„Ich bin ein Kontrollfreak“

Comiczeichner, Verlagsgründer, Art Director der „besten Band der Welt“: Der Leipziger Kreativkopf Schwarwel ist ein Hansdampf in allen Gassen. Und findet deutliche Worte.

Das Gespräch führte Jan Kröger

Kurzbiografie auf der Seite vom Leipziger Comicfest ist: Schwarwel, Leipzig, 1968 geboren, lebt, arbeitet und stirbt in Leipzig. Woher diese Verbundenheit?
Einfach mal drei Tage nach Berlin ziehen, dann weiß man, dass man nach Leipzig gehört.

Was hat dir in Berlin nicht gefallen?
Dieses Molochhafte, Ekelhafte, Unpersönliche. Umso mehr Menschen, umso fremder. Ich mag an Leipzig, dass es so tut, als wäre es Großstadt, aber eigentlich noch durchaus dörflichen Charakter hat.

Was fehlt dir in Leipzig?
Palmen oder so etwas.

Und sonst?
Perspektiven, die von woanders kommen müssten. Ich kann nicht einsehen, dass irgendwelche Heinis behaupten, dass es noch 50 Jahre dauern wird, bis der Osten wie der Westen ist. Das muss von jetzt
auf gleich passieren.

Du wirst auf der gleichen Seite auch als „Urgestein der Leipziger Comicszene“ bezeichnet …
… das ist nicht von mir (lacht).

Das ist ein Zitat, das ist klar. Was macht die Leipziger Comicszene überhaupt aus?
Sie ist vor allem sehr übersichtlich (lacht). Eine echte Szene gibt es nicht. Ich meine, zu einer Szene gehört ja eigentlich, dass man einen Mainstream hat, also obendrüber ein Verlagswesen. Wir haben ja damals mit EEE („Extrem Erfolgreich Enterprises“, Anm. der Red.) den einzigen Comicverlag in Leipzig gehabt, daher der Begriff „Urgestein“. Außerdem ist die nachwachsende Generation komisch drauf, weil sie reizüberflutet ist und völlig orientierungslos. Das bedeutet, die Szenen generell haben es schwerer. Es ist schwer, einen Hit zu landen.

Gelingt dir das mit „Schweinevogel“?
Nee, das gelingt uns leider nicht. Bei der Zusammenstellung des neuen Heftes habe ich es wieder gesehen: Da ist einfach ein Underground-Touch drin, und den bekomme ich nicht raus. Damit stehst du dir selbst im Weg, wenn du dich davon ernähren willst. Es ist halt keine Diddl-Maus.

Es kann ja keine Dauerlösung sein, dass du „Schweinevogel“ durch das Agenturgeschäft quersubventionierst.
Das ist die Realität, ja. Das Heft interessiert nur einen sehr kleinen Teil der Leute. Da müssen sie sich nämlich mit den Inhalten befassen, und das ist ganz schrecklich. Das heißt auch: Kaffeetassen. Wenn ich mit Kaffeetassen mein Heft finanzieren kann, dann werde ich wohl Kaffeetassen machen müssen. Ganz einfach.

Deine Figuren haben feste Attribute wie Schweinevogel, der Klugscheißer, oder Swampie, der Großkotz. Haben sie reale Vorbilder, oder: Ist da auch Selbstironie dabei?
Ich verfüge über null Prozent Selbstironie (lacht). Die Figuren haben alle etwas von mir und sie haben alle etwas von meiner Umgebung, natürlich. Früher, als ich angefangen habe, sind sie aus dem Nichts entstanden. Da fehlte einfach die gelebte Erfahrung, damit du weißt, welche Figur für welche Geschichte geeignet ist.

Wieviel von „Schweinevogel“ steckt in dir?
Ich habe ein extremes Klugscheißergen. Es gibt dieses T-Shirt: ,Ich bin kein Klugscheißer – ich habe wirklich Recht!‘ Oft wache ich auf und weiß schon, was für ein Tag ist, ob ich zum Beispiel im Swampie-Modus bin. So kann man seine Schizophrenie gut verteilen.

Schweinevogel versucht, die Welt unter Kontrolle zu bekommen …
Ich bin ein Kontrollfreak, natürlich. Es geht darum, die Antwort zu finden, die eine große.

Du bist zudem Art Director der Band „Die Ärzte“. Was macht ein Art Director denn eigentlich?
Ein Art Director ist nicht zu verwechseln mit einem Grafiker oder einem Layouter oder irgendeinem Pixelschubser, der das umsetzt, was sich andere ausgedacht haben. Ein Art Director ist der, der sich das ausdenkt. Das heißt, dass in diesem Fall zusammen mit der Band ein Konzept erarbeitet wird. Und weil die Band gleichzeitig Auftraggeber ist, ist das eine seltene und sehr schöne Art zu arbeiten, weil man sonst immer mit einem Haufen von Mittelsmännern zu tun hat. Es gibt natürlich noch das Regulat Manager/Plattenfirma, die dir dann mit dem Geld auf den Sack gehen und sagen: ,Das geht nicht!‘ Da muss man trotzdem einen Weg finden, wie man Geld für ein Produkt findet, das erst einmal mit dem Musikbusiness nichts zu tun hat – eine Pizzaschachtel zum Beispiel, wie beim letzten Album.

