Widerstand im Paradies

Auf 16% der Fläche Perus wird Bergbau betrieben. Aber nur 1,8% der Bevölkerung des Landes arbeiten in diesem Sektor. Die Kampagne Mining in Paradise macht auf Konflikte zum Thema Bergbau in Nordperu aufmerksam. Speziell in den Provinzen Jaén, San Ignacio, Ayabaca, Huancabamba, denn diese befinden sich im Hotspot der Artenvielfalt der tropischen Anden. In ihren Nebelwäldern und Páramos werden große Mengen Wasser gesammelt und gespeichert. Bergbau würde die Ökosysteme empfindlich verletzen. Fidel Torres bringt die Botschaft nach Europa, nach Leipzig.

Das Gespräch führten Ismene Laraki und Franziska Gaube. Übersetzer war Mathias Hohmann.

Der Boden ist fruchtbar, viele Menschen finden Arbeit in der Landwirtschaft. Viele sind mit dem Feldbau kulturell verwurzelt. Aber dort, wo in der Erde geschürft wird, kann es keine Landwirtschaft geben und der Staat bevorzugt diese Unternehmen, während die eigentlich Betroffenen in die Entscheidung nicht mit einbezogen werden. Hauptrohstoffe aus den Minen sind Gold und Kupfer, aber auch Eisen und Silber. Warum sollte die Regierung eines armen Landes auf Gold verzichten und stattdessen die Landwirtschaft fördern? Die Konflikte gehen weit über den regionalen Umweltschutz hinaus.

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Fidel Torrez.
Foto: Tobias Keunecke

Die Kampagne “Mining in Paradise” wird unter anderen von der CATAPA und peruanischen Partnerorganisationen wie dem Umweltnetzwerk Red Muqui unterstützt. CATAPA, eine belgische Organisation, setzt sich für nachhaltige Entwicklung vor allem in Lateinamerika ein und hat im Rahmen der Kampagne fünf Menschen nach Europa eingeladen. Fidel Torres ist einer von ihnen und kam so nach Deutschland. Er ist Biologe. Seine Spezialgebiete sind Botanik und Biodiversität.

Auf seiner Nase sitzt eine große Brille mit dicken Gläsern. Die Uhr an seinem Handgelenk zeigt nicht die deutsche Zeit. Er ist Peruaner. Wirkt auf den ersten Blick ruhig und gelassen und erzählt so eindringlich, dass wir fast vergessen, dass wir ihn eigentlich gar nicht verstehen und uns dabei erwischen, wie wir zustimmend nicken. Fidels Übersetzer, Mathias, macht sich ebenfalls eifrig Stichpunkte, fügt das ein oder andere hinzu, das ihm wichtig ist. Er scheint Fidel gut zu kennen – als er ihm eine heiße Schokolade mit extra viel Sahne bestellt, meint er augenzwinkernd: “Das mag er, das weiß ich.”

Wie kamen sie zu dieser Kampagne?

Dass ich in die Kampagne einbezogen wurde, ist meinem Beruf geschuldet. Ich stehe mit CATAPA in Kontakt und arbeite viel mit lokalen Gemeinschaften zusammen. Meine Arbeit dort besteht darin, die Menschen über die negativen Folgen des Bergbaus zu informieren. Ich bin Mitglied des Netzwerkes für Wasser und Entwicklung in Peru und wir wurden von den Kleinbauern kontaktiert, die wissen wollten, was Bergbau für ihre Region bedeuten würde. Die Kampagne „Mining in Paradise“ ist eine Kampagne von CATAPA und ich wurde kontaktiert, eingeladen, im Namen der Kampagne zu sprechen.

Wozu braucht es diese Kampagne?

Bergbau bedeutet eine generelle Zerstörung von Ökosystemen. In diesem speziellen Fall Nebelwälder und Páramos, als Wassersammler und -speicher. Deren Zerstörung trägt auch zum Klimawandel bei. Ein weiterer Punkt ist die Wasserkrise, die jetzt schon besteht und durch die Zerstörung dieser Wasserquellen noch verschärft würde. Wasser ist eine wichtige Lebensgrundlage – natürlich für die Ernährung, aber auch für die landwirtschaftliche Produktion. Und es gehen Entwicklungsmöglichkeiten verloren, die auf Biodiversität (biologischer Vielfalt) basieren.

