Jedem sein Plätzchen

Leipzig hat einiges zu bieten. Neben vielen anderen tollen Dingen vor allem – Platz. Wir haben uns umgeschaut, was man damit Schönes, Kreatives, Spannendes und Zukunftsweisendes anstellen