Inwiefern hören denn die Ärzte auf dich?
Sie hören insofern auf mich, dass ich das nun seit der Re-union 1993 mache. Da muss sich in irgendeiner Form ein Vertrauensverhältnis gebildet haben. Das ist ganz einfach: Wenn der Erfolg da ist, haben wir alle Recht. Ich als Art Director habe auch die Möglichkeit, zu sagen: ,Da ist ein geiler Grafiker, ein geiler Fotograf, wollen wir mal den nehmen?‘ Ich muss ja dafür Sorge tragen, dass es immer anders aussieht – das ist ja gerade der Anspruch bei den Ärzten. Das ist schön für mich, weil ich über die Jahre einfach jeden Quatsch mal gemacht habe.

Der Schlagzeuger der Ärzte, Bela B., hat mit dir den EEE-Verlag betrieben. Warum habt ihr vor ein paar Jahren zugemacht?
Weil zehn Jahre dann doch genug waren. Dafür, dass es ein Hobby war, war es so zeitintensiv, dass nichts mehr an Enthusiasmus übrig blieb und man Comics nicht mehr mochte. Es war ein Spartenverlag, wir hatten größtenteils Horror und extremere Titel im Programm. Das waren keine intellektuellen Meisterwerke. Wenn ich mir die Zeichnungen heute ankucke, dann denke ich: ,Na, da hättste aber noch eine Stunde länger dran sitzen können.‘

Für die SPD-Politiker Constanze Krehl und Thomas Jurk hast du in diesem Jahr Werbespots produziert. War das eine Auftragsarbeit oder stand da auch eine persönliche Motivation dahinter?
Das war eine Auftragsarbeit. Zieht das auf Moral oder ethische Grundsätze ab?

Weder noch, wir interessieren uns einfach nur, wie es dazu gekommen ist.
Angesichts der Tatsache, dass ich die Arbeit von Constanze Krehl sehr schätze, die sie im Europäischen Parlament tut, war es bei ihr überhaupt keine Frage. Der zweite Clip war ein Folgeauftrag, um es mal so zu formulieren. Aber natürlich haben wir dagesessen und uns gefragt: Können wir für Parteien arbeiten oder nicht? Letzten Endes: für diese ja – für jede nein.

Worauf muss man bei diesen Comics achten? Die Parteien dürfen ja nicht ins Lächerliche gezogen werden.
Das war schon schwierig, weil ich eigentlich einen sehr sarkastischen Stil habe. Ich neige eher zur Karikatur als zur Illustration. Bei Constanze Krehl war es kein Problem, da war es der erste Sketch. Bei Thomas Jurk dauerte es sehr, sehr lange.

Anderes Thema: Wie gut ist die Ausbildung für die kreativen Berufe – zum Beispiel an der HGB?
Ich finde nach wie vor, dass sie null darauf eingehen, dass es einen Realität gibt nach dem Studium. Das merke ich bei denen, die sich bewerben. Wenn die für einen Flyer ein Dreivierteljahr brauchen, dann ist das unter Umständen der schönste Flyer der Welt, aber … da gibt es kein gesundes Verhältnis zwischen einer wirklich elitären Kunstausbildung und einem Klarkommen in einer Marktwirtschaft.

Wie sind die jungen Leute, die hier durchlaufen, motiviert?
Du meinst die Praktikanten? Natürlich kommen haufenweise Ärzte-Fans. Nach einer Woche wissen sie dann, dass das tatsächlich Arbeit ist, und Farin Urlaub nicht jeden Tag zum Kaffeetrinken kommt. Wir als Mini-Firma können es eigentlich gar nicht leisten und nehmen trotzdem dauernd Praktikanten, weil die Leute sehen müssen, wie es wirklich läuft. Aber das kann man von einer Firma eigentlich echt nicht verlangen. Weil du die quasi neu aufbauen musst, weil sie nichts vermittelt bekommen.

Wo fehlt es?
An der Grundmoral fehlt’s. Wir werden alle so gesättigt und werden so verblödet. Das war in der DDR einfach, du hattest einen klaren Feind. Einfach durch das Dagegensein hattest du genug Motivation, etwas zu tun, dich um dich selber zu kümmern.

Was für eine Rolle spielte diese Fantasie-Alternative?
Der Westen hat als ein komisches Ideal zum draufprojizieren gedient. Die, die da waren, waren schnell ernüchtert. Mein erster Abend in Westberlin war so. Äh, dachte ich mir, Penner. Hab mich ins Bett gehauen, am nächsten Tag in den Comicladen und bin zurückgefahren. Das war genauso dreckig und genauso scheiße.

Was kann Politik tun?
Ich denke schon, dass es extrem wichtig ist – und das versuchen die momentan auch –, die Kommunalpolitik zu stärken, weil das die ist, die das Leben ausmacht. Wenn wir jetzt von Leipzig reden, geht es natürlich auch darum, alles was geht in den Standort zu pumpen. Deshalb drucken wir nicht in China – es gibt genug Leute in Apolda, die von etwas leben wollen.

Aber auch in Leipzig.
Auch in Leipzig. Deswegen haben wir den Schweinevogel-Film in Sachsen gemacht, sind wir auch stolz darauf, dass da ,Made in Sachsen‘ drinsteht. Die Leute hier können‘s ja auch. Und ja, das ist teurer. Und ja, das hat uns fast ruiniert. Und ja, ich scheiß drauf. Ganz einfach, weil ich weiß, dass das gut ist.

Worauf müssten Leute, die sich in der kreativeren Szene in Leipzig selbstständig machen, achten?
Nicht auf andere Leute hören. Ganz einfach. Mit dem Verstand dem Herz helfen, die richtige Entscheidung zu treffen. Ansonsten wirst du kalt und scheiße.

Schönes Zitat. Danke für das Gespräch.

Veröffentlicht unter: Allgemein

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