“Im falschen Film”

Abdi ist in Deutschland groß geworden. Als Sohn eines Äthiopiers und einer Deutschen wächst er in einer badischen Kleinstadt auf. Als sich die Eltern trennen, verschlägt es den Vater mit dem damals zwölfjährigen Abdi nach Dubai. Abdi, der nie einen deutschen Pass besessen hat, kommt mit 20 zurück nach Deutschland, macht eine Ausbildung als technischer Zeichner und lebt zehn Jahre mit regelmäßig verlängerten Aufenthaltsgenehmigungen in Süddeutschland.

Mit Ende 20 kommt er schließlich mit dem Gesetz in Konflikt, wegen Betrügereien und eines Streits, wie er sagt. Er verbüßt eine Haftstrafe und landet schließlich in Abschiebehaft. „Ich dachte, irgendwo bist du hier im falschen Film“, erzählt er. „Alle in der Haft waren völlig fertig und wollten sich etwas antun. Die Polizisten, die dort arbeiten, hatten keinen Respekt vor uns und behandelten einen wie der letzte Dreck.“

Abdi stellt noch in der Haft einen Asylantrag und kommt in ein Heim in Leipzig. Er verlässt mehrmals die Stadt, verletzt also die so genannte Residenzpflicht, und reist bis nach Norwegen. Die Bedingungen dort beschreibt er als paradiesisch: „Nach zwei Wochen schicken sie dich arbeiten, Laub kehren, oder eine Fabrik. Egal was es ist, es gibt nur ein paar Euro, aber du hast es für deine Tasche.“ Aber die Norweger finden bald heraus, dass Abdi bereits in einem anderen Schengen-Land einen Asylantrag gestellt hat, und schicken ihn zurück nach Leipzig.

Seit sieben Jahren wohnt Abdi nun in Leipzig in verschiedenen Sammelunterkünften. Er beschreibt das Zusammenleben als konfliktreich: „Ich bin kaholischer Äthiopier, wir sind intellektueller und etwas betuchter, das weckt Neid bei manchen Landsleuten“, erzählt er. Es gibt manchmal Streit im Heim,
Schlägereien, dann kommt die Polizei. Seit 2006 das Asylrecht verschärft wurde, brodeln die Konflikte im Stillen, die Leute haben Angst, eine Abschiebung zu provozieren.

Wenn man Abdi zuhört, denkt man unwillkürlich an das Leben eines Gefängnisinsassen: Da werden Geschichten erzählt, die von Auflehnung gegen willkürliche Regeln und selbstherrliche Beamte handeln, oft verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit, die Welt draußen erscheint wie im Zerrspiegel. Mit denen, die im kleinen Heim-Universum das Sagen haben, muss man sich arrangieren, mal mit Schmeichelei, mal mit Drohungen.
Aus Abdis Schilderungen der Zeit in Norwegen klingt die Sehnsucht nach Normalität. Vielleicht hat er Glück und darf sich, wenn die Stadt sein Heim schließt und nicht rechtzeitig Ersatz findet, nach sieben Jahren endlich eine eigene Wohnung suchen.

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