Frühlingsfest der Volksmusik

Drei Sänger, eine Querflöte, eine Geige. Mehr brauchen wir nicht, um uns auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt musikalisch mal irgendwie anders zu präsentieren. „Leise rieselt der Schnee“ war gestern – „Trariro, der Sommer der ist do“, so lautet die neue Losung.

Flink packen wir unsere Instrumente aus. Der Notenständer und mein Geigenkasten werden aufgebaut. Vielleicht wirft ja jemand Geld hinein. Für unseren ersten Standort wählen wir den Platz am Bachdenkmal vor der Thomaskirche. Freudig stimmen wir zunächst „Im Märzen der Bauer“ an. Ich komme mir merkwürdig vor.

Leicht irritierte Blicke einer Seniorenreisegruppe treffen uns. Egal, wir machen weiter. „Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“, schallt es aus uns heraus. Ein kleines Mädchen wirft ein Geldstück in den Geigenkoffer. Hey, so schlecht können wir demnach nicht sein. Trotzdem – ich schäme mich. Frühlingslieder im Winter zu singen, ist schwieriger als gedacht.

Mittlerweile sind auch die Senioren weg, der Platz leert sich. Richtige Publikumsmagneten sehen fraglos anders aus. Wir versuchen es mit „Grüß Gott du schöner Maien“, und siehe da – ein voller Erfolg. Eine ältere Dame beschenkt uns mit zwei Euro, kommentiert mit den Worten: „Das ist ja so lustig!“ Unfassbar. Wir werden mutiger.

Unsere zweite Station ist direkt auf dem Weihnachtsmarkt. Glühwein- und Bratwurstduft umnebeln uns. Der russische Kosakenchor ist auch schon da. Zwei Kinder geigen im Duett Weihnachtsklassiker. Sieht niedlich aus. Aber wer braucht schon die althergebrachten Lieder wie „Kling Glöckchen klingelingeling“, zerstreue ich meine Frühlingszweifel – es klingelt zur Weihnachtszeit heutzutage sowieso nur noch in den Kassen des Kapitalismus.

„Im Frühtau zu Berge“ wird zu unserem nächsten Smashhit, ein weiteres Geldstück landet im Geigenkoffer. Doch nicht so schlecht, der Kapitalismus. Einige Passanten schauen uns belustigt zu, andere schütteln den Kopf. Die meisten hingegen haben kein Interesse an unserem Frühlingsfest der Volksmusik. In Zeiten des Klimawandels könnten die Leute aber schon etwas aufmerksamer sein.

„Hört zu!“, denke ich mir, während wir beherzt in der Fußgängerzone Lieder über knospende Blumen und frisch bestellte Äcker schmettern. Denn so sieht die Zukunft aus. Ist nicht die letzte weiße Weihnacht gefühlte zehn Jahre her? Verabschiedet euch doch alle vom Gedanken an adventsselige Winterkälte und dick vermummelte Weihnachtsmänner! Dank Klimaerwärmung werden wir bald in sengender Hitze unseren Glühwein-on-the-Rocks auf dem palmengeschmückten Weihnachtsmarkt mit Strandatmosphäre genießen können. „Im Märzen der Bauer“ erklingt dazu mit fetten Reggae-Beats …

Das Klimpern eines weiteren Geldstückes reißt mich aus meinen Gedanken. Ich verstecke mich lieber wieder hinter meiner Geige. Ich fühle mich beobachtet und unverstanden. Ich will Glühwein. Noch einmal „Nun will der Lenz uns grüßen“. Nach zwanzig Minuten brechen wir etwas ratlos ab. Die Frau vom Glühweinstand schaut schon ganz böse. Immerhin, unsere Ernte: fast fünf Euro und einige verwunderte Blicke.

Wir schlendern rüber zu den fiedelnden Kindern. Johanna und Moritz sind neun Jahre alt und beide wirklich gute Geigenspieler. Wir fragen, ob wir nicht ein paar Lieder bei ihnen mitsingen dürfen. „Klaro“, meint Moritz, er war sogar mal Mitglied im Thomanerchor. Nach einer halben Stunde „Stille Nacht“ und „Ihr Kinderlein kommet“ strahlen wir mit den zufriedenen Passanten rotbackig um die Wette. Heißa, war das schön! Oh Weihnacht, oh komme!

Später besuchen wir die Frau vom Glühweinstand. „Das war aber nicht so toll“, äußert sie sich zu unserer frühlingshaften Selbsterfahrung und sie hat irgendwie Recht. Die Weihnachtslieder mit den sympathischen Kindern haben mir wirklich mehr Freude gemacht. Wir trinken unseren dampfenden Glühwein. Noch ist es ja kalt genug dafür.

Veröffentlicht unter: Allgemein

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