Artensterben zum Anziehen

2010 war das Jahr der Artenvielfalt. Davon hat vielleicht nicht jeder etwas mitbekommen, aber auch im neuen Jahr hat sich das Thema längst nicht erledigt. Die Leipziger Kampagne Xtinct beschäftigt sich auf besonders tragbare Weise mit dem Artensterben – denn sie bringt das Thema in Form von Streetwear in die Öffentlichkeit. Im Interview erzählt Jörg Dietrich von Xtinct über die Anfänge der Kampagne, ihre Ziele und die Relevanz des Themas.

Das Gespräch führte Claudia Laßlop.

Welche Idee steckt hinter Xtinct?

Xtinct ist eine Streetwear-Kampagne zum Thema Artensterben, die nicht auf vordergründige, sondern subtile Art auf das Thema aufmerksam machen will. Wir wollen nicht plakativ dem WWF Konkurrenz machen, in dem wir „Rettet den Eisbär“ neben ein Eisbärbild auf T-Shirts drucken. Wir wollen vielmehr T-Shirts machen, die von sich aus spannend sind und die Leute tragen wollen, weil sie ihnen gefallen.

Artensterben im Diagramm (Artkolchose)

Artensterben im Diagramm (Artkolchose)

Und inwiefern subtil?

Subtil, weil es das Thema überhaupt anspricht. Aber unser Anliegen ist es dabei nicht, etwas Bedrohtes zu schützen und in Aktionismus zu verfallen. Deshalb geht es auch um ausgestorbene Arten – bei denen kann man nicht sagen: ‘Jetzt muss hier sofort etwas passieren, damit die Art gerettet wird’. Sondern die Arten sind bereits ausgestorben, es geht um ihre Geschichte, warum sie verschwunden sind, was der Mensch dazu beigetragen hat, was daran signifikant und spannend ist. Und um Arten, die auch von sich aus spannend sind, die es seit Kürzerem und Längerem nicht mehr gibt und die aber nicht so im Bewusstsein verankert sind. So dass die Shirts auch zu Fragen animieren, Anlass für ein Gespräch bieten.

Woher bekomme ich die Infos zu dem jeweiligen Tier auf den Shirts?

Die Shirts gibt es ja hauptsächlich online zu bestellen und auf der Website gibt es Steckbriefe zu den Tieren, so dass man sich dort informieren und dann auch was dazu sagen kann. Außerdem gibt es auch Infos zur Kampagne, zu Artenvielfalt, zu Biodiversität.

Wovon genau sprechen wir bei Biodiversität?
Biodiversität heißt biologische Vielfalt, was Ökosysteme, Biotope und die Zusammenhänge zwischen Arten einschließt, während Artenvielfalt eben die Vielfalt der Arten meint.

Und welche Relevanz hat Artenvielfalt?

Es gibt viele Gründe, warum sie wichtig ist, ohne einen speziell hervorheben zu wollen. Artenvielfalt liefert uns Lösungen für alles Mögliche – Beispiele, in denen Lebewesen eine Lösung für Überleben oder Anpassung in der Natur gebracht haben, die der Mensch genutzt hat, etwa für medizinische Entwicklungen. Zudem erbringen Ökosysteme Leistungen, Wasserläufe und Luft werden in Wäldern gereinigt. Ökosysteme erhalten das ökologische Gleichgewicht. In dem Moment, wo ein Ökosystem verschwindet, hat das Auswirkungen aufs gesamte Klima, auf den globalen Stoffhaushalt und auch das hat mit Artenvielfalt zu tun. Denn das Bestehen dieses Ökosystems wird oft erst durch die darin existierende Artenvielfalt möglich. Wenn man da wenige Arten raus nähme, würde man sehr viele weitere Arten beeinflussen und ein Teil des Systems könnte schon zusammenbrechen.

Jörg Dietrich mit einem Beutelwolf-Shirt (Beatrice Barth)

Jörg Dietrich mit einem Beutelwolf-Shirt (Beatrice Barth)

Wobei ja manchmal auch Arten dazu kommen, die vorher nicht einheimisch waren.

