“Sichere Großstadt”

Weniger Polizisten reichen auch, meint der Freistaat Sachsen. Weil in der Fläche angeblich weniger Bedarf wäre. Blöd nur: Leipzig ist nicht die Fläche, der Bedarf sinkt mitnichten.

Zunächst eine kleine Geschichte: Ab und zu werden in Leipzig Drogenhändler überfallen und ausgeraubt. Ihr Geld ist weg, ihr Stoff auch. Der betroffene Händler könnte jetzt aus dem Geschäft aussteigen, aber er tut es nicht. Denn er bekommt von seinem Lieferanten ein verlockendes Angebot: Ich beliefere dich – du zahlst, wenn du verkauft hast. Die Marge wird für den Dealer etwas dünner. Dennoch schlägt er ein und steckt im sprichwörtlichen Sack: Der Lieferant kann nun nach Belieben den Druck erhöhen und Margen kürzen. Schließlich ist er auch Gläubiger – in einem Gewerbe ohne jede gesetzliche Regulierung. Der Dealer drückt die Ware nun immer aggressiver in den Markt, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Ein Szenario, das sich so oder ähnlich in Leipzig immer häufiger abspielt, wie ein unter Druck geratener Dealer erzählt.
Es ist kein Geheimnis: Die Kriminalitätsrate in Leipzig ist die Höchste in ganz Sachsen, kriminelle Strukturen haben sich längst etabliert. Trotzdem setzt die Landesregierung den Stellenabbau bei der Polizei fort. Insgesamt entfallen in dieser Streichrunde 2441 Stellen bei der sächsischen Polizei.

Dünner Korridor

Das tun sie in einer Zeit, in der sich im Leipziger Drogengeschäft immer neue Akteure einfinden und synthetische Drogen sich weiter verbreiten. Neben Heroin und Gras gewinnt offenbar die synthetische Droge Crystal an Beliebtheit. Nach Erkenntnissen der Landespolizei wurde dieser Stoff bisher oft in Tschechien hergestellt, weil dort die Grundsubstanzen einfach zu beschaffen sind. Doch dieses Logistikproblem scheinen Leipziger Dealer nun überwunden zu haben – sie stellen einen beträchtlichen Teil einfach selbst her, hier in Leipzig, in normalen Wohnungen, in normalen Kochtöpfen. Erst im März hatten Beamte von Landeskriminalamt und Zoll in Mittweida die Wohnungen zweier 21-Jähriger durchsucht. Neben Grundstoffen und etwas Gras fanden sie mehrere sogenannte Ansätze, aus denen im weiteren Verlauf Crystal extrahiert worden wäre. Die Grundstoffe stammten den Beamten zufolge aus Versandapotheken und aus Tschechien.

Erstaunlicherweise zeigt die Kriminalitätsstatistik in Leipzig allerdings einen Rückgang von Delikten: Offiziell gab es 2008 ganze 3600 Straftaten weniger als noch 2007. Die Statistik zeigt aber nur einen Teil der Wahrheit. „Wenn ich aufgrund fehlenden Personals keine Kontrollen durchführen kann, dann habe ich auch keine Feststellungen“, sagt Eckehard Goudschmidt vom Landesvorstand der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Denn gerade im Drogenmilieu werden Rechtsbrüche nur selten von den Betroffenen selbst angezeigt. Dabei geschehen dort Straftaten von Rezeptfälschungen über Diebstahl bis zur Hehlerei. In einigen Fällen – vor allem auf Seiten der Händler – reichen sie bis zu Gewalt, Totschlag und Mord.

Die neue schwarz-gelbe Landesregierung hat zwar in ihrer Koalitionsvereinbarung angekündigt, 300 junge Polizeibeamte neu einzustellen – was aber auch schon im Haushalt 2009/2010 steht. Doch bei jetzigem Stand gehen laut Gewerkschaftsangaben jährlich 400 Beamte in den Ruhestand. Außerdem wird Außerdem wird kein neues nicht-verbeamtetes Personal angeheuert – wie etwa Schreibkräfte. „Wenn die fehlen, müssen Polizeibeamte deren Aufgaben übernehmen“, so Gewerkschafter Goudschmidt. Im Klartext: Polizisten müssen selbst tippen, es bleibt ihnen weniger Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben.

Und so gibt es immer weniger Polizisten auf Leipziger Straßen. Dabei hat Leipzig viele Probleme, zu deren Kontrolle Polizisten in ausreichender Zahl und bestmöglicher Ausbildung und Ausstattung vonnöten wären. Ironisch gesprochen hat Leipzig alles zu bieten, was eine Großstadt so braucht: politisch motivierte Gewalt, Fußballschlägereien, Wirtschaftskriminalität – und eben Drogenkriminalität.

