Zu: Damenhöschen

Der Alltag an Amtsgerichten kann langweilig sein: Hier ein Nachbarschaftsstreit, da eine Mietsache – nicht in Riesa: Das Amtsgericht durfte sich dort mit einem Mann befassen, der Frauen ihre Unterwäsche geklaut und sie anschließend selbst getragen hat. Unser Kolumnist Jan Kröger erfuhr davon aus einer sächsischen Lokalzeitung. Er fand ein Werk vor, dem er nur auf eine Weise gerecht werden kann: als Literaturkritiker.

in Kooperation mit detektor.fm

(Originalartikel)

Eine Frau, die sich als Mann verkleidet – dieses Motiv kennen wir seit der Antike aus Dramen, Opern oder Romanen. Der Mann in Frauenkleidern ist hingegen ein vergleichsweise junges Phänomen. Und wenn er auftaucht, so erfährt er meist eine komische Würdigung, zumal auf sehr stark pendelndem Niveau. Es reicht von Klassikern wie Hape Kerkeling als Königin Beatrix bis hin zu mäßig unterhaltsamen Gelegenheitshumoristen im dritten Fernsehprogramm.

Dieses komische Verständnis des Mannes in Frauenkleidern muss seit heute als überholt angesehen werden. Den Durchbruch zur kritischen und ernsthaften Auseinandersetzung verdankt er dem Autorenkollektiv Chemnitzer Morgenpost und seinem Prosawerk „Scharf auf heiße Damenhöschen: 6 Monate Haft für den Schlüpferdieb“. Selten hat ein Einstiegssatz seine Leser dermaßen gefesselt wie „Na, da guckte der Schlüpferdieb aber dumm aus der Wäsche!“ Der zotige, herrenwitzige Sarkasmus des Boulevardjournalismus zieht sich durch das gesamte Werk und wiegt den oberflächlichen Leser in Sicherheit: Haha, das ist ja wohl ein Verrückter, der sich wie eine Frau kleidet und deshalb Unterwäsche klaut. Es findet sich eine immense Dichte an Formulierungen, die zweifelsohne so auch in der Zeitung mit den vier großen Buchstaben zu Druckreife gelängten: „Der Sliptomane“ hat eine „schlüpfrige Leidenschaft“, schließlich ist sogar vom „Tanga-Lump“ die Rede.

Doch Chemnitzer Morgenpost verfolgt die Absicht, hinter die vielschichtige Fassade des Protagonisten zu schauen. Markus H., so sein Name, aufgrund seiner Herkunft stellenweise als „der Gröditzer“ bezeichnet, ist es schließlich selbst, der auf dem dramatischen Höhepunkt des Werkes seinen unerhörten Hilferuf aussendet: „Nur Damenbekleidung! […] Ich hatte Identitätsprobleme. Keine Beziehung, keine Arbeit – die Sache mit den Frauenkleidern, das war eine Flucht“. Hier wird klar: Markus H. ist einer von uns. Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, aus der Rolle zu fahren, sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen?!

Sprachlich bemerkenswert sind Stabreime wie „heiße Höschen“ oder „missbrauchte Mieder“. Doch es ist die Geschichte von Reue und Vergebung, die „Scharf auf heiße Damenhöschen“ auf Weltniveau befördert. Ich zitiere: „Heute lebt [Markus H.] mit einer Frau und ihren Kindern zusammen […] und trägt wieder Männerklamotten. […] Die bestohlenen Damen wollten ihre Wäsche … nicht zurück.“

Fazit: Das bahnbrechende Werk von Chemnitzer Morgenpost ist jeden der drei Cent Zeilengeld wert, die eine arme Sau von Medienschlampe dafür erhalten hat.

Foto: CFalk / pixelio.de

Veröffentlicht unter: Allgemein, Jan Kröger, Kolumne der Woche

Eine Antwort zu "Zu: Damenhöschen"

  1. dessousblog sagt:

    Ja, das ist leider so: Die “seriöse” Presse biedert sich immer mehr dem Boulevard an. Das Verständnis für Menschen, die anders sind, ist nicht allzu groß. Auch wenn der Diebstahl selbstverständlich nicht akzeptabel ist…

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