Die Emanzipation begann im Puff

Auf der Bühne steht eine Frau, sie hat blonde, glatte Haare und leuchtend rote Lippen. Ihre Kurven sind üppig. Vollschlank würde die Modeindustrie sagen, normalgewichtig sagen Mediziner. Sie trägt ein schwarzes Korsett, Slip, Strapse, High Heels. Ihr Becken kreist zur Musik, das Korsett fällt. Mit schwingenden Hüften wandert sie die Bühne auf und ab, kokettiert. Sie stellt ihr Bein auf einen Stuhl und löst ihr Strumpfband, immer weniger trägt sie am Leib. Die Frauen im Publikum johlen. Männer sind nur wenige da.

Lady Lou, die Dame auf der Bühne, als Stripperin zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung. Die Bühne der Stripperinnen ist der Club; die Stange, um die sie tanzen, ist ihr Käfig. Sie spielen die Fantasie der Männer nach, für die Männer. Aber Lady Lou zelebriert den weiblichen Körper für die Frauen. Sie ist eine Burlesque-Tänzerin. Burlesque ist eine Show, bei der sich Frauen entkleiden, aber das ist auch bereits alles, was es mit dem klassischen Striptease gemeinsam hat.

Sexy ohne Schönheitsideal
„Burlesque spielt mehr mit der Fantasie der Frauen, die Männer finden die Shows zwar unterhaltend, aber keinesfalls erregend“, erklärt Lady Lou. Die Neuseeländerin hat einige Jahre in London gelebt, wo sie das erste Mal mit den Burlesque-Shows in Berührung kam. Sechs Jahre ist das nun her. Zwischenzeitlich ist sie nach Berlin gezogen und hat festgestellt: An einer Burlesque-Szene mangelte es. „Deshalb dachte ich, dass ich mir eben selber die Szene erschaffen muss.“ Zunächst ist sie nur aufgetreten, doch seit eineinhalb Jahren gibt sie auch Burlesque-Kurse. Zu ihr kommen völlig unterschiedliche Frauen: Studentinnen, Ärztinnen, Großmütter. Sie haben eins gemeinsam. Sie suchen nach einem besseren Körpergefühl, wollen sich wieder sexy fühlen, ohne dem Schönheitsideal von 90-60-90 entsprechen zu müssen. Auch wenn es wohl einige gibt, die ihr nicht zustimmen würden: Für Lady Lou ist Burlesque eine andere Form der Emanzipation. Auf eine wenig theoretische, sondern eine einfache, fast banale Weise.

Deftige Texte
Burlesque-Shows sind eigentlich nichts Neues: Ursprünglich entstanden sind sie im 19. Jahrhundert. Der Begriff diente als Sammelbecken für alle möglichen Formen von Entertainment, Tanzshows, kleinen Dramen und Varietéeinlagen. Ihnen gemeinsam war der derbe Humor, mit dem sich die Shows über Politik und Kunst lustig machten. Auf diese Weise stellten sie die normale Sichtweise auf Dinge in Frage, kritisierten unterhaltsam die Gesellschaft. Der Frauenkörper, nackt und unverhüllt, entgegen dem bürgerlichen Moralkodex, habe die Frage nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft wieder in den Fokus gerückt, schreibt der Historiker Robert Allen von der Universität von North Carolina in seinem Buch über Burlesque. Nicht alles ist jugendfrei in Europas Cabarets, in denen auch die Burlesque-Tänzerinnen auftraten:

„Mein Herr, lieben Sie etwas
Von meiner Ware?
Hier ist der Mund, hier ist die Brust,
Hier ist die Fut samt Haare.”

Diese Lieder sind Teil der ersten sexuellen Revolution der Geschichte, sagt Robert Stein. Der Musiker hat seine Doktorarbeit über Dirnenlieder geschrieben, jene Gassenhauer, die über die leichten Mädchen getextet wurden. Seine These: Die Emanzipation begann im Puff. Eine verwirrende These, denkt man bei Prostitution doch zunächst an Ausbeutung und den Frauenkörper als Ware – zwei Dinge, die so gar nichts mit der Emanzipation zu tun haben. Doch so schlecht das Image der Prostitution auch sei, Robert Stein sagt, sie habe die bürgerliche Frau aus ihrem Korsett befreit.

Im 19. Jahrhundert war das Frauenbild schwarz oder weiß, ohne jegliche Graustufen. Es gab die Frau voller Tugend, Frömmigkeit, Prüderie, eine Frau, die vor allem für eine Sache gut war: ihrem Mann zu dienen. Ganz praktisch und entsinnlicht. Durch ihre Aufgaben zu Hause am Herd verschwanden Frauen zunehmend aus dem öffentlichen Leben. Die Dirnen hingegen – heute würde man wohl Huren sagen – standen draußen auf den Straßen, mitten im Geschehen und arbeiteten mit ihren Körpern. Sie waren Ausdruck der Antimoral und wurden so Ende des 19. Jahrhunderts von der Bohème, den bürgerlichen Intellektuellen, zu Galionsfiguren stilisiert.

