Zu: Weltoffene Jungakademiker

Unser Kolumnist Jan Kröger reist gerade durch die Weltgeschichte. Deswegen spricht er zur Zeit auch nicht über aktuelle Ereignisse. Stattdessen hat er sich Gedanken gemacht über das Reisen selbst: In den nächsten Wochen stellt er ihnen drei klassische Reisetypen vor. Den Anfang macht: der weltoffene Jungakademiker.

In Kooperation mit detektor.fm

Der weltoffene Jungakademiker reist aus ganz unterschiedlichen Gründen, je nachdem was für ein Typ er ist. Der Karrieretyp würde zum Beispiel nie sagen: Ich verreise, sondern er macht mindestens ein Praktikum, das er nun einmal rein zufällig im Mittelmeerraum ableistet. Er sagt auch nicht: „Weil ich das Mittelmeer liebe“, sondern „Das macht sich gut im Lebenslauf“.

Hinfort mit Dir, Karrieretyp, und versauer ohne Ventilator in Deiner südfranzösischen Anwaltskanzlei, die echten Jungakademiker wissen besser, worum es beim Reisen geht: Länderpunkte sammeln natürlich. Für die Unaufgeklärten: Ein Länderpunkt heißt selbstverständlich nicht, dass es für jedes Land einen Punkt gibt, in das man seinen Fuß setzt. Es geht hier um andere Körperteile. Je nach Punktesystem. Das letzte, das ich kennengelernt hab, geht so: Ein Punkt für Sex mit dem eigenen Partner, zwei Punkte bei einem anderen Ausländer, drei Punkte für Sex mit Einheimischen. Die Länderpunkte sind sogar fester Bestandteil des Bildungssystems geworden, dort heißen sie Erasmus Credit Points.

Ohne den Erasmus-Aufenthalt ist der weltoffene Jungakademiker kaum noch denkbar. Jedes halbe Jahr brechen Tausende junge Europäer in fremde Städte auf, mit der Überzeugung, es wird dort alles so sein, wie sie es in „L’auberge espagnol“ gesehen haben. Und weil sie fast alle so denken, stimmt es meistens auch. Für den Karrieretypen ist das natürlich nichts, denn mittlerweile dürfte sich auch beim letzten Personalleiter rumgesprochen haben, was dieses Erasmus-Stipendium eigentlich ist. Sagen wir’s mal so: Wenn ein Kandidat beim Bewerbungsgespräch auch auf Nachfrage behauptet, er hätte sein Auslandssemester vor allem zum Studieren genutzt, dann kann mit dem was nicht in Ordnung sein.

Beim weltoffenen Jungakademiker von heute hört das Reisen aber längst nicht mit Erasmus auf. Dank Easyjet und Ryanair sammelt er Punkte an Orten, von denen seine Eltern nur träumen konnten. Ob kurzer Städtetrip oder Trampen übers Land – überall ist er anzutreffen. Trinkfest und kontaktfreudig.

Bleibt nur die Frage: Bis wann ist er eigentlich ein weltoffener Jungakademiker? Nun, es ist nicht die ganze Wahrheit, aber es hat viel mit Beziehung zu tun. Denn ist der Jungakademiker erst einmal fest verbandelt, sind die Reisen nicht mehr so spontan und die Nächte nicht mehr so wild. Man kann’s ihm auch nicht verübeln – denn selbst wenn, es gäb ja doch nur einen Länderpunkt.

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: Allgemein

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