Weihnachten von unten

Weihnachten bedeutet nicht nur Gänsebraten und verpackte Socken. Für viele hat die Adventszeit
Frieren, Hunger und Existenzangst in petto. weiter hat sich auf der Straße umgeschaut – und mit dem Sprecher der Leipziger Arbeitsagentur, Hermann Leistner, geredet.

erstmals am 18. Dezember 2009 publiziert

Advent auf der Straße
Sergej* sitzt in der Grimmaischen Straße, sein Hund neben ihm. Die Temperatur finde ich für Anfang Dezember noch recht mild, für die beiden muss es eiskalt sein, auf dem harten Steinboden sitzend. Er sei ein Reisender, erzählt Sergej im Englisch eines osteuropäischen Weltenbummlers, sei erst seit wenigen Stunden in der Stadt. Er hat ein Pappschild und einen Plastikbecher, ein paar Münzen sind schon drin.

Er möchte nicht sagen, wie es sich anfühlt, bettelnd der Menschenschlange gegenüber zu sitzen, die sich durch Stände mit gebrannten Mandeln, Kräppelchen und Glühwein hindurchbewegt, auf dem Weg zum Konsumverhalten. Er gönnt es ihnen.

In Deutschland sei keine Krise, sagt Sergej. Weil hier so viele Kräne stehen, selbst im Dezember, und gearbeitet wird. Er habe Städte in Italien und Frankreich gesehen, die hätten sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert.
Während der wenigen Minuten, die ich mit Sergej spreche, wirft niemand Münzen in den Becher. Ein anderer Bettler aber kommt vorbei, gibt ihm eine Tüte Hundefutter. „Ich lebe auch so. Wenn ich was habe, gebe ich was ab“, sagt er. Sergej versteht ihn kaum, aber er lächelt.

Advent im Arbeitsamt
Herr Leistner, was bedeutet für Sie Weihnachten?
Sehr viel, ich komme aus dem Erzgebirge – dem Weihnachtsland schlechthin.

Welche Bräuche sind Ihnen da am wichtigsten?
Die Hutzenabende im Advent, wenn ihnen das etwas sagt.

Ehrlich gesagt: Nein.
Da besuchen sich Freunde und Verwandte gegenseitig. Man bastelt und fachsimpelt über den Stollen, ob er zu trocken oder zu rosinig ist.

Wie erleben sie die Weihnachtszeit in der Arbeitsagentur?
Das ist eine traurige Zeit. Im Dezember kommen viele erstmalig zu uns, weil ihnen zum Jahresende gekündigt wurde. Arbeitslose haben nicht viel Geld. Da entsteht schnell das Bewusstsein: Alle Welt feiert, kauft Geschenke, gibt viel Geld aus – und ich bin ausgeschlossen.

Weihnachten kann aber auch eine Job-Chance sein.
Ja, wir vermitteln jedes Jahr etwa 40 Weihnachtsmänner an etwa 400 Familien. Am 11. Dezember ist Schluss, damit wir die Aufträge auch koordiniert bekommen. Die Weihnachtsmänner müssen sich ja mit den Familien absprechen, damit sie wissen, welches Kind brav war, und welches mal kritisiert werden könnte.

Foto: Jörg N / pixelio.de

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: Allgemein

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