Da spielen auch Gefährdungsaspekte eine Rolle. Etwa bei Pflanzen oder Tieren, die durch Schifffahrt oder Touristen eingeschleppt werden, sich verbreiten und einheimische Arten verdrängen. Das führt zur Homogenisierung der Arten. Bekanntes Beispiel ist das nordamerikanische Eichhörnchen. Das sind ja gern gesehene, beliebte Tierchen und in Europa sind die meistens rot-braun. Die aus Nordamerika sind schwarz-gräulich, ein bisschen größer und in England werden die Rot-Braunen mittlerweile bereits von denen verdrängt. Früher waren da auch nur die Rot-Braunen.

Die europäischen Marienkäfer haben ja auch Konkurrenz vom Asienkäfer bekommen, der in den vergangenen Sommern plötzlich massenweise in Europa aufgetaucht ist.

Und gerade auf Marienkäfer würde ja wirklich keiner verzichten wollen. Es ist bedenklich, gerade wenn man das Thema Diversität noch weiter fasst. Ähnliche Fälle hat man ja auf kultureller Ebene. Man schätzt zwar, dass es verschiedene Kulturen gibt, aber Kommerz bringt viel Vereinheitlichung mit sich auf der ganzen Welt, über all die selben Geschäfte, die selben Filme, die selben Marken – und da besteht dieselbe Bedrohung wie in der Natur durch invasive Arten, durch das Verschleppen von häufig vorkommenden Arten überall hin. Existierende Arten werden vertrieben, weil sie der neuen Konkurrenz nicht standhalten. Das kann letztlich zur weltweiten Abnahme von Diversität und zur Homogenisierung führen.

Und dass Monokulturen anfällig sind, lernt man ja schon der Schule.

Das kommt noch dazu. Vielfalt ist auch immer ein Sicherheitsmechanismus. Wenn eine Art angegriffen und ausgerottet wird, sind noch andere Arten vorhanden, die sich anpassen und die Lücke effektiv ausfüllen können.

Wie ist die Xtinct-Kampagne entstanden?

Entstanden ist die Kampagne auf einem Wirk-Camp der Synagieren-Initiative im Jahr 2008. Die Idee kam von Sebastian Kirschner, wir haben das zusammen vorbereitet und haben heute die Geschäftsführung. Beim Wirk-Camp haben wir ein Wochenende lang mit zwölf Leuten aus ganz Deutschland beratschlagt, wie die Idee umgesetzt werden kann. Es war jemand von einem Web-Design-Büro dabei, der ein Layout entworfen hatte und dessen Büro dann auch die Seite programmiert hat. Danach haben wir vor allem in Leipzig weiter dran gearbeitet, über den Sommer ist die Seite entstanden, wir haben die ersten Künstler angefragt und sind mit den ersten vier Künstlern Ende 2009 online gegangen. Und nachdem die Seite online gegangen ist, haben sich auch immer mehr Künstler gefunden. Mittlerweile haben wir mehr als 30 Designs von 12 oder 13 Künstlern.

Gebt ihr den Künstlern die Arten vor, um die es gehen soll?

Wir schlagen eine Auswahl vor, vor allem die, zu denen es bereits Steckbriefe gibt und die in Arbeit sind, aber dann hat der Künstler die Wahl. Wenn der allerdings fragt, sagen wir natürlich, vom Dodo haben wir schon viele Designs, vom Chinesischen Schwertstör erst eins. Oder von der Linsenfliege – wobei das ein anderes Thema ist, weil die gerade wieder entdeckt wurde. Die Künstler bekommen also eine Art Vorlage mit Infos zu Drucktechniken und zu den Arten mit Bildern und anatomischen Details. Und ab dann ist es ihre Sache, was sie draus machen.

Und wie war das nochmal mit der Linsenfliege?

