“Eine Flasche Wein, zehn Minuten und ich erkläre Ihnen die beste Idee der Welt”

“Think big!” ruft Lennart Bastert seinem Kollegen Fritz Goldfuß zu. Denn warum zu sehr auf dem Teppich bleiben, wenn es um ihr großes Projekt geht. Die beiden Studenten wollen aus der Universität Leipzig eine “Compassionate University” (in etwa Universität des Mitgefühls) machen. Damit gesellen sie sich zu allerhand “Compassionate”-Projekten in der ganzen Welt. In Deutschland sind sie jedoch die ersten.

Das Interview führten Franziska Gaube und Julia Wuth.

Die Idee für das Projekt entstand im Rahmen des Service Learning Moduls am Institut für Amerikanistik der Universität Leipzig. Das Modul soll soziales Engagement in universitäres Lernen integrieren. In Deutschland ist das eine relativ neue Idee. International ist es schon fest in den universitären Lehrplan eingebettet.

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Zuallererst, worum geht es?

Lennart: Der Ursprung liegt bei der Organisation “Ted”, die Konferenzen für schlaue Leute aus Technologie, Entertainment und Design organisiert. Ihr Motto ist “Ideas worth spreading”. Sie bietet guten Ideen eine Plattform. “Ted” macht im Jahr zwei große Konferenzen und vergibt jedes Jahr einen Preis. Der Preis ist mit viel Geld und einem Wunsch verbunden. Im Jahr 2008 hat die Religionsforscherin Karen Armstrong diesen Preis gewonnen und sich eine “Charter for Compassion” – quasi: Charta des Mitgefühls – gewünscht. Das hat sie mit Leuten aus der ganzen Welt umgesetzt, mit dem Dalai Lama zum Beispiel.
Der Kern dieser Charta ist die “Goldene Regel”: ‘Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.’ Dies ist der Kern fast aller religiösen und ethischen Lebensphilosophien. Das soll letztendlich der Weg sein, um friedlich miteinander zu leben. Nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn. 2009 ist die Charta fertig geworden, dann hat Caron Armstrong begonnen, die Charta von wichtigen Personen des Weltgeschehens unterschreiben zu lassen. Zum Beispiel von dem islamischen Prinzen, dem Dalai Lama, den Erzbischöfen aus Amerika etc. Eben ganz vielen Leuten, damit sie auf breitem Boden steht. Daraus ist die Initiative „Compassionate City“ entstanden. Bürgermeister unterschreiben diese Charta, „unterwerfen“ sich für 10 Jahre einem Programm und schreiben sich damit das Mitgefühl auf die Fahnen. Seattle war im April 2010 die erste Stadt, eine Kleinstadt in Colorado und eine in Kanada folgten. Inzwischen gibt es überall auf der Welt Initiativen, die so etwas machen, nicht nur Städte, zum Beispiel das Sydney Opera House in Australien hat auch eine Charta des Mitgefühls unterschrieben. Jetzt kommen wir rein. Innerhalb dieses Service Learning Moduls packen wir das für die Leipziger Uni an.

Wie weit seid ihr schon?

[simage=319,320,n,left,]Lennart: Wir haben im Rahmen des Service Learning Moduls in diesem Sommersemester begonnen. Effektiv sind wir jetzt ungefähr im zweiten Monat. Heute haben wir angefangen konkrete Ideen für die tatsächliche Erklärung, die unterschrieben werden soll, zu sammeln.

Weiß die Rektorin schon was ihr vorhabt?

Lennart: Theoretisch schon, wenn sie die E-mail gelesen hat. Es ist leider auch utopisch zu sagen, dass wir bis zum Ende des Sommersemesters die Compassionate University schon durch haben. Wegen des ganzen Bürokratiekrams der Universität.

Aber wann gilt die Uni als Compassionate Uni?

Lennart: Die Uni, der Rektor, der Senat und der Stura sollten bereit, sein zu sagen „Okay, Stift her, die Uni weiß um ihre soziale Verantwortung, wir unterschreiben das jetzt.“ Sie sollten natürlich auch den Plan kennen, der damit zusammen hängt.

Fritz: Eigentlich bietet die Uni schon viele Möglichkeiten, das „Programm“ zu erfüllen, zum Beispiel durch die Anstrengungen im Bereich barrierefreie Uni und vielen anderen sozialen Projekten. Wir wollen eher die Dachorganisation stellen, um die sozialen Projekte zu vereinen. Wir dachten auch an Kontakt und Austausch mit außeruniversitären Vereinen.