Wie stellt man sich die Lösung vor?

Die Forderung an die Peruanische Regierung ist, den Agrarsektor mehr zu entwickeln – und speziell für die Region: die Biodiversität wieder zu nutzen. Für Bio-Handel als neuen Wirtschaftszweig geht es speziell um genetisches Material, das auf dem Mark großes Potential hat. Der Wert beläuft sich 5 Millionen US $ pro Gen.

Ein weiterer Punkt betrifft den klassisch organischen Handel – Tee, Kakao, Zucker, Kaffee. Aus genetischem und dem organischen Handel wird nicht nur finanzieller Wert generiert, sondern auch Arbeitsplätze auf lokaler Ebene. Im Vergleich dazu bringt der Bergbau nur wenige Arbeitsplätze und vertriebt die Bevölkerung..

Was genau ist Biocomercio?

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Grafik: Yvonne Bölzle

Das ist in Peru eine wachsende Industrie. Es geht um Medizin, Ernährungszusatzstoffe. Es geht um Kosmetik, speziell für die Industrie. Es geht darum, lokales Wissen zu nutzen und dieses als intellektuelles Eigentum schützen zu lassen. Um darüber Rechte an den Produkten zu bekommen, die hergestellt werden sollen. Womit Einkommen generiert werden kann. Das ist eher eine längerfristige Stoßrichtung. Was kurzfristiger möglich ist, ist die Landwirtschaft zu stärken.

Ist es das Ziel, den Bergbau komplett einzustellen?

Ein übergeordnetes Ziel ist es vielmehr, dass ländliche Gemeinschaften in Peru selbst sagen können, ob sie Bergbau wollen oder nicht. Sie sollen wissen, welche Ressourcen sie haben und wie sie diese verwenden können. Dann sollen sie selbst entscheiden. In einigen Regionen wird der Bergbau auf jeden Fall weitergehen. In anderen Bereichen soll die Entscheidung von der Bevölkerung selbst gefällt werden.

Wie läuft es bisher ab, wenn ein neues Bergbauprojekt startet?

Es beginnt damit, dass ein Unternehmen zu einer staatlichen Behörde geht und um Zuweisung eines bestimmten Gebietes bittet. Das nennt man Konzession. Dann folgt eine Exploration, eine Erkundung. Man schaut, wie viel Material drin ist – lohnt es sich? Wenn es sich lohnt, macht man eine Umweltauswirkungsstudie. Hier fängt das Problem an, denn diese ist nicht verlässlich. Es ist mehr eine formale Hürde. Schon allein dadurch, dass die Studie von dem Unternehmen selbst durchgeführt wird. Aber die Gesetzgebung bevorzugt die Unternehmen und sagt ‘Ihr könnt Konzessionen bei uns erwerben und müsst die Bevölkerung nicht mit einbeziehen.’ Die Entscheidung wird über sie hinweg getroffen. Das ist ein grundlegendes Problem von Zivilrecht und Demokratie und ganz klar eine Verletzung demokratischer Grundrechte. Das ist der Ausgangspunkt der Konflikte in diesem Themengebiet.

Was wäre eine mögliche Verbesserung?

Wichtiger Ansatz ist meiner Meinung nach, regionale Entwicklungspläne zu generieren. Wichtiger Punkt: Pläne zur territorialen Planung. Was ist die angebrachte Nutzung des Raumes in dieser Region? In diese Planungsprozesse muss die demokratische Einbeziehung der Bevölkerung erfolgen. Natürlich wird es Zonen geben, in denen sich die Mehrheit für Bergbau entscheidet. Es wird aber auch Regionen geben, in denen die Bevölkerung ‚Nein!’ sagt.

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Der Flyer zur ''Mining in Paradise''-Kampagne

Was hat die Kampagne bisher gebracht?

