Die Welt, Leipzig und der Versuch gerechten Handelns

Globalisierung. Das wissen wir. Es ist Turbo-Kapitalismus. Das wissen wir auch. Beide haben nicht nur gute Seiten. Das mit der Ausbeutung zum Beispiel. Aber das wollen wir nicht wissen. Strategien zum Selbstschutz vor schlechtem Gewissen: Ignorieren, Akzeptieren oder Vortäuschen von Unwissen. Die Stadt Leipzig macht das anders. Sie bewarb sich für den Titel „Fairtradecity“. Weltverbesserungspläne? Oder Image polieren mit richtig viel Spucke? Wir werden sehen.

[simage=181,160,n,left,] „Fair Trade kommt hier jetzt langsam in Mode. Das hat in den vergangenen fünf Jahren schon erheblich zugenommen. Trotzdem haben wir viel Aufholbedarf gegenüber anderen europäischen Ländern, zum Beispiel Großbritannien, Schweiz oder die Niederlande“, erzählt Martin Finke von Verein „Eine Welt e.V.“ Eigentlich bewarb sich Leipzig für den Wettbewerb „Hauptstadt des fairen Handels“. Aus dem Preis ist nichts geworden. „Soweit ist Leipzig noch nicht. Wir haben der Stadt dann vorgeschlagen, sich für den Titel „Fairtrade Town“ zu bewerben. Die Grünen haben es in den Stadtrat gebracht. Jetzt ist der Beschluss gefasst“, sagt Martin Finke in einem Interview im Dezember vergangenen Jahres.

Am 26. September 2011 ist es nun soweit. Leipzig hat den Titel. Damit ist sie nun eine von 1000 weltweit und die erste Kommune in Sachsen. Oberbürgermeister Burkhard Jung bekam feierlich eine Urkunde von Heinz Fuchs, Vorstandsvorsitzender von Transfair e.V., überreicht. Sie besiegelt den Erfolg.

Doch dieser Titel ist an Bestimmungen geknüpft. Zum einen: den Beschluss des Stadtrates, diesen Titel anzustreben. Das ist bereits erledigt, im vergangenen November. Zweiter Punkt: Bildung einer Steuerungsgruppe. Auch hier sind erste Schritte bereits getan. Dritter und wichtigster Aspekt: Einzelhandel, Cafés und Restaurants müssen Produkte mit dem Fairtrade-Siegel anbieten. Für Leipzig mit einer Einwohnerzahl von 519.000 Einwohnern sind das 62 Geschäfte und 31 Restaurants. Außerdem sollen über das Jahr verteilt Aktionen von verschiedenen Vereinen stattfinden, um den fairen Handel voran zu treiben.

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Der Verein „Eine Welt e.V.“ ist Koordinator für das Projekt. Zuerst mussten die bestehenden „fairen“ Läden und Gaststätten gefunden werden. Sie müssen zwar nicht ausschließlich fair gehandelte Produkte führen. Aber mindestens zwei, das ist die Anforderung. So zählen auch zahlreiche Supermarktketten dazu, die in ihren Regalen einige wenige Transfair-Produkte stehen haben. Aber wozu braucht man eigentlich Faitrade? „Es ist direkte Hilfe. Keine Spende, diese ändern nichts an den Ursachen. Fairer Handel soll dafür sorgen, dass die Menschen von dem leben können, was sie produzieren“, kommentiert Markus Finke.

Der Titel „Faitradecity“ ist nur an das Transfairlogo geknüpft. Aber gerechter Handel endet nicht beim Transfair-Siegel. „Für den Kunsthandel gibt es zum Beispiel keins“, sagt Finke. In den „Eine-Welt-Läden“ haben die wenigsten Dinge ein Transfair-Logo. Dennoch: (fast) alles ist fair gehandelt. Zudem gibt es große Fairtrade Firmen, die das Logo verweigern. „Wir haben höhere und strengere angelegte Kriterien, als das Faitrade-Siegel fordert“, sagt ein Sprecher von El Puente. „’El Puente’ – das steht für Faitrade. Das Transfair-Logo hat man für den Verkauf in Supermärkten geschaffen. Unsere Produkte kauft man in Eine-Welt-Läden. Hier ist alles fair gehandelt. Das Logo würde die Verbraucherpreise in die Höhe treiben, wegen den Lizenzgebühren. Also verzichten wir.“

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Zwei Produkte mit dem Transfair-Siegel im Regal reichen also aus und Discounter mit zwei Sorten Fairtradeschokolade werden schon mit gezählt: Im Allgemeinen sind solche Lebensmitteldiscounter aber nicht für angemessene Bezahlung und faire Arbeitsbedingungen berühmt. Sollte man mit dem gerechten Handel nicht hier beginnen? „Natürlich geht das Hand in Hand mit der Forderung, dass hier angemessene Löhne gezahlt werden. Das schließt sich gegenseitig nicht aus. Es kann sowohl fair gehandelte Produkte geben als auch die Forderung nach fairen Löhnen in Deutschland.“

Also: Image polieren oder Welt verbessern? „Beides. Die Stadt selbst hat natürlich Interesse daran, das als Imagepflege zu nutzen, als weltoffenen Stadt usw. Natürlich gibt es auch den guten Willen – hier kann man aber eindeutig viel mehr mehr tun!“, sagt Finke.

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

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Eine Antwort zu "Die Welt, Leipzig und der Versuch gerechten Handelns"

  1. [...] Zum Artikel “Versuch über gerechtes Handeln” [...]

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