Fühl’ mal dieses Lied!

Wie ist es, ein Lied zu singen, ohne es hören zu können? Im Gebärdenchor beweisen Gehörlose ihr musikalisches Talent – mitunter besser als ihre hörenden Mitmenschen.

Sie singen mit den Fingern, mit den Armen, mit dem Mund und mit dem ganzen Körper. Wenn sie singen, dann sieht man Hüften schwingen und Hände wirbeln. Ihre Münder formen Worte, aber ihre Stimmen bleiben stumm. Wenn die Sänger eines Gebärdenchors proben, dann kommt die Musik ausschließlich vom Band. Ihren Gesang kann man nicht hören, nur sehen.
Der Leipziger Gebärdenchor „Zeichen setzen“ studiert sein Repertoire jede Woche auf diese Weise ein. Die zwölf jungen Männer und Frauen übersetzen deutsche und englische Lieder in Gebärden und setzen sie choreographisch um. Zu jeder Strophe gehört eine bestimmte Abfolge von Gebärden. Und die sollen sie möglichst synchron wiedergeben. Zur Zeit proben sie drei Stücke intensiv.

„So happy together“ heißt ein Lied. Franziska Milbrecht, die den Chor voriges Jahr gegründet hat, schaut genau, ob das Stück aus der Ferne synchron aussieht. „Macht mal ’glücklich’ weiter oben!“, ruft sie den Sängern zu. Hier singt niemand schief, aber die Hände sind manchmal an der falschen Stelle. Ab und zu kommt es zu Missverständnissen. Als Franziska vormacht, wie sie den Ausdruck „ein guter Ernährer“ übersetzen würde, korrigiert Chorleiterin Cornelia Schumann: „Was du zeigst, ist: ‚Ich bin ein guter Esser’.“ Wie bei Worten können auch bei Gebärden schon Nuancen einen großen Unterschied machen.

Alle Mitglieder des Chors sind leicht bis schwer hörgeschädigt. Wenn sie miteinander sprechen, dann tun sie dies gleichzeitig vokal und in Gebärden – und das, obwohl zwischen beiden Sprachen große Unterschiede bestehen. „Die Gebärdensprache hat eine ganz andere Grammatik“ erklärt Chormitglied Andrea Niewert: „Artikel gibt es nicht und Wörter werden in eine ganz andere Reihenfolge gesetzt.“ Aus dem Vers „Gib’ dir einen Ruck und du wirst sehn: Das Leben ist schön“ wird in Gebärden die Abfolge „Du los kämpfen selbst sehen leben schön“. Sprachbilder wie „einen Ruck geben“ sind daher schwer zu übersetzen. Hinzu kommt, dass eine Gebärde verschiedene Bedeutungen haben kann. Und sogar Mundarten gibt es: „Schon in Dresden gibt es einen anderen Gebärdendialekt“, erklärt Franziska Milbrecht.

Ein Lied richtig zu übersetzen, ist für den Chor jedes Mal eine Herausforderung. „Die Gebärdensprache ist sehr direkt und nicht besonders blumig, aber es ist eine schöne Sprache“, findet Cornelia Schumann. „Und wenn man in Gebärden singt, kann man sich mit dem ganzen Körper ausdrücken und die Schönheit der Sprache so richtig herausstellen.“
Gebärden sind eine vollwertige Sprache. Die Deutsche Gebärdensprache ist eine der offiziell anerkannten Minderheitensprachen in Deutschland, über 80.000 Menschen nutzen sie. Doch dass man in Gebärden auch singen und dichten kann, ist wenig bekannt, meint Ramona Trapp. Sie ist Gebärdendolmetscherin am Berufsbildungswerk Leipzig und leitet hier einen Gebärdenchor, der zur Hälfte aus Hörgeschädigten und Gehörlosen besteht.

„Es gibt immer noch viele, die Gehörlosigkeit mit geistiger Behinderung assoziieren. Wenn die uns sehen, sind sie fasziniert.“ Seit 1996 tritt Trapp mit dem Chor „SignSongs“ in Leipzig und bei überregionalen Veranstaltungen auf: vor hörenden sowie vor gehörlosen Zuschauern. „Wir wollen beides machen: erstens den Hörenden zeigen, wie schön die Gebärdensprache ist. Und zweitens den Gehörlosen zeigen, was die Lieder aussagen.“ Denn fast immer handelt es sich bei den Liedern um Stücke, die auch Gehörlose gut kennen. „Sie schauen MTV, sie gehen in die Disko und sie hören zu Hause CDs“, sagt die Chorleiterin. „Sie können zwar den Text nicht verstehen, aber sie spüren die Bässe. Viele von ihnen tanzen dadurch sogar viel rhythmischer und besser als hörende Menschen.“

Ramona Trapp und ihre Kollegin Sandy Kober proben einmal wöchentlich mit knapp zwanzig Jugendlichen auf dem Gelände des Berufsbildungswerks. Schon seit Jahren dabei ist die 25-jährige gehörlose Anja Fessel. Als die Musik zu Beginn der Probe einsetzt, bedeutet sie mit den Händen „Lauter!“, bis die Musik den ganzen Saal erfüllt. Anja hat das Solo für ein Stück von Silbermond übernommen: Sie wippt mit den Beinen, im Rhythmus des Refrains streckt sie die Hände stoßweise nach vorn, bewegt sie flatternd auf ihren Oberkörper zu und streckt dann die offenen Handflächen vom Körper weg. „Gib mir was, das bleibt“, bedeutet dieser Vers, und jede Bewegung passt haargenau zu Melodie und Rhythmik des Liedes.

Nach der Probe leuchten Anjas Augen. „Musik ist mein Leben“ sagt sie. „Ich brauche sie für meine Seele, auch wenn ich sie nur spüren und nicht hören kann. Aber ich nehme wahr, ob eine Melodie hoch oder tief ist, ich spüre die Vibration und den Bass.“ Auch zu Hause hört sie viel Musik, meistens um zu entspannen. Und manchmal singt sie ein Lied, das sie schon kennt, mit den Fingern mit.

Es gehört viel Übung dazu, um in Gebärden singen zu können. Viele, die das Gebärdensprechen beherrschen, müssen ans Singen erst herangeführt werden. Dabei hat Ramona Trapp in 13 Jahren Chorleitung erstaunliche Erfahrungen gemacht: „Wir hatten hier Jugendliche, die richtige Heimchen waren, mit einem Selbstbewusstsein gleich null. Alleine hätten sie sich nie auf die Bühne getraut. Aber durch unser Miteinander im Chor hat sich das gewandelt. Heute bekommt man sie kaum noch von der Bühne runter.“

Auch der Gebärdenchor „Zeichen setzen“ hofft, in Zukunft mit einem erweiterten Repertoire häufiger vor Publikum auftreten zu können. Lieder für Gehörlose sichtbar zu machen, ist dabei ihr größter Ansporn. „Gebärden sind für mich mehr als nur eine Sprache, sie sind wie Tanzen“, sagt Chormitglied Katharina Kunz. Dieses Empfinden verbindet die Gebärdensänger. Lieder kann man nicht nur hören, sondern auch spüren.

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