Der Kampagnenstart war Mitte September. Bisheriger Erfolg ist die verstärkte Integration des Konfliktes in die öffentlichen Debatten in Peru. Das ist für mich besonders wichtig. Vor allem in Lima, wo die Regierung sitzt, konnten mehr Kenntnisse über das Thema gewonnen werden. Das kann einen gewissen Druck auf Behörden in Peru ausüben. Eigentlich dominiert die Meinung des Staates die Presse. Wir konnten aber ein Gegengewicht aufbauen, weil mehr und vor allem sachlich informiert wurde.

Wie wird die Kampagne in Deutschland aufgenommen?

Wir sind erst am Anfang. Am 25. November haben wir hier angefangen. Am 26. waren wir in Jena. Heute, am 28., Leipzig. Wir fahren weiter nach Dresden, Berlin, Hamburg, Bielefeld. Bis zum 3.12. Es ist ein wenig beleuchtetes Thema. Trotz der Historie des Bergbaus hier in der Region ist das Thema zum einen räumlich weit weg und zum anderen nicht in den Köpfen der Leute.

Was sind Ihre Eindrücke zum Bergbau in Sachsen?

Bergbau spielt in vielen Ländern eine Rolle und hat auch hier eine große Rolle gespielt. Es macht hier aber folgenden Unterschied: Bergbau war mehr Teil der Gesellschaft und hat zu ihrer inneren Entwicklung beigetragen. Über Infrastruktur und Wissensgeneration. Das ist in Peru nicht so. Es gibt nur Rohstoffextraktion, es wird keine lokale Entwicklung und kein Wissen generiert. Die Entwicklung Perus ist nicht an den Bergbau geknüpft. Ein weiterer Unterschied ist das Niveau der Umweltüberwachung. Es gibt hier hohe Sicherheitsstandards, die einklagbar sind. Was in Peru nicht der Fall ist. Es gibt zwar per Gesetz Kontrollen, de facto eher keine.

Was außerdem zu beobachten ist: Große Bergbauunternehmen in Peru bewegen viel Geld, damit stoßen sie Korruptionsprozesse an. Der Rohstoffsektor ist für Entwicklungsländer eher ein Fluch und trägt nicht zur Entwicklung bei. Ich sehe die Entwicklungsmöglichkeiten vor allem im Agrarsektor. In der globalen Weltwirtschaft werden die Ressourcen in der Biodiversität eine große Rolle spielen. Rohstoffe sind wichtig. Entscheidungen müssen jedoch im Hinblick auf den Klimawandel getroffen werden. Das Problem in Peru: viele Rohstoffvorkommen liegen an Wasserquellen. Bergbau würde diese zerstören und den Klimawandel voran treiben.

Was wünschen Sie sich für ihr Land und was möchten sie der Welt sagen?

Ich wünsche mir, dass interne Fähigkeiten, sozusagen Wissensysteme, entwickelt werden. Da hängt Peru im industriellen Bereich hinterher. Ich wünsche mir eine Stärkung des Landwirtschaftssektors, des Ernährungssektors und vor allem im Sektor der Biodiversität. Hier müssen Ressourcen und Kapazitäten entwickelt werden.

Mit dieser Kampagne geht es nicht darum, einen speziellen Fall im Einzelnen zu bearbeiten. Nicht „Bitte helft Peru“. Es geht für mich um eine globale Ebene. Es sind Aspekte des Klimawandels betroffen und die helfen zu verstehen, dass es kein isoliertes, lokales Problem ist. Die Kampagne soll das Bewusstsein erhöhen, anhand eines konkreten Falls. Wenn man mich fragen würde ‘Was mache ich in Deutschland?’, würde ich sagen, ‘Deutschland ist ein industrialisiertes Land, es trägt einen großen Teil der ökologischen Lasten des Klimawandels auf Kosten anderer Länder’. Es gibt in Deutschland eine Grundsorge zu diesem Thema.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: Allgemein, Franziska Gaube, Gespräche, Ismene Laraki

Eine Antwort zu "Widerstand im Paradies"

  1. Lars sagt:

    Sehr interessanter, tiefgründiger Beitrag.
    Vielen Dank!

    Grüße
    Lars
    Fokus Guatemala
    Gastgeber von Fidel Torres

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