Linsenfliege Design von Stefanie Haslberger

Linsenfliege Design von Stefanie Haslberger

Wir wollten unbedingt auch ein Insekt dazu nehmen. Insekten sind nunmal die größte Tiergruppe auf der Erde, wenn auch nicht unbedingt die beliebteste, die auffälligste oder die optisch spannendste. Die Zeit der Rieseninsekten ist ja schon vorbei. Die Linsenfliege haben wir ausgesucht, weil sie eine interessante Geschichte hat – das ist eine europäische Art, die ein wenig länglicher als normale Fliegen ist und einen knallroten Kopf hat, ein bisschen wie so ein Alien, das als Fliege hier eingeführt wurde. Sie kam in Mitteleuropa vor und wurde auch nur in den Wintermonaten auf Tierkadavern gesehen. Sie hat ihre Eier nämlich in die aufgebrochenen Knochen gelegt. Und in dem Maße wie in Mitteleuropa die Landwirtschaft intensiviert wurde, im Zuge der Industrialisierung auch Tierkadaver besser beseitigt wurden, gleichzeitig die Großraubtiere in den Wäldern verschwanden – Wolf, Bär usw. – ist auch diese Fliege um 1850 verschwunden. Ausgestorben ist sie also aufgrund von Veränderungen der menschlichen Gesellschaft.

Aber?

Sie wurde in Spanien wieder entdeckt und das ist genauso interessant. Die Art war in Spanien nämlich nicht bekannt. Ende 2009 hat ein Fotograf Fotos von einer komischen Fliege auf Tierkadavern gemacht und hat die einem Entomologen gezeigt und der ist darauf gestoßen, dass es die ausgestorbene Linsenfliege sein muss. Also auch eine Geschichte darüber, wie der Erhalt von Biotopen dazu beiträgt, dass Arten nicht aussterben, denn in Spanien, wo die Intensivierung der Landwirtschaft und die Industrialisierung nicht so weit fortgeschritten sind wie in Mitteleuropa, konnte diese Art überleben. Und es ist mal eine positive Geschichte zum Thema Artensterben und auch für uns als Kampagne toll, weil wir mit solchen Geschichten zeigen können, wie der Erhalt von Biotope nützt.

Und das ohne die Vorzeige-Tiere von WWF & Co.

Genau. Wobei die wichtig sind. Wenn man den Panda rettet, in dem man in Asien die Wälder rettet, in denen er noch vorkommt, rettet man damit auch tausende weitere, bekannt oder unbekannt Arten. Dafür sind Galionsfiguren wichtig, weil sie den Scheinwerfer auf etwas richten, das man nicht an jeder einzelnen Art zeigen kann. Wir machen mit der Auswahl von zehn Arten auch nichts anderes. Die stehen exemplarisch für die ganze ausgestorbene Artenvielfalt.

Und ihr habt dafür die Linsenfliege.

Mal schauen, wie wir mit der umgehen. Ob wir nur ein Design machen und uns dann noch ein ausgestorbenes Insekt suchen. Was ich gern hätte, wäre so ein richtig düsteres Design, die Linsenfliege mit ihrem roten Kopf als düstere Comicfigur.

Bandicoot-Design von Sven Palmowski

Bandicoot-Design von Sven Palmowski

Das Ziel der Kampagne ist es also, Artenvielfalt zum Gesprächsstoff zu machen und ins Bewusstsein zu bringen?

Wir sind keine Kampagne, die im Alleingang die Welt retten oder das Artensterben verhindern will. Dazu gibt es viele Projekte, die großartige Sachen machen. Wir wollen dem Ganzen vielmehr ein Puzzleteil hinzufügen, indem wir das Thema mit Streetwear-Designs in die Gesellschaft hinein tragen und dabei vor allem nicht nur diejenigen ansprechen, die eh schon „öko“ sind, sondern das sind generell ansprechende Designs. Wir hoffen, dass jedermann so ein Shirt tragen wollen würde. 2010 war das Jahr der Artenvielfalt und ich denke nicht, dass in dieser Zeit jeder durch sein Leben gegangen ist und dachte, da müssen wir echt was tun.

