfen. Journalistischer Idealismus lässt sich ohne die nötige Finanzierung nicht in ein überlebensfähiges Zeitungsprojekt umsetzen. Während Sie diesen Satz lesen, nehmen die „Weiter“-Macher schon wieder Kontakt auf zu neuen Werbekunden, recherchieren, schreiben und redigieren Beiträge und hoffen dabei vor allem auf interessierte Leser, die sich von einem mitunter holprigen Start nicht abschrecken lassen. Unbestritten ist die Überzeugung, dass eine Stadt wie Leipzig publizistische Vielfalt braucht und diese auch verwirklicht werden kann.

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

Veröffentlicht unter: Gemein(t)

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