Zu: Volkstrauertag

Seit heute wird am Rhein wieder gefeiert: Der Karneval hat begonnen. Unser Kolumnist Jan Kröger hat damit wirklich nichts zu tun, er stammt aus einer karnevalsfreien Zone. Dort werden zu dieser Zeit ganz andere Feste begangen: Volkstrauertag zum Beispiel. Und er meint: Bei der unfreiwilligen Komik, die dieser Tag bieten kann – wer braucht da noch Karneval?

in Kooperation mit detektor.fm

Wenn in Köln der Karneval beginnt, nähert sich auch in unserem norddeutschen Dorf die fünfte Jahreszeit: Volkstrauertag. Die Tage werden kürzer, über das ganze Land legt sich den ganzen November schon ein beruhigender Bodennebel. Wer jetzt einen Schwarz-Weiß-Film drehen will, bräuchte keine Farben nachzubearbeiten.

Volkstrauertag, das ist immer der gleiche Ablauf: Kirche um zehn, danach bewegt sich ein Pulk aus Mänteln in allen Variationen (hellgrau bis dunkelgrau) rüber zum alten Friedhof, da steht das Kriegerdenkmal. Vorher bei Oma vorbeischauen, im Altersheim. „Ach ja, Heldengedenktag“, sagt sie. So haben die Nazis den genannt. Keine Sorge, Oma ist unverdächtig. Aber wenn der Landfrauenverband im Altersheim ein Kuchenbuffet veranstaltet, sagt sie halt auch: „Da kommt die Reichsfrauenschaft.“

In der Kirche sitzt der alte Ketels neben mir. 95 Jahre alt, immer noch auf dem Fahrrad unterwegs. Bewundernswert. Als Kinder sind wir an Heiligabend von Haus zu Haus gegangen, haben Weihnachtslieder gesungen. Er hat uns immer besonders viele Süßigkeiten gegeben, der nette alte Ketels. Er legte es in unsere Taschen mit seinen Fäusten, denn Hände hat er keine mehr. Sie sind ihm weggefroren. Ein altes
Souvenir aus Russland.

Auf dem Friedhof bemüht sich der Bürgermeister in staatstragender Rede. Auf der nach oben offenen Skala schafft er 2,3 Seehofer. 1 Seehofer erreicht, wer „Guten Tag, meine Damen und Herren“ ohne
Manuskript aufsagen kann.

An der Seite zittert die Feuerwehrkapelle. Ob dafür die Temperatur oder der Alkoholdurst verantwortlich ist, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen. Als sie die Nationalhymne anstimmen, legt der Bürgermeister der Nachbargemeinde los: „Deutschland, Deutschland über alles“ – so unbedarft und naiv. Ich schwör’s: Das ist wie bei Oma und dem Heldengedenktag nicht so gemeint, wie’s klingt.

Dann ist Schluss, die Jungs auf dem Denkmal haben wieder ein Jahr Ruhe. Die Feuerwehrkapelle geht noch einen trinken. Und was das Ganze mit Heldengedenktag und „Deutschland über alles“ betrifft: Der alte Nazi ist der nette alte Ketels, Reichsbauernführer oder so ähnlich durfte er sich nennen.

Man könnte jetzt darüber nachdenken, warum damals junge Männer das Dorf verließen und nicht wiederkamen. Oder darüber, warum heute junge Menschen das Dorf verlassen und nicht wiederkommen. Man kann’s aber auch lassen. Denn die Party geht weiter: In sieben Tagen ist Totensonntag.

Foto: Ruth Rudolph / pixelio.de

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: Allgemein, Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

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