Stadt ohne Kar?

Erst lastete der hohe Mietpreis schwer auf der Leipziger Karstadt-Filiale. Nun ist der Mutterkonzern Arcandor pleite – und das Schicksal des Warenhauses hängt am seidenen Faden.

Von Johannes Kiehl, Dirk Stascheit und Jan Kröger

Das Schicksal von Karstadt in Leipzig hängt an einem dünnem Papier. Einem Mietvertrag, der zum Jahresende gekündigt ist. Dann gibt es zwei Optionen: Entweder ist am ersten Januar ein neuer Mietvertrag unter-zeichnet; oder das Karstadt-
Warenhaus in der Petersstraße bleibt ab dem zweiten Januar geschlossen.

Seit der Pleite des Karstadt-Quelle-Dachkonzerns Arcandor im Juni schwankt die Stadt zwischen Hoffen und Bangen. Im Leipziger Quelle-Logistikzentrum werden noch bis Ende Februar Pakete gepackt und verschickt. Danach stehen auch die letzten 800 Mitarbeiter erst einmal auf der Straße, soviel steht mittlerweile fest. Nun geht es in der Karstadt-Filiale um hunderte weitere Jobs.

Dabei sei das Haus in Leipzig gut aufgestellt, betonen Gewerkschafter. Dass ein neuer Standort zunächst rote Zahlen schreibe, sei normal – aber „diese Frist war noch nicht vorüber“, so Ines Jahn von Verdi Nordsachsen. Das edelsanierte Kaufhaus war erst im Herbst 2006 eröffnet worden. Die Arcandor-Insolvenz kommt für Leipzig zur Unzeit.
Dennoch: „Man sollte Karstadt am Standort Leipzig nicht zu früh abschreiben“, meint der Verdi-Handelsexperte Jörg Lauenroth-Mago.

Diesen Gedanken gibt es auch im Neuen Rathaus: „Die Petersstraße ist die am meisten frequentierte Einkaufsstraße in den Neuen Ländern“, so Thomas Rüffler, Fachreferent im Dezernat Wirtschaft und Arbeit. Er geht davon aus, dass sich Arcandor-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg mit der Firma des Immobilienentwicklers Josef Esch doch noch einigen wird.

Der Insolvenzverwalter Görg war es, der den bestehenden Mietvertrag kündigte, um für Karstadt bessere Konditionen auszuhandeln. Er will die bisherige Miete von 11,3 Millionen drücken. Wenn er sie auf etwa sieben Millionen Jahresmiete herunter verhandelt, würde er die Leipziger Karstadt-Filiale aus der berüchtigten Todeszone herausholen – im Branchensprech steckt man dann darin, wenn die Miete zehn Prozent des Umsatzes übersteigt.

Esch wiederum hat eigentlich gute Gründe für den hohen Mietpreis – hat er doch über einen seiner Fonds 180 Millionen Euro in die Renovierung des Objekts gesteckt. Diese Investitionen würden sich auch so schon erst nach 16 Jahren amortisieren, einem einfachen Überschlag zufolge – der weder Rendite noch das Bedienen laufender Kredite berücksichtigt. Auf Steuerersparnis vermögender Anleger getrimmte Immobilienfonds nehmen üblicherweise einen Gutteil des Finanzbedarfs als Kredit auf.

Auch dürfte es schwierig werden, auf die Schnelle einen Nachmieter für Karstadt zu finden. Bei einer Karstadt-Verkaufsfläche von etwa 15 400 Quadratmetern und weiteren 10.000 Quadratmetern, in denen Untermieter ihre Geschäfte betreiben, kommt das Problem der schieren Größe ins Spiel. Außer Kaufhof bespielt keiner der wirtschaftlich gesunden deutschen Warenhausbetreiber derart große Flächen. Kaufhof aber ist in Leipzig bereits bestens versorgt. Ein alternativer Mieter konnte der Öffentlichkeit jedenfalls noch nicht präsentiert werden. Wohl deshalb spekuliert der Insolvenzverwalter offenkundig darauf, dass der Vermieter eher eine niedrigere Miete als ein leeres Kaufhaus wählt.

Ganz risikolos ist diese Strategie nicht. Gewerkschaftsvertreter befürchten die möglichen Folgen auch für die Moral der Untermieter, die sogenannte Shop-in-Shop-Bereiche betreiben. Sie würden so „aufs Stärkste verunsichert“, so Ines Jahn von Verdi Nordsachsen. Eine mögliche Schließung würde auch die Belegschaften der Untermieter betreffen.

Für die Karstadt-Kernbelegschaft geht die Zitterpartie um ihre Jobs unterdessen weiter. Die Stimmung sei hochgradig angespannt, erzählt Verdi-Mann Jörg Lauenroth-Mago. Er empfindet es als „Sauerei, dass man die Leute so warten lässt“. Vor allem, weil der Insolvenzverwalter auf Zugeständnisse von Seiten der Mitarbeiter hofft. Derzeit laufen die Verhandlungen über einen Sanierungstarif für Karstadt weiter – ohne konkrete Aussagen über die Zukunft am Standort Leipzig.

Sollte es Insolvenzverwalter Görg nicht gelingen, einen neuen Mietvertrag mit besseren Konditionen auszuhandeln, gehen bei Karstadt in der Petersstraße Ende des Jahres die Lichter aus. Görg agiert so, als ob er aus Angst vor dem Tod den Selbstmord vorziehen würde. Und was würde dann Josef Esch machen? Er müsste sein Edel-Objekt wohl verkaufen. An wen er verkaufen könnte, ist noch völlig unklar.

Eschs Position ist nicht eben rosig. Nach Informationen des Handelsblatts will Josef Ackermann, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, die unlängst die Privatbank Sal. Oppenheim und mit Ihr Geschäftsanteile der Esch-Holding übernahm, aus den Geschäften mit Esch möglichst schnell aussteigen – er fürchtet offenbar einen Imageverlust und eventuell sogar Klagen reicher, aber enttäuschter Anleger.

Will Esch mit seinem Fonds ohne neuen Mieter halbwegs gut aus dem Leipziger Geschäft herauskommen, müsste er die Immobilie möglichst teuer verkaufen – und das in einem der günstigsten Gewerbeimmobilienmärkte Deutschlands. Eine Vermietung als Ladenfläche scheitert wahrscheinlich an der Größe – andere Nutzungen verlangten wahrscheinlich nach Umbauten. „Ein eventueller Käufer müsste bei einer anderen Nutzung nochmals eine Menge Geld reinstecken“, ist sich Rathaus-Wirtschaftsfachreferent Thomas Rüffler sicher. Auch deshalb kann sich die Stadt im noblen Großobjekt an der Petersstraße nichts anderes als eine Ladenfläche vorstellen.

Aus stadtplanerischer Sicht wäre eine Schließung jedenfalls „außerordentlich bedauerlich“, so Irina Krause vom Stadtplanungsamt. Eigentlich sollte das Kaufhaus sogar zum Premium-Standort innerhalb der Karstadt-Gruppe ausgebaut werden – eine Überlegung aus besseren Zeiten. Außerdem fehlte den kleineren Händlern, sollte Karstadt wegbrechen, einer der Kundenmagneten. „Karstadt war in der Citygemeinschaft bisher überdurchschnittlich stark engagiert“, so Krause weiter. Als es dem Warenhaus noch besser ging, veranstaltete es regelmäßig Events, die auch für andere Händler Kunden in die Stadt lockten.

Wenn es entgegen aller Hoffnungen wirklich zur Schließung kommen sollte: Was würde dann aus der Belegschaft? Die Mitarbeiter wären schließlich nicht allein auf einem sich sprunghaft füllenden lokalen Arbeitsmarkt – denn auch die Mitarbeiter der Quelle-Logistik dürften sich zunächst bei den Beratern der Arbeitsagentur wiederfinden. Immerhin hätten sie alle miteinander gute Chancen auf neue Jobs, so verlautet es zumindest aus dem Rathaus. Dort spricht man von einer hoch motivierten und gut ausgebildeten Belegschaft – und von Zukunftsprojekten. Schließlich müsse auch in den 2011 eröffnenden Höfen am Brühl für gutes Personal gesorgt sein. Für etwaige Qualifikationsmaßnahmen könnte auch die städtische Puul GmbH sorgen, die im Rahmen der BMW-Ansiedlung geschaffen worden war. Denn eine Transfergesellschaft von Seiten Karstadts wird es wohl mangels Masse nicht geben. Auch bei Quelle war dies nicht möglich.

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