„Ich will 150 werden“

Kennen Sie Heiko Herlofson? Aber sicher: Unter dem Pseudonym Sachsen-Paule mischte Herlofson vor einigen Jahren die Pornobranche auf. Heute lebt er von Hartz IV – und schmiedet große Pläne.

Heiko, seit wann wohnst du in der Georg-Schumann-Straße?
Seit 2000.

Wie findest du diese Ecke von Gohlis?
Das ist der letzte Dreck! Brauchst doch nur mal vor die Tür gucken. Das sagt doch alles. Und diese Bude ist auch das Letzte – die darf man nicht isolieren, Baudenkmal. Soviel zum Klimaschutz.

Wo in Leipzig würdest du lieber wohnen?
In Leipzig will ich gar nicht wohnen. Leipzig ist der letzte Dreck. Ist doch nichts los hier.

Fallen dir an deinem Wohnumfeld auch gute Seiten auf?
Nein, das hat keine guten Seiten. Gute Seiten hat ein Bauernhof – wenn man ihn besitzt. Mit Solaranlage auf dem Dach und nem Brunnen, damit ich nicht abhängig bin. Den Müll schmeiße ich in die Landschaft. Ich will wieder raus aufs Dorf. Hauptsache ich finde ein billiges Haus, an dem ich noch ein bisschen was machen kann, und dann bin ich weg.

Willst du wieder nach Kohren-Sahlis ziehen, wo du aufgewachsen bist?
Wenn ich irgendwann mal versauern möchte, mach ich das. Ich bin da ja mal absichtlich weggezogen.

Wie ist dein Verhältnis zu deiner Mutter?
Ich habe keine Mutter mehr. Seit zwei Jahren nicht mehr. Sie lebt zwar noch, aber ich will nichts von ihr wissen. Ich mache für meinen Vater die Rennereien wegen der Scheidung.

Aber sie hatte dich doch zu deinem ersten Talkshowauftritt geschleppt.
Ich wollte mal richtigen Sex haben. Callboy ging nicht wirklich, und dann hab ich seinerzeit im Fernsehen einen Beitrag über einen Pornodreh gesehen. Bei dem Produzenten habe ich mich dann beworben, mit Fotos, die meine Mutter gemacht hatte – sonst hat sie gar nichts gemacht. Bei der Talkshow war sie nur dabei, weil es dafür Geld gab.

Und wie sieht dein Umfeld hier in Leipzig aus?
Ich bin Single, ledig, alleine und froh drüber. Ich hab keine Freunde. Ich hatte Freunde, aber die waren nicht da, als ich sie brauchte. Also hab ich keine.

Du bist also tatsächlich ganz allein?
Ja. Ich hatte mal eine Freundin, bis 2006. Jetzt ist sie glücklich verheiratet, gestern erst haben wir telefoniert.

Was hält dich noch hier?
Die Stadt mit ihrer ganzen Infrastruktur hilft beim Geld verdienen. Draußen, von wo ich herkam, gab es damals keine Arbeit. Im ganzen Kreis Geithain gab es einen Job als Schlosser, den ich hätte machen können – der hat mir nicht gefallen.

Und im Moment lebst du von Hartz IV?
Ja. Ich hab alles gemacht. Eine Umschulung vom Instandhaltungsmechaniker zum Bürokaufmann, hier in Leipzig. Ich wollte eigentlich Steuerfachgehilfe werden, aber da sagte eine Psychologin, ich könnte nicht mit Zahlen umgehen. Nach der Umschulung hab ich keinen Job gefunden, wurde Sozialhilfeempfänger.

Wie ging die Erwerbsbiografie von Sachsen-Heiko weiter?
Ich hatte mal ein dreiviertel Jahr lang Minijobs. Bei einer bekannten Fastfood-Kette war ich Hausmeister, effektiv Waschfrau. Ich war in einer Show namens „Geld für dein Leben“, in der „Wache“, und dann bei „Big Brother“. Ich hab es bei einem Lohnsteuerhilfeverein versucht und als Fitnesstrainer. Und im Kegelbahnbau. Ich war auch mal bei einer Zeitarbeitsfirma versklavt.

Wie kommst du mit dem Hartz-IV-Satz klar?
Ich lebe ganz gut davon. Gesicherte Armut.

Wie sparst du?
Ich gehe zur Tafel, in den Angebots-Markt in der Lützner Straße und sonnabends auf den Markt am Sportforum. Entweder du bist ganz unten und brauchst nichts oder du bist ganz oben und hast alles. Dazwischen ists scheiße, nur Gezerre, Gewürge, Stress.

Hast du nicht manchmal die Schnauze voll von allem?
Nein. Mit jedem Tag, an dem es anderen Leuten dreckiger geht, freue ich mich. Weil ich weiß, dass ich es richtig gemacht hab. Ich hab keine Lust, mich aufzuhängen – ich will 150 Jahre alt werden.

150 Jahre?
Ja, ich habe Schulden bei der Menschheit – ich muss denen beweisen, was sie für Arschlöcher sind. Denen, deren Schnauze am größten ist, denen muss ich es noch beweisen.

Nun planst du einige Websites. Was ist das Geschäftsmodell?
Geld verdienen mit der Dummheit der Leute. Anders geht das ja heute scheinbar nicht mehr. Mir hat schon früh eine Lehrerin gesagt: Herr Herlofson, Sie sind für diese Welt viel zu ehrlich. Damals hab ich das noch nicht verstanden. Die Verbrecher hinter Gittern sind die Vollidioten, die es nicht geschafft haben, sich vor den Verbrechern vor dem Gitter zu schützen.
Ich werde mehrere Websites aufziehen. Da kommen dann Foren drauf, auch Erotik und Werbung.

Du hast stapelweise Papier herumliegen. Deine Memoiren?
Ja, meine Biografie. Von Geburt bis in die letzten Wochen. Mir fehlt nur noch ein Verlag. Vielleicht kommt es dann auch als Hörbuch raus.

Woher nimmst du die Energie?
Vier Löffel Zucker im Tee. Und 20-prozentige Küchensahne – ich gucke nur, wo die meisten Kalorien drin sind.

An der Wand hinter dir hängt ein Portrait von Einstein, darüber ein Zitat von ihm: „In der Einfachheit liegt die Genialität“. Darunter ein Zitat von dir: „Erfolg ist (m)ein Gesetz. Mein Ziel: 1.000.000,00 Euro“.
Ich war ja nahe dran, damals bei Big Brother. Hätte nur nicht auf meine Berater hören sollen. Die empfahlen mir, Lisa rauszuwählen, das war ein Fehler. Ich hätte es wissen sollen, denn der erste Gedanke ist immer der Richtige. Ich wollte ursprünglich Paco rauswählen.

Wenn du so auf dein bisheriges Leben zurückschaust, bereust du etwas?
Nein, ich sage: Die Anderen sind schuld. Die Umwelt formt den Menschen.

Du hast also alles richtig gemacht?
Ich habe zuviel richtig gemacht. Wenn die anderen sich die Knüppel zwischen die Lichter hauen, muss du halt mitmachen, und zusehen, dass du der Beste bist, und nicht unten liegen bleibst.

Wurde 1983 in Stuttgart geboren, ist 2004 nach Leipzig ausgewandert, studiert dort seither Journalistik und Musikwissenschaft, machte 2008/2009 einen Abstecher in den hohen Norden für ein Volontariat in Cuxhaven und setzt nun alles daran, bald ihre Diplom-Urkunde übers Bett hängen zu können.

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