Wie ein gut gemachtes Band-Shirt, das ich sehe und dann nach der Band frage.

Dass eine Band sich damit bekannt macht, dass sie coole Designs hat, kommt ja vor. Bei uns gibt es durch die unterschiedlichen Künstler ja auch ganz unterschiedliche Stile, von comicmäßigen Figuren über illustrativ gestaltete Designs über Motive, die ein bisschen „erhobener Zeigefinger“ sind bis hin zu eher kindlichen Motiven. Und dann kann das eine Kind zum anderen sagen, ‘meine Seekuh ist viel hübscher als deine’ und das andere sagt ‘ja, aber meine ist dafür ausgestorben’ oder so. Das Thema Artensterben kann da schon losgehen und die Kinder kommen nach Hause und fragen ihre Eltern, warum sie das zugelassen haben. Aber es geht uns natürlich nicht darum, für Streit im Elternhaus sorgen.

Wie bringt ihr die Kampagne unter’s Volk?

In erster Linie online. Außerdem, indem die Leute dann in den Shirts rumlaufen. Und natürlich die klassische Öffentlichkeitsarbeit, facebook, ein Blog mit zahlreichen Infos, Veranstaltungen, auf denen wir uns vorstellen und auch die Shirts verkaufen.

Und dafür gibt es auch schon fertige Shirts?

Von einigen Designs haben wir eine kleine Auflagen drucken lassen und die nutzen wir für Veranstaltungen oder auch mal für einen Laden, der die verkaufen möchte.Eine Idee ist auch, sie im Zoo-Shop anzubieten. Die Shirts, die wir online anbieten, gibt es mit mehr als 30 Designs auf zehn verschiedenen Produkten, Kindershirts, Kapuzenpullover usw. Diese ganzen Kombinationen haben wir natürlich nicht in irgendeinem Lager, sonst wären wohl eines der größten T-Shirt-Lager Deutschlands. Das läuft alles per Print-on-demand. In dem Moment, wenn jemand etwas bestellt, werden die Shirts erst bedruckt und dann verschickt. So haben wir jederzeit alles verfügbar. Und hat auch den Vorteil, dass wir keine großen Kosten vorstrecken müssen und trotzdem diese Palette anbieten können.

Was macht ihr mit dem Gewinn?

Wir sind nicht im klassischen Sinne ein gemeinnütziger Verein, eher ein Non-profit Unternehmen das kommerziell arbeitet. Auf der einen Seite steht die Kampagne, auf der anderen Seite soll mit dem Geld aber eben auch praktisch etwas zu diesem Thema umgesetzt werden. Wir arbeiten daher mit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt zusammen, der größten in Deutschland ansässigen Umweltschutzorganisation. Wir unterstützen drei ihrer weltweiten Artenschutzprojekte mit einer Pauschalspende von drei Euro pro verkauftem Shirt.

Was steht jetzt aktuell an?

Wir haben die Seite gerade auf Englisch übersetzt. Machen Öffentlichkeitsarbeit, denn davon lebt die Kampagne ja erst. Man stellt sich das ja einfacher vor, ehe man damit anfängt. Und ab und zu kommen auch noch neue Designer auf uns zu, so dass Anfang 2011 wahrscheinliche wieder eine neue Serie mit Designs rauskommt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

Veröffentlicht unter: Allgemein, Claudia Laßlop, Gespräche

Eine Antwort zu "Artensterben zum Anziehen"

  1. [...] Konkurrenz macht und was das mit Biodiversität zu tun hat, lässt sich im Interview zur Xtinct-Kampagne nachlesen. Was die einen von den anderen unterscheidet, erklärt außerdem Wikipedia. Über die [...]

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Liebe Weiterlesende, Wir möchten euch an dieser Stelle das aller Beste für das neue Jahr wünschen... Wir wünschen euch, dass ...