Zu: Sorgenkind Irland

Irland braucht Geld: Die irische Regierung hat EU und Internationalen Währungsfonds um milliardenschwere Finanzhilfen gebeten. Und während noch vor wenigen Jahren vom irischen Wirtschaftswunder die Rede war, zählt es mit Griechenland und Portugal nun wieder zu Europas Sorgenkindern. Hier in Deutschland gibt es Aufregung nach dem Motto: Jetzt müssen wir mit unserem Steuergeld das nächste Pleiteland durchfüttern. Aber das ist nur vordergründig, findet unser Kolumnist Jan Kröger. In Wahrheit sind wir froh, dass wir unser altes Irland-Klischee wieder haben.

In Kooperation mit detektor.fm

In unserer unendlichen Bescheidenheit haben wir Deutschen jedem europäischen Volk eine bestimmte Rolle gegeben. Der Spanier baut Hotels für uns, der Österreicher präpariert Skipisten, der Pole sorgt dafür, dass die Spargelzeit pünktlich beginnen kann – und der Ire lebt auf seinem grünen Inselchen in einem maroden Häuschen, arm aber sexy, denn er kann saufen und singen wie kein Zweiter. Dafür lieben wir ihn.

Vor gut zehn Jahren begannen aber die Horrormeldungen aus Irland: wirtschaftlicher Aufschwung, es droht Vollbeschäftigung, sogar die Polen wandern schon dorthin ab – wie um alles in der Welt kriegen wir denn jetzt unseren Spargel auf den Teller? Und können reiche Iren noch genauso schön saufen und singen wie arme Iren?

Kolumne_Irland

Irland

Wir dürfen aufatmen: Irland ist auf dem Weg, unserem Klischee wieder gerecht zu werden. Ein Klischee, mit dem sich übrigens gut Geld verdienen lässt, gerade weil es aus Saufen und Singen besteht. Was das Saufen angeht: Jede deutsche Kleinstadt hat einen Irish Pub. Dieser Pub ist haargenau das Gleiche wie eine deutsche Kneipe, nur dass draußen ein Name wie „Kilkenny Inn“ dran steht und drinnen Guinness und Whiskey ausgeschenkt werden. Wie irisch das Ganze dann ist, merkt man spätestens, wenn die Gäste ein „Gwinness“ bestellen und sich an ihre letzte Begegnung mit einem Iren erinnern – erst heute Morgen war’s, im Kreuzworträtsel: Inseleuropäer mit drei Buchstaben.

Der wahre Schund mit dem Irland-Klischee kommt aber beim Singen. Millionen Deutsche ließen sich in den 90er Jahren von einer neunköpfigen Familie übers Ohr hauen, die ihnen weismachte: Wir haben nicht einmal Geld für Shampoo und richtige Klamotten und müssen auf einem Hausboot in Köln leben. Höchstwahrscheinlich weil sie wegen akuter Peinlichkeit aus Irland ausgebürgert worden war.

Tja, und leider muss auch ich zugeben, dass ich noch nie in Irland war und dass ich zwar gegen die Kelly Family immun bin, dafür aber meine Musiklehrerin für mein Irland-Bild verantwortlich ist. Die hat uns immer irische Folksongs vorgesetzt, über die Jahre gut und gerne 20 Stück. Aber alle ließen sich in drei Kategorien zusammenfassen:

1. Früher war alles besser, da war ich jung, nun bin ich hoffnungslos versoffen. Darauf ein Bier!

2. Ich besinge unsere tapferen Landsmänner, die sich einer Übermacht Engländer entgegengestellt haben und blutig abgeschlachtet wurden. Darauf ein Bier!

3. Ich will diese Frau vögeln, aber dann kommt jemand anderes und schnappt sie mir weg. Darauf ein Bier!

Zugegeben, die wenigsten Klischees sind so sympathisch wie das Bild vom saufenden, singenden Iren. Das klingt doch viel besser als zum Beispiel das Bild vom genauso saufenden, aber deutlich aggressiveren Engländer. Aber es gibt keine guten Klischees. Der saufende, singende Ire ist vor allem eines: ein sympathischer Verlierer. Und ganz ehrlich: Würde mich jemand für einen sympathischen Verlierer halten, es würde mich gehörig ankotzen.

Veröffentlicht unter: Allgemein, Gemein(t), Jan Kröger, Kolumne der Woche

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