Mutti, was ist los mit dir?

Haben Familienangehörige oder Freunde psychische Probleme, wird der Umgang mit ihnen zur Herausforderung. In Leipzig leben mehrere Tausend Menschen in einer solchen Situation. Besonders Kinder sind davon betroffen.
Doch wer redet schon mit Kindern? Auryn tut es.

In der Schule ist Leon (Name geändert, die Redaktion) ein Außenseiter. Viele Freunde hat der zehnjährige Junge aus Leipzig nicht. Die anderen Kinder machen sich oft über ihn lustig. Alleine kann Leon sich aber nicht gegen ihre Angriffe wehren. Vielleicht wünscht er sich, seine Mutter würde ihm manchmal helfen. Das kann sie aber nicht, weil sie oft mit sich selbst beschäftigt ist. Das merkt Leon genau.

Nur was nicht stimmt, das versteht er nicht. Seine allein erziehende Mutter hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Borderline bedeutet, unter einer emotional instabilen Persönlichkeit zu leiden. „Die betroffenen Personen sind oft massiven Stimmungsschwankungen ausgesetzt. Selbstverletzungen können, müssen aber nicht dabei auftreten“, erklärt Diplom-Sozialpädagogin Melanie Gorspott. Sie ist Leiterin der Beratungsstelle Auryn in Leipzig, die Angehörige psychisch Erkrankter betreut. „Borderliner finden oftmals keine Mitte, ertragen weder Nähe noch Distanz. Auch Leons Mutter zeigt diese Ambivalenz in ihrem Verhalten.“

Manchmal darf Leon im Bett der Mutter übernachten. Ihre Stimmung kann jedoch schnell umschlagen, von großer Liebe zu absoluter Distanz. Dann muss Leon in einer Badewanne voll kaltem Wasser sitzen, bis seine Mutter wieder „normal“ ist.

Leon ist kein Einzelfall. In Leipzig leben etwa 6000 Kinder in Familien, in denen mindestens ein Elternteil psychisch erkrankt ist. Meist handelt es sich bei diesen Erkrankungen um Depressionen oder Schizophrenie. „Die Zahl der Kinder erhöht sich erheblich, zählt man weitere psychische Erkrankungen hinzu“, meint Melanie Gorspott.

Seit 2002 gibt es für Angehörige psychisch Erkrankter die Anlaufstelle Auryn, die zum Leipziger Verein Wege e.V. gehört. Rund 200 Familien aus Leipzig werden dort momentan betreut. Jeder kann sich an Auryn wenden. Der Ablauf ist unkompliziert. Nach einer Beratungsvereinbarung beginnen die Gespräche, die für Kinder unter 21 Jahre und ihre Familien kostenlos sind. Für Erwachsene bietet Wege e.V. Gesprächskreise und betreute Selbsthilfegruppen an. Bei Auryn betreut man vor allem Kinder und Jugendliche, da Hilfe für sie in Leipzig sowie in ganz Deutschland bislang kaum existierte. Denn „wer redet schon mit Kindern?“ Diese Frage stellt die Einrichtung auf dem Flyer. Und tatsächlich ist Auryn die einzige Institution dieser Art in Sachsen.

Melanie Gorspott weiß, dass Kinder sehr genau merken, wenn ihre Eltern Probleme haben: „Sie grübeln darüber nach, warum es der Mutter oder dem Vater nicht gut geht und suchen letztendlich die Schuld bei sich. Ein Grund dafür ist, dass in den Familien nicht offen über die Erkrankung gesprochen wird.“ Teils geschehe das aus Schonung der Kinder und zugleich aus Scham davor, Problem der Familie vielleicht in die Außenwelt zu tragen. „Viele Kinder schützen aber automatisch ihre Eltern und öffnen sich anderen gegenüber nicht.“ Infolge dessen sei das Risiko, selbst psychisch instabil zu werden, bei Kindern sieben Mal höher als bei Erwachsenen.

Schuldgefühle kennen auch die erkrankten Väter und Mütter. Viele sind verunsichert, ratlos und überfordert. Da die Kinder oftmals ihre einzigen Bezugspersonen sind, fällt es den Eltern schwer, ihnen Grenzen zu setzen und sie beispielsweise einmal auszuschimpfen. In den Beratungsgesprächen wird deshalb versucht, die Kommunikation zwischen Eltern und Kind zu verbessern. Erziehungskompetenzen werden gestärkt. „Nur was von innen herauskommt, ist nachhaltig wirksam“, sagt Doreen Leibl, Diplom-Psychologin und Mitarbeiterin bei Auryn. Deshalb gestalten Eltern den Beratungsprozess aktiv mit. Kinder werden über die psychische Erkrankung ihrer Eltern mit leicht verständlichen Informationen aufgeklärt. „Du darfst glücklich sein, auch wenn es deiner Mutti oder deinem Vati nicht gut geht“, sagt Doreen Leibl zu den Kindern – und das hilft.

Seit zwei Jahren werden Leon und seine Mutter nun schon von Auryn betreut. Dort stellen sie zum Beispiel zusammen Regeln für den Haushalt auf, um den Alltag entspannter zu meistern. In Einzelgesprächen darf sich Leon dann ganz öffnen. Er lernt, zu verstehen, was mit seiner Mutter los ist und kann seinen Sorgen freien Lauf lassen.

Mittlerweile hat Leon gelernt, Konflikte zu lösen und Streitsituationen in der Schule auszuhalten. Sein Selbstbewusstsein wurde gestärkt. Auch seine Mutter hat Fortschritte gemacht: Sie hat Kontakt zur Schule aufgenommen, um die Lehrer über Leons schwierige Situation aufzuklären. Sie steht nun für ihren Sohn ein. Wenn man sie dafür lobt, kann sie positive Emotionen aber kaum aushalten und sich nicht freuen. Es wird noch einige Zeit vergehen, bis Leons Mutter die massiven Widerstände ihrer Persönlichkeit überwindet und sich dauerhaft von ihnen befreien kann. Bis dahin hat Auryn für Mutter und Sohn ein offenes Ohr.

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