Verkauft haben sich die einen wie die anderen, schreibt Frank Wedekind Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Aufsatz über Erotik. Aber während sich die Ehefrauen für ihr ganzes Leben verkauften, taten die Prostituierten es immerhin nur auf Zeit.

Keiner will den Fotzen-Rap
Angesichts der herrschenden bürgerlichen Moral waren Lieder, die von der Lust der Frau erzählten und neue Weiblichkeitskonzepte einforderten, fast revolutionär. Wenn auch die meisten von Männern geschrieben wurden und von Männerfantasien handelten. „Aber darum ging es nicht, die Männer litten ja genauso unter der Moral wie die Frauen“, sagt Stein. Der Mann konnte sich der Liebe nie sicher sein. Bei der Hure wußte er es.

Bei der Ehefrau konnte er es ahnen, denn der bürgerliche Moralkodex erlaubte nichts anderes als das funktionelle Verhältnis zwischen Mann und Frau. Als Liebe würde man das wohl kaum bezeichnen. „Wahre Liebe darf nicht an moralische Vorgaben gebunden sein – das forderte die Bohème“, erklärt Stein. Er beschäftigte sich vor allem mit den Chansons im 19. Jahrhundert, doch auch die Literaten des 20. Jahrhunderts fanden ihren Gefallen am Sujet. „So mancher Mann sah manchen Mann verrecken / Ein großer Geist blieb in ‘ner Hure stecken“, dichtete Brecht in der „Ballade der sexuellen Hörigkeit“ im Jahr 1928.

Und auch noch heute rappen die Frauen wie die Männer über Fotzen und Schwänze. Angefangen hat das schon vor zwanzig Jahren, als die Kölner Hip-Hop Gruppe Äi-Tiem ihren Fotzen-Rap veröffentlichte: „Die saugt und lutscht so gut, ich atme durch und fass’ mir Mut und leck mit meiner Zunge ihre Funz und denk’ mir: Junge.” Auch sie werden bei „sex.macht.musik“ mit dabei sein. Damals Ende der 1980er wollte zunächst kein Label Platten mit Songs herausbringen, die solch obszöne Texte enthielten. Heute ist das Mainstream und kaum jemand nimmt noch Anstoß daran.

Es sei denn, eine Frau macht sich das Vokabular zu eigen. Als Lady Bitch Ray vergangenes Jahr begann über Mösen und Schwänze zu rappen, stieß dies eine Debatte nicht nur unter Feuilletonisten an. Die einen bezeichneten sie als vulgäre Selbstdarstellerin, die anderen freuten sich, dass jemand die Männer mit ihren eigenen Waffen schlägt. Sie selbst bezeichnet sich als Feministin der neuen Generation, die Frauen zu mehr Selbstbestimmung über den eigenen Körper auffordern will.

Frau als aktives Subjekt
Doch kann man auf diese Weise wirklich einen Beitrag zur Geschlechterdemokratie leisten? „Ja“, sagt Stefanie Lohaus, Kulturwissenschaftlerin und Redakteurin bei dem feministischen Frauenmagazin „Missy“. Diese Sichtweise ist eine andere Form des Feminismus, der klassischerweise mit Alice Schwarzer und ihrer antipornographischen Kampagne assoziiert wird. Sex-positiver Feminismus geht davon aus, dass die Selbstermächtigung der Frau am weiblichen Körper Teil der Emanzipation ist. „Natürlich ist das kein Freibrief, um alle Strukturen der Sexarbeit gutzuheißen“, ergänzt Lohaus. „Es gibt eine Grenze zwischen Selbstermächtigung und Ausbeutung, und die muss immer wieder neu gezogen werden.“ Der Kern der Sache ist: Die Frau befreit sich aus ihrer Rolle als passives Objekt der männlichen Begierde und wird zum aktiven Subjekt ihrer eigenen Bedürfnisse. Es geht um einen anderen Blick auf die Dinge, eine Befreiung von der männlichen Sichtweise.

„Wir denken in Kategorien“
Auch Frank Ekelmann alias Zacker will die Menschen etwas freier machen. Alle Menschen, egal ob Mann, Frau oder irgendetwas dazwischen. „In meiner Veranstaltung muss sich keiner sexuell definieren“, sagt er. Zacker will, dass die Menschen aus dem Ring des Geschlechterkampfes und der Rollenbildklischees aussteigen. Er organisiert eine Partyreihe mit dem Namen NO NO NO!, die auch im Zuge des Festivals „sex.macht.musik“ stattfinden wird. Jeder kann kommen – und sein, was oder wer oder wie er will. „Transe tanzt neben Schwulem, der neben einer Hetero-Frau steht“, erzählt Zacker, „und keiner zeigt mit dem Finger auf irgendjemanden“.

Er ist sich durchaus bewusst, dass seine Feier in einer geschützten Blase entsteht und dass jeder, der wieder raus auf die Straße tritt, erneut vor der Frage steht: Männlein oder Weiblein? Homo oder Hetero? „Wir denken in Kategorien, das ist normal, aber ich möchte den Menschen für einen Abend, ein paar Stunden, die Möglichkeit geben, aufzuhören, gegen diese Kategorien anzukämpfen.“

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