Lennart: Es geht um zwei Dinge, zum einen symbolisch: Profilbildung. Zum anderen, die praktische Seite: Man kann das sammeln, was es an der Uni schon gibt. Außerdem wollen wir über das Modul Vereine kontaktieren und sagen „Ihr braucht doch sicher Leute“. Wir glauben unter Studenten ist das Potenzial da, im akademischen Hintergrund ist man sich seiner Verantwortung für die Gesellschaft bewusst. Sich hinzusetzen und zu sagen: Ihr habt soziale Verantwortung, ihr seid in der Uni des Mitgefühls, dadurch wird es für euch ganz einfach, aktiv zu werden. Ziel ist, dass mehr Studenten aktiv werden und dass durch Informationen mehr Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wird.[simage=322,320,n,right,]

Hand aufs Herz, die Uni als Vermittler zwischen Student und Ehrenamt. Wird das wirklich ehrenamtliche Engagement vereinfacht?

Fritz: Ja, auf jeden Fall. Es wird auf jeden Fall übersichtlicher.

Lennart: Die selbe Frage habe ich heute mit meinem Bruder diskutiert. Sagen wir mal zehn Prozent der Studenten an der Uni wissen davon, dann interessieren sich fünf Prozent der Studenten näher dafür, klicken auf den Link, finden etwas für sich. Wenn dann ein Prozent der Studenten wirklich aktiv werden, sind das prozentual gesehen wenig. In Menschen sind es aber 220. Ich denke damit kann man schon etwas bewegen.

Was habt ihr schon getan? Was sind eure nächsten Schritte?

Fritz: Was wir getan haben? Viele Leute angeschrieben.

Lennart: Ich hab gleich die Rektorin angeschrieben. Man ist ja am Anfang immer erstmal enthusiastisch: „Das wird super.“ „Das schaffen wir auf jeden Fall.“ Und dann geht man gleich zu allen Leuten hin, klingelt mit einer Flasche Wein an der Tür und sagt „zehn Minuten und ich erkläre ihnen die Beste Idee der Welt“
Geplant ist eine Charta, die man sich durchlesen kann und unterschreiben kann. Außerdem wollen wir eine Unterschriftenliste starten, um zu dokumentieren, dass Studenten bereit wären, sich zu engagieren, zu informieren und/oder zu interessieren. Und wenn wir dann durch die Gremien sind, dann geht’s rund. (lacht)

Wenn man versucht neue Leute fürs Ehrenamt zu gewinnen, kommt immer „Ich habe keine Zeit“. Ist das die Realität oder doch nur faule Ausrede?

Lennart: Also in unserem Fall wäre es ne faule Ausrede. (lacht) Na ja, Jurastudenten oder Medizinstudenten, die haben viel zu tun. Aber das ist auch eine Informationssache. Früher kannte ich nur Menschen, die sich total stark mit ihrem Ehrenamt identifiziert haben, dort drei mal in der Woche hingegangen sind und am Wochenende keine Zeit hatten. Aber man kann die Leute ja darüber informieren, dass Ehrenamt schon etwas Kleines sein kann, zum Beispiel an einem Nachmittag oder eine Wochenende bei einem Festival helfen oder einfach nur Ideen einbringen. Ehrenamt kann auch etwas sein, wo man punktuell was Gutes machen kann. Bei keinem Ehrenamt muss ein Vertrag unterschrieben werden, der besagt, dass man zwei Jahre lang, zwei Mal die Woche da hin kommen muss.

Habt ihr nicht Angst, dass es zwischen den ganzen Sozialen Projekten an der Uni untergeht?

Fritz: Wir haben gehofft, das Dach für alle diese Projekte zu stellen.

Lennart: Wir finden, das ist eine gute Sache. Deswegen bleiben wir dran. Zur Not müssen wir den Leuten der Uni Leipzig auf den Kopf hauen – natürlich nur wenn es nicht anders geht. Vor allem weil die Uni Leipzig eine der wenigen Unis ist, die soziale Verantwortung in ihrer Uni-Satzung niedergeschrieben hat.

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Was ist eure allergrößte, vielleicht auch unmöglich Vision für die Zukunft?

Fritz: Ich möchte, dass unser Projekt bestehen bleibt und kein einmaliges Ding wird.

Lennart: Und dass es ein Teil der Uni wird.

Fritz: Und dass auch andere nachziehen.

Lennart: Wenn man weiter geht, wünsche ich mir, dass sich hier an der Uni ein Büro etabliert. Dann weiß natürlich jeder Student, dass es so etwas an der Uni gibt. Ich wünsche mir auch, dass sich andere Universitäten die Uni Leipzig zum Vorbild nehmen. Vor allem solche, an denen es auch so ein Service Learning Modul gibt, zum Beispiel Mannheim, Duisburg-Essen, Würzburg und Düsseldorf.
Ich hoffe, dass die Studenten ihr Leben lang davon beeinflusst sind, dass sie an einer Uni des Mitgefühls waren und ihre soziale Verantwortung ihr Leben lang ernst nehmen. Ich würde gerne soweit gehen, zu sagen, dass wir den Grundstein für eine neue Einstellung legen.

Vielen Dank für das Gespräch

Weiter geht’s:
Die Charter for Compassion
Compassionate Action Network
Die Organisation “Ted”
Service Learning Modul

Fotos: Franziska Gaube

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: Allgemein, Franziska Gaube, Gespräche

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