Zu: Blut, Schweiß und Benzin

Ein Fahrer drängt den anderen von der linken Spur auf der Autobahn. Ein Radler fährt im Slalom durch die Fußgängerzone und erschreckt Oma beim Einkaufen. Jemand geht bei Rot über die Ampel und zwingt einen Autofahrer zur Vollbremsung. Und alles wird begleitet von Beleidigungen und ausgestreckten Mittelfingern. Der Straßenverkehr in Deutschland ist Krieg, heißt es gern. Jan Kröger hat mal darüber nachgedacht, inwiefern man das wirklich miteinander vergleichen kann.


Wie viele Kriege es auf der Welt gegeben hat, seit wir Menschen da sind, kann niemand sagen. Aber es war immerhin so oft, dass es einige Dinge gibt, die eigentlich immer zutreffen. Erstens: Schuld daran sind die anderen, und zweitens: Dauernd geht es um irgendwelche Flüssigkeiten. Zum Beispiel um Blut, Schweiß und Tränen – wie bei Winston Churchill im 2. Weltkrieg. Churchill konzentrierte sich also einzig auf Flüssigkeiten, die der Mensch entweder in sich hat oder von sich gibt. Wobei er, vermutlich aus rhetorischen Gründen, Urin und Fruchtwasser nicht erwähnt hat.

70 Jahre später wissen wir, dass der moderne Mensch noch weitere Flüssigkeiten unbedingt zum Leben braucht, allen voran Alkohol und Öl. Allerdings hat sich als Schlagwort bislang nur der „Krieg ums Öl“ durchgesetzt. Das mag daran liegen, dass in Ländern wie dem Irak oder Libyen alkoholisch eben wenig zu holen ist. Auch für Deutschland ist die Sache klar: Viel Alkohol, wenig Öl. Trotzdem beteiligte sich die Bundeswehr nicht am Irak-Krieg und bisher auch nicht am Libyen-Einsatz. Nein, hierzulande führen wir diesen Krieg auf ganz andere Weise. Im Kleinformat und unter uns. Die Waffen sind unsere Fortbewegungsmittel und der Kriegsschauplatz sind unsere Straßen. Wie sonst soll ich das verstehen, was sich da in den letzten Wochen abspielt.

Vom „Kampf an der Zapfsäule“ ist die Rede. Da kommt der Biosprit E10 an die Tankstelle – von dem niemand sagen kann, was daran eigentlich so bio sein soll, und den Tausende Autofahrer ablehnen, weil sie fürchten, dadurch geht ihr Motor in die Luft. Dann entsteht eine hysterische Diskussion darüber, dass die EU Diesel neu besteuern will. „Diesel bald 30 Cent teurer“, heißt es sofort. Erst bei näherem Hinschauen stellt sich heraus, dass mit „bald“ das Jahr 2020 gemeint ist. Realistisch betrachtet können wir da wohl froh sein, wenn Diesel bis dahin nur um 30 Cent teurer geworden ist.

Aber nicht nur die Autofahrer bekriegen sich. Da kommt eine Umfrage raus, nach der sich vier von fünf Deutschen darüber beklagen, dass Radfahrer häufig Verkehrsregeln ignorieren. Deswegen bringt Verkehrsminister Ramsauer schnell mal den Begriff „Kampfradler“ ins Gespräch. Und um das gegenseitige Misstrauen auf alle Verkehrsteilnehmer auszuweiten, möchte ich noch den Harakiri-Fußgänger nennen, der Straßen notorisch mit Fußgängerzonen verwechselt und bei Fahrrad- und Autofahrern gleichermaßen für unfreiwillige Adrenalinschübe sorgt.

Kampf um Öl und Schuld sind die anderen – der Straßenverkehr in Deutschland zeigt im Kleinen, welche Motive es für die großen Kriege gibt. Und viel spricht dafür, dass es auch die nächsten Wochen so weiter geht: Der mysteriöse Preisanstieg bei Benzin pünktlich zu den Osterferien steht bevor. Und noch eine weitere Nachricht ist vielversprechend: Politiker von CDU/CSU und FDP denken über eine Autobahnmaut für Pkw nach. Der Kampf kann weitergehen.

Veröffentlicht unter: Allgemein, Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten: , , , ,

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:
Willy Brandt in Memmingen


Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt oder Richard von Weizsäcker – sie alle gelten als große Politiker. Und damit ...