Investor statt Asylantenheim

Zentral gelegen ist das Gelände an der Theklaer Wodanstraße 17a sicherlich nicht. Hier wird das Wort „Stadtrand“ plastisch: ein paar verlassene Baracken, eine ungepflegte Wiese. Dahinter dröhnt der Verkehrslärm der A14. Ein Funkmast ragt in den Himmel. Züge rattern.

Und hier sollten so schnell wie irgend möglich ein paar kostengünstige Plattenbauten hochgezogen werden, um eine Hundertschaft von überwiegend männlichen Asylbewerbern unterzubringen. So der Plan bis vergangenen Dienstag, 1. Dezember.

Was war passiert? Hatte die Stadt den Gegenwind von Anwohnern unterschätzt, wie es der „Aktionskreis für die Integration von Asylbewerbern“ behauptet? Oder waren tatsächlich die vorgelegten Angebote für den Betrieb des Wohnheimes zu teuer, wie von Stadtseite offiziell verlautet?

Wie dem auch sei: Während Aktivisten den Stopp in der Wodanstraße feiern, besteht eigentlich dringender Handlungsbedarf. Denn das Wohnheim sollte nicht Neuankömmlinge beherbergen, sondern als Ersatz für die Unterkunft in der Torgauer Straße 190 dienen.

Dort nämlich steht das höchst marode und gleichzeitig größte Flüchtlingsheim Leipzigs. Die zwei Plattenbauriegel sind mit meterhohen Drahtgittern umzäunt. Linkerhand der Packhof des Onlinehändlers Amazon, rechterhand und dahinter Brachflächen, Kleingärten. Die Torgauer Straße wird hier sechspurig geführt. 175 Menschen wohnen in den früheren russischen Soldatenwohnungen, die meisten davon sind alleinstehende Männer.

„Wer hier wohnt und das Asylverfahren durchstehen will, muss psychisch ein Dickhäuter sein“, sagt Stefan Bosch vom Leipziger Flüchtlingsrat. In der Sammelunterkunft wohnen Menschen zusammen, die eine traumatisierende Flucht hinter sich haben und denen keine Perspektive für die Zukunft geboten wird –
die Anerkennungsquote für Asylbewerber liegt bei einem Prozent, das Verfahren dauert oft viele Jahre, der Bewerber darf die Stadtgrenzen nicht verlassen, meist nicht arbeiten, keine Ausbildung machen.

Da entsteht leicht eine „Alles-egal“-Stimmung unter den Bewohnern. „Die meisten Flüchtlinge sind schon krank, wenn sie herkommen. Der Rest hat gute Chancen, es zu werden. In einer Sammelunterkunft lebt keiner gern“, sagt Bosch. Zumal der Zustand der Häuser in der Torgauer Straße indiskutabel ist: Die Stadtverwaltung selbst stimmte im Frühjahr einer Sanierung zu.

Doch warum überhaupt eine gesammelte Unterbringung? Ginge es nach Juliane Nagel, Linke-Stadträtin und Aktivistin vom „Aktionskreis für die Integration von Asylbewerbern“, würden sich fast alle Leipziger Asylanten eine Wohnung in der Stadt suchen. „Prinzipiell sollte es jedem Asylanten freigestellt sein, selbst auf Wohnungssuche zu gehen“, meint Juliane Nagel.

Der Initiativkreis argumentiert mit den Kosten: Pro Bewerber, so rechnet Nagel vor, spart die Stadt im Schnitt 600 Euro im Jahr – denn Wohnraum ist billig in Leipzig, und die Kosten für den Heimbetrieb fallen weg. Dabei räumt die Stadträtin ein: Nicht alle Flüchtlinge können und wollen in einer eigenen Wohnung oder einer Wohngemeinschaft leben. „Besonders Neuankömmlinge brauchen eine zentrale Anlaufstelle, in der sie erst einmal für einige Wochen unterkommen.“ Zudem ist der Anteil der dezentral untergebrachten Flüchtlinge in Leipzig im Landesschnitt mit 63 Prozent bereits recht hoch.

Doch mit dem Stopp in der Wodanstraße steht das Thema der dezentralen Unterbringung plötzlich wieder auf der Agenda – notgedrungen. Denn die Stadt steht unter Druck. Ein Investor, der, so liest man aus Stadtratsvorlagen, nicht genannt werden will, zeigte im Frühsommer Interesse an dem Grundstück in der Torgauer Straße. Prompt legte man im Rathaus eine erste Kehrtwende hin: Statt der eben erst angekündigten Sanierung legte man einen Plan vor – für eine Verlegung in die Wodanstraße. Zwischen Sanierungs-Absicht und Umzugsplänen war kein Monat vergangen.

Erst kurz zuvor, so wird berichtet, erlaubte man im Grundstücksverkehrsausschuss eben jene Verhandlungen mit dem Investor. Und gleich über mehrere Kanäle ist zu hören, dass es sich dabei um den benachbarten Versandhändler Amazon handeln soll. Der lässt über einen Konzernsprecher nur trocken ausrichten: „Es gibt keine Ankündigungen für weitere Expansionen – es handelt sich hier um reine Spekulationen.“ Doch das Wort „Ankündigungen“ – das schließt Pläne nicht aus. Es ist offensichtlich: Die Stadt will das Gelände an der Torgauer Straße verkaufen und möglichst innerhalb der nächsten sieben Monate räumen – nur mangelt es an Alternativen.

Denn wie die Planungen an der Wodanstraße vorangetrieben wurden, das hat viele Betroffene und Beteiligte verschreckt. Ein Grundstück für ein neues, 300 Personen fassendes Heim der Containerklasse („Systembauweise“) wird im Stadtteil Thekla gefunden, schon im August die Baugenehmigung eingeholt und per Ausschreibung ein Unternehmen als Bauträger und Heimbetreiber gesucht. Die „Freimachung des Objektes Torgauer Straße“, so steht es in der neuen Vorlage für den Stadtrat, müsse bis zum 30. Juni 2010 „sichergestellt werden“ – andernfalls werde nichts aus der erhofften „Verwertung“.

Die scheinbar schnelle, unkomplizierte Lösung einer anderweitigen Unterbringung hat sich nun erst einmal zerschlagen. Wahrscheinlich wird die Stadt noch 2009 einen Vorschlag vorlegen, wie mit den Bewohnern in der Torgauer Straße verfahren werden soll. Eine Möglichkeit ist, dass ein Teil tatsächlich dezentral untergebracht wird – und der Rest der Menschen in die Unterkunft nach Grünau verlegt wird.

Woran das Scheitern des Heimes in der Wodanstraße letztlich lag, wird unklar bleiben. Über die Ergebnisse der Ausschreibung bewahrt die Stadtverwaltung, wie in solchen Fällen üblich, Stillschweigen. Eines ist jedoch sicher: Selbst die an der Ausschreibung beteiligten Firmen erfuhren vom Stopp der Planungen aus der Zeitung.
Unter den Bewohnern haben sich die Schließungspläne schnell herumgesprochen – seitdem ist die Stimmung dort deutlich angespannter, berichtet ein Sozialarbeiter. „Nicht einmal eine Fußballmannschaft bekommen wir seitdem zusammen“, klagt er. Öffentlichkeit und Verwaltung sehen die Flüchtlinge wohl am liebsten so wie in der Torgauer Straße: Weit weg – und sicher hinter Gittern verwahrt.

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