“Am Anfang hielten sie mich für rechts”

Der Mauerfall ist zwanzig Jahre her, trotzdem gibt es auch in der heutigen Studentengenerationnoch Vorurteile zwischen Osten und Westen. Zwei, die zum Studieren über die ehemalige Grenze gezogen sind, erzählen.

Nils Siebert, 28, aus Mettmann studiert seit 2004 Geographie und Politikwissenschaft in Leipzig:
„Als ich zum Studium nach Leipzig gehen wollte, haben viele meiner Freunde in Mettmann bei Düsseldorf dumme Sprüche darüber gemacht und angefangen, sich in einer vermeintlich sächsischen Mundart lustig zu machen. Die konnten sich nicht vorstellen, wieso man zum Studium so weit weg und noch dazu in den Osten geht.

Dabei war es für mich überhaupt kein Thema, dass Leipzig im Osten liegt. Zum einen studierte ein Freund von mir schon hier und konnte mir alles zeigen, zum anderen gefiel mir die Stadt auf Anhieb. Leipzig ist unheimlich lebendig. Man kann hier gut wohnen, sehr gut leben. Das kulturelle Angebot ist super und architektonisch hat die Stadt viel zu bieten.
Ich hatte hier nie mit Vorurteilen zu kämpfen, weil ich aus dem Westen komme. Die Leute in meinem Freundeskreis stammen aus allen Teilen Deutschlands: Es sind Leipziger dabei, Leute aus Thüringen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Bremen, dem Rest der Republik. Wir hatten keine Berührungsprobleme, die DDR oder Ost-West sind kein Thema.

Darüber sprechen wir höchstens, wenn einer nach Köln zieht und erzählt, da sei die Miete doppelt so hoch.
Mein Studium hat mir insgesamt viel gebracht. Ich habe vor allem eigenständiges Lernen und Handeln gelernt und gemerkt, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, um ein Problem zu lösen.

Unsere Studienbedingungen waren aber nicht immer rosig, wir hatten zum Beispiel zu wenig Dozenten. Deswegen war es nur für einen Bruchteil der Studenten möglich, in der Regelstudienzeit fertig zu werden. Inhaltlich war es aber super. Schon vor dem Studium hatte ich eine Ausbildung zum Servicekaufmann im Luftverkehr am Flughafen Düsseldorf abgeschlossen und interessiere mich auch jetzt noch für Verkehrsmanagement. Ich denke, mit dem Studium habe ich mein Profil geschärft.

Inzwischen kann ich mir vorstellen, zum Arbeiten wieder in Richtung Heimat zu gehen. Schließlich möchte ich noch mal in eine andere Stadt ziehen. Es gibt außerdem Dinge, die mich an Leipzig stören: riesige Einkaufszentren auf der grünen Wiese zum Beispiel, die nach der Wiedervereinigung entstanden sind. Noch mehr stören mich das weiterhin vorhandene, latente, versteckte rechtsradikale Potential und Stadtteile mit NPD-Büro. Ich kriege das zwar auch nur durch die Presse mit. Aber es ärgert mich, wenn Leipzig durch Rechtsradikalismus in die Schlagzeilen gerät. Das hat die Stadt nicht verdient und schürt die Vorurteile meiner Freunde in Mettmann.

Insgesamt habe ich trotzdem den Eindruck, dass die Vorlieben und das Gesellschaftsbild der Leute in Leipzig und in Mettmann sich ähneln – der Leipziger an sich tickt auch nicht viel anders als Leute im Westen.“

Susann Schneider, 23, aus Naunhof bei Leipzig studiert seit 2005 in Düsseldorf Medizin:
„Ich finde Düsseldorf faszinierend, seit ich hier 2004 zu Besuch war. Die Stadt ist multikulturell und sehr lebendig, nicht so bürgerlich wie Leipzig. Als dann noch eine langjährige Kindergartenfreundin zum Studieren nach Köln ging, habe ich bei der ZVS als Wunschstudienort Düsseldorf angegeben und war froh, als das geklappt hat.

Unsere Studienbedingungen finde ich aber mangelhaft. Es sind zu wenige Dozenten für zu viele Studenten zuständig. Die Lehrmittel sind zum Teil total veraltet: Wir mussten Mikroskope aus den 70er Jahren verwenden und manche Professoren zeigen ganz vergilbte Dias, auf denen man Nerven und Arterien überhaupt nicht unterscheiden kann. Und wenn jemand seziert wird, schauen zehn, fünfzehn Leute zu – viel zu viele, man erkennt nichts. Das hat sich auch mit der Einführung von Studiengebühren kaum gebessert.

Erstaunlicherweise habe ich trotzdem sehr viel gelernt – gerade in der Vorklinik, im Grundstudium der Mediziner, die dann aber auch wirklich hart und schwierig war.

Die Klinik, unser Hauptstudium, gefällt mir besser. Wir sind viel näher am Patienten und es ist sehr interessant. Außerdem gefallen mir hier die vielen Möglichkeiten, mich zu engagieren. Ich arbeite zum Beispiel in dem Verein MediNetz, der sich um die medizinische Versorgung von Leuten ohne Papiere oder Aufenthaltsgenehmigung kümmert.
Gestört hat mich, dass ich schon mit Vorurteilen gegenüber Ostdeutschen konfrontiert wurde. Zum Beispiel habe ich mal am Fahrradständer eines Supermarkts die Unterhaltung von zwei alten Frauen gehört. Eine sagte: „Als die Mauer noch stand, mussten wir unsere Fahrräder nicht abschließen. Aber seit die Ossis da sind, geht das nicht mehr – die klauen wie die Raben. Ist ja auch klar, die hatten ja nichts.“ Dazu habe ich zwar nichts gesagt, aber ich war unheimlich erschrocken.

Und an der Uni hielten mich viele nur wegen meiner Herkunft für ausländerfeindlich. Sie dachten, im Osten würden alle so denken. Dabei ist das totaler Quatsch. In meinem Freundeskreis hier kommen viele aus dem Ausland und ich finde es doch gerade toll an Düsseldorf, dass die Stadt multikulturell ist!

Ich habe hier leider wenig deutsch-deutsche Freundschaften geknüpft. Die Leute im Rheinland sind sehr fröhlich, offen und hilfsbereit. Aber ich glaube, bei wirklich engen Freundschaften halten sie sich mehr zurück als Leute in Leipzig.
Insgesamt sind aber die Unterschiede zwischen Ost und West in der heutigen Studentengeneration nicht mehr groß. Wenn wir weiter am Zusammenwachsen arbeiten, wird Ost-West irgendwann gar kein Thema mehr sein.“

Veröffentlicht unter: Allgemein

Eine Antwort zu "“Am Anfang hielten sie mich für rechts”"

  1. Sebastian Lammermann sagt:

    Mir erging es ähnlich wie Nils. Auch ich komme aus dem Rheinland und auch viele meiner Bekannten konnten sich nicht erklären, warum jemand zum Studium so weit weg geht. Und dann ausgerechnet in “den Osten”. Das Ruhrgebiet und die Rheinschiene lagen vor der Haustür, die Niederlande ebenfalls. Aus meiner Jahrgangsstufe hat es kaum jemand weiter als bis Paderborn geschafft.

    Auch ich hatte meinen Studienplatz “in Heimatnähe” schon sicher. In Bochum. Damals, 2003. Aber glücklicherweise habe ich mir selber einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn ich war verliebt und habe mich in einer Nacht- und Nebelaktion noch in letzter Minute auf einen Studienplatz in Leipzig beworben. Und obwohl meine Beziehung nicht lange hielt, war es doch die beste Entscheidung meines Lebens.

    Leipzig ist eine fantastische Stadt. Tief im Westen völlig unbekannt, und vermutlich daher unterschätzt. Ich kenne kaum einen Ort, der so dynamisch ist. In den sechs Jahren, die ich jetzt hier lebe, hat sich nicht nur das Gesicht der Stadt radikal verändert. Und die Menschen finde ich angenehm. Nicht so laut wie in der alten Heimat, aber mindestens genau so herzlich und offen. Mittlerweile bin ich einer von ihnen. Und immer wenn mich jemand fragt wo ich herkomme, grinse ich ein wenig und sage: “Aus Leiptzsch!”

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