Hausmarke

Ein Händler, der beteuert, sein Stoff wäre Leipziger Ursprungs, spielte Weiter als Beleg ein detailliertes Rezept zu – nicht für Methamphetamin-Hydrochlorid, das vor allem in den USA bekannte Crystal Meth, sondern für das ähnlich wirkende Methcathinon, genannt Cat. Dessen Grundstoffe sind leichter zu beschaffen: Sie unterliegen bis auf einen einzelnen Wirkstoff nicht dem Grundstoffüberwachungsgesetz, sind also recht umstandslos zu beschaffen.

Der Konsum von Cat ist brandgefährlich: Dauerhaft zerstört er mindestens die Nasenscheidewand. Häufig strecken Zwischenhändler den Stoff zusätzlich: Insidern zufolge reichen die beigefügten Verschnittsubstanzen von diversen Natriumsalzen bis hin zu handelsüblichem Vollwaschmitteln, mit allen damit verbundenen gesundheitlichen Gefahren.
Die Konsumenten bleiben also sowohl über den Reinheitsgrad als auch die eigentliche Substanz, die sie sich da in die Nase ziehen, im Unklaren. Zumal illegal tätige Hobbypharmazeuten umso mehr in der Lage sind, die Dosierungen durcheinander zu bringen, wenn sie selbst konsumieren. Die angeblich beigemischten Glassplitter sind übrigens eine Legende – die Substanz wirkt bereits aggressiv genug.

Fünf Tage wach

Der Konsum von Cat teile sich grob in zwei Trends, berichten Insider: Ein Großteil der Konsumenten decke sich während des beginnenden Wochenendes ein, um auf Partys zu konsumieren. So mancher nutze aber auch die Tatsache, dass Cat Müdigkeit vertreibt: Ein Gramm der reineren Sorte kann man sich soweit einteilen, dass man effektiv fünf bis sieben Tage am Stück wach ist, um sein Arbeitspensum in den Griff zu bekommen.

Arbeitspensum in den Griff bekommen – das Problem kennen Leipziger Polizisten, wenn auch aus einer gänzlich anderen Warte. (schlechter Übergang) Es ist nicht lange her, als nachts auf dem Leipziger Innenstadtring nur wenige Streifenwagen unterwegs waren. Einer spontan auftretenden Gewalteskalation konnte so unmöglich Einhalt geboten werden. Bis Unterstützung eintraf, war mit solcherlei Besetzung meist alles gelaufen. Dieses Problem wurde im Frühjahr 2008, beim sogenannten Diskokrieg, am deutlichsten, bei dem 2008 ein 28-jähriger Mann erschossen wurde und ein Türsteher niedergestochen wurde. Seither unterstützen Einheiten der Bereitschaftspolizei den regulären Streifendienst.

„Es ist normalerweise nicht die Aufgabe der Bereitschaftspolizei, den normalen Streifendienst zu übernehmen“, sagt Eckehard Goudschmidt von der GdP, „oder Nacht für Nacht zu unterstützen. Sie ist eigentlich für Großeinsätze vorgesehen.“ Das ist die klare Meinung der Polizeigewerkschaft. Für viele Bereitschaftspolizisten entsteht durch die zusätzlichen Schichten eine Doppelbelastung. „Die stemmen das dadurch, dass sie nicht mehr aus ihren Stiefeln kommen“, sagt Goudschmidt.

Viel Familienleben gäbe es für diese Beamten nicht mehr, von freien Wochenenden können viele nur träumen. Die Beamten schöben oft aberwitzig viele Überstunden vor sich her. Schließlich kommen zu den zusätzlichen Schichten auch die normalen Einsätze der Bereitschaftspolizei – etwa bei Fußballspielen. Gerade die Anhänger der Leipziger Amateurfußballclubs gönnen den Polizisten kaum Pausen, Einsätze bei Demonstrationen bilden das Tüpfelchen auf dem i.

„Qualität leidet“

„Es lastet immer mehr auf den Schultern der Kollegen“, so Goudschmidts Beobachtung. Die Folge: Krankenstände nähmen rapide zu. „Es leidet irgendwann auch die Qualität der Arbeit.“ Auch die schiere Zahl der Polizisten nimmt ab. „Eine der Hauptursachen für vorzeitige Versetzung in den Ruhestand sind psychosomatische Erkrankungen“, schätzt der Gewerkschaftler ein. Häufig gehen Polizeischüler direkt nach ihrer Ausbildung zur Bereitschaftspolizei – sie sind also schon in jungen Jahren mit der Problemlage vertraut.

Dabei bräuchte es nicht nur wegen des Drogenhandels motivierte, trainierte und ausgeruhte Polizisten. „Wir haben in einer Studie herausgefunden, dass die Bürger sich, wenn sie sich aus ihren Wohnvierteln heraus bewegen, sich nicht mehr sicher fühlen“, sagt Leipzigs Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal. Die laut Statistik gesunkene Kriminalität helfe da nicht. Insbesondere ältere Bürger fühlten sich unsicher, so Rosenthal – auch in vergleichsweise sicheren Stadtvierteln. Dem könne nur mit mehr Polizeipräsenz begegnet werden.

