Gegen die Norm: Ganz unten

weiter macht das, was man eigentlich nicht macht – wir brechen ungeschriebene Gesetze. Unsere Autorin hat diesmal beim Sonntagseinkauf Schlange gesessen.

Von Dorothea Hecht

Warum schon wieder? Warum habe ich bis Sonntag gewartet? Sonntags kauft ganz Leipzig bei Aldi im Bahnhof ein. Und tags zuvor war auch noch Feiertag. Heißt für mich: kein Korb mehr da, keine frische Milch, aber dafür eine Schlange bis zum Kühlregal. Korrigiere: vier Schlangen bis zum Kühlregal.

Seufzen, tief Luft holen, anstellen. Oder ansitzen?

Hm. Bequem ist er nicht, der graumelierte Aldi-Boden. Dafür habe ich eine spannende Aussicht: wahnwitzige Pfennigabsätze, ausgetretene Straßenläufer, halb zerrissene Chucks, Stulpen über Ballerinas, glitzernde Kinderturnschuhe, der Adidas-Klassiker im Sneakers-Look, vorbeieilende Damenstiefel –

„Alles klar?“ kommt die besorgte Nachfrage vom Pärchen hinter mir. „Ja, ja“, sage ich mit Blick auf ein dreitagebartiges Kinn und große Nasenlöcher. „Ich finde sitzen nur bequemer als stehen.“ Grinsend wende ich den Blick ab, an der Schlange vorbei. Gefühlte 28 Köpfe in für mich unerreichbaren Höhen lassen sich erahnen. Hinter mir herrscht Stille, dann plötzlich ein betont lautes Gespräch über die Kapernsoße mit Klößen im Regal neben uns. Verheißt der Name, dass die Kapernsoße das Hauptprodukt in der Dose ist? Und wie groß mögen dann wohl die Klöße sein?

Die Schlange bewegt sich, wenn auch zentimeterweise. Ich entscheide mich fürs Entlangschubbern auf dem Hosenboden. Noch ungefähr 20 Leute vor mir.

Rechts starrt mich jetzt ein Kind an und will mir offensichtlich Windeln verkaufen. Links bin ich auf Augenhöhe mit Trader Joe. Trader Joe muss ein Vermögen damit gemacht haben, Nüsse zu sammeln, Früchte zu trocknen und an Aldi zu verkaufen. Ich stelle mir vor, wie er damals im Wilden Westen stundenlang in glutheißer Sonne ritt und abends die getrockneten Datteln von den Zweigen zupfte, die aus seiner Satteltasche herausragten. Gab es eigentlich Datteln im Wilden Westen? Egal, Trader Joe würde ich heute auf jeden Fall einen Sitzplatz neben mir anbieten. Im Gegensatz zu den 13 Leuten, die noch vor mir stehen.

Mein Hintern wird kalt und keiner scheint es auch nur wahrzunehmen, dass ich auf dem Boden sitze. Selbst meine verrenkenden Vorwärtsbewegungen bringen mir kaum Beachtung.

Noch acht Leute vor mir, gleich bin ich am Fließband. Auf einmal stehen die glitzernden Kinderturnschuhe vor mir. „Hallo“, sag ich und schaue in schmale, asiatisch wirkende Augen. Ein Lächeln, ein Kichern, ein abgewandter Kopf, rennende Turnschuhe. Die ehrliche Reaktion auf Leute, die im Supermarkt auf dem Boden sitzen.

Da – endlich – das Fließband ist erreicht und ich darf mich erheben. Wieder keine Reaktionen. Langweilige Leipziger Sonntagseinkäufer. Haben alle nur ihr Abendessen im Kopf. Mann, hab ich Hunger.

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Allgemein

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