Südi went West

Von Dorothea Hecht

Ich bin Wessi. Das hab ich gelernt, als ich nach Leipzig gezogen bin. Warum ich Wessi bin, das hab ich allerdings auch nach fünfeinhalb Jahren nicht gelernt. Schließlich komme ich aus Süddeutschland und um von meiner Heimatstadt aus in den Westen zu kommen, brauche ich schon zur nächsten Autobahn länger als ein Pendler von Leipzig nach Magdeburg.

Um Wessi zu sein, so dachte ich, muss man aus Köln kommen, aus Bielefeld, aus Gelsenkirchen oder aus Dortmund. Eben aus einer dieser Städte, die man meistens nur aus der Fußball-Bundesliga kennt und die einer anderen so nahe ist, dass alleine diese Nähe Grund genug ist, eine geschichtsträchtige Feindschaft aufzubauen. Oder Herbert Grönemeyer singt ein Lied über sie, um sicherzustellen, dass auch Weggezogene nach Jahren noch die richtige Autobahnabfahrt finden.

Jeder fünfjährige Wessi muss Frankreich so gut kennen, dass er schon seit zwei Jahren weiß, dass „putain“ nicht notwendigerweise das französische Wort für „Pute“ ist. Als in Holland Marihuana legalisiert wurde, sah ich Wessis in meinem Alter sich abends im Jugendklub (mit k) treffen und mit sorgenvoller Stirn, winzigen Biergläsern und einer Menge „Alter“ darüber diskutieren, wie man den Eltern künftig den geplanten Kurztrip als harmlosen Badeurlaub mit Freunden verkaufen würde.

Es ist nicht so, dass sich meine Vermutungen auf persönliche Erfahrungen gestützt hätten. Im Gegenteil: Bis vor wenigen Jahren war ich nur ein einziges Mal für mehr als einen Tag im Westen gewesen. Damals war ich sieben und im Familienurlaub in der Eifel. Alles, woran ich mich noch erinnere, ist, dass mein Vater unbedingt den höchsten Berg der Umgebung mit uns erklimmen wollte – wie immer. Wie immer begann dieses Vorhaben damit, dass ich eingequetscht zwischen meinen Geschwistern in der Mitte der Rückbank des alten R4 saß. Und damit, dass mir nach ungefähr fünf Minuten von der kurvigen Strecke übel wurde. Genervt wie Eltern nun mal von siebenjährigen Gören sind, hielten sie das Auto nicht an und die Garantiert-Original-Eifel-Leberpastete vom Vorabend landete in kaum veränderter Konsistenz auf dem Schoß meines Bruders.

Dieser üble Eindruck vom Westen hielt sich in meinem Kopf weit übers Abitur hinaus. Erst als ich nach Leipzig zog, in den Osten, lernte ich waschechte Wessis kennen. Zeit, meine Vorurteile zu überdenken, so dachte ich mal wieder. Hätten die waschechten Wessis sie nicht mit einem „Ey ich komm doch nich ausm Pott biste scheiße oder was Alta und gehen wa jetz endlich nach Aldi woll!?“ bestätigt.

Bevor es zu spät ist, das klarzustellen: Ich hab nichts gegen Wessis. Die Person, die hinter diesem Satz steckt, wurde einer meiner besten Freundinnen. Trotzdem brauchte sie fast fünf Jahre, um mich dazu zu überreden, sie endlich einmal in ihrer Heimat zu besuchen. Kurz vor der A1, dort wo das Sauerland beginnt (oder endet, je nachdem), musste ich es dann zugeben: Wessis kennen auch gute Lieder, verstecken irgendwo hinter ihren Kilometern von Beton auch einige Quadratmeter grüne Landschaften und brauen sogar halbwegs passables Bier. Nur Kommas artikulieren, das können sie nun wirklich nicht.

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Allgemein, Dorothea Hecht

Eine Antwort zu "Südi went West"

  1. [...] Dorothea Hecht erinnert sich an ihr erstes West-Erlebnis. [...]

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