Entsprechend hat Rosenthal „kein Verständnis“ für Stellenabbau. „Wir müssen durch gut ausgebildetes Polizeipersonal präsent sein – nicht nur auf der Straße, sondern auch in der Abarbeitung der schweren Fälle.“ Ob eine bloße Zunahme von Polizeipräsenz tatsächlich die Situation in Leipzig verbessern würde, ist aber unklar: Auf die Frage, ob dies denn nicht im Ergebnis ein Polizeivollzug wäre, der sich eher an kosmetischen Gesichtspunkten statt an der eigentlichen Kriminalitätswirklichkeit orientiert, weicht Rosenthal aus.

Helfer erreichen Süchtige schlecht

Problematisch ist die Situation der Süchtigen. Viele der Beteiligten am Aktionsplan Leipziger Osten sind stolz, dass sich bisher keine offene Drogenszene etablieren konnte. Durch Repressionsmaßnahmen wurde dafür gesorgt, dass sich die Süchtigen auf das gesamte Stadtgebiet verteilen. Das hat auch Nachteile: So fällt die Kontaktaufnahme durch die Sozialarbeiter schwer. Dabei brauchen Süchtige und Beschaffungsprostituierte unbestritten Hilfe.

„Nicht das Gelbe vom Ei“

Ordnungsbürgermeister Rosenthal: „Wir haben aufgrund der Polizeitaktik Verdrängung in der Stadt. Das ist für die Anwohner vor Ort in Ordnung, für die Abhängigen jedoch nicht geeignet. Wir sind aber nicht in der Lage, mit unseren Präventionsinstrumenten den Abhängigen hinterher zu rennen.“

Die Kontrolleure vom Ordnungsamt scheinen ähnliche Probleme zu plagen. Zum Beispiel kommen auf 36 registrierte Beschaffungsprostituierte laut städtischem Suchtbericht im Jahr 2008 lediglich 39 Anzeigen gegen Freier.
„Wir sind nicht optimal aufgestellt, die derzeitige Lage ist nicht das Gelbe vom Ei”, sagt auch Rosenthal. Eine Alternative wäre, „legale Räume“ zu schaffen, in denen man „den Abhängigen die Möglichkeit gibt, sich ihrer Abhängigkeit entsprechend bewegen zu können“ – natürlich amtlich überwacht und mit entsprechender Gesundheitsversorgung. Aber: „So eine Taktik lehnt der Freistaat Sachsen deutlich ab“, bedauert Rosenthal.

Dabei ist neben der Gesamtzahl der Straftaten auch die Beschaffungskriminalität seit den Neunziger Jahren deutlich zurückgegangen, zumindest statistisch. Aber immer noch kommen in Leipzig fast zwölftausend Straftaten im Jahr auf 100000 Einwohner – in Dresdner sind es nur 8500, die Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge zählt gar nur beschauliche 5700 Delikte.

Gänseblümchen-Zähler

Zählen die Beamten dort also, wie es ein Kandidat im Landtagswahlkampf formulierte, nur Gänseblümchen? Könnte man nicht einige nach Leipzig versetzen? Zwar gibt es im Innenministerium offenbar die Überlegung, die Polizeidirektionen mit höherer Arbeitsbelastung personell besser zu bestücken. Doch vor solcherlei vielleicht zu einfacher Mathematik warnt zumindest die Gewerkschaft der Polizei. Nicht, dass sie den Leipziger Beamten keine Verstärkung gönnen würden. Aber beim geplanten Stellenabbau in der Landespolizei hieße dies, anderswo Kräfte abzuziehen. Polizeigewerkschaftler Eckehard Goudschmidt befürchtet dadurch einen Rückzug aus den dünner besiedelten Gebieten Sachsens. „Den wird man in Leipzig vielleicht nicht bemerken, aber in der Fläche wird es zur Schließung von Dienststellen kommen.

Nach Ansicht von Heiko Rosenthal, dem Ordnungsbürgermeister, ist Leipzig alles in allem „eine sichere Großstadt“. Seit den Disko-Krawallen im Frühjahr 2008 bieten die zusätzlichen Bereitschaftskräfte im Ergebnis vor allem eines: Mehr Polizeipräsenz, und das ist wichtig. Für die Prävention. Und für die Moral. Der Polizisten, wie auch der Bürger. Ist es eine Dauerlösung? Der Polizeigewerkschaftler Eckehard Goudschmidt jedenfalls ist sich sicher: Allein mit den Leipziger Kräften „ginge das so nicht“.

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

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Eine Antwort zu "“Sichere Großstadt”"

  1. [...] Moral von der Geschicht’ Was sollte diese Veranstaltung? Nach den Kürzungen im Personalbestand der sächsischen Polizei, die an diverse Fußballspiele, Castortransporte und Demonstrationen Personal abgeben muss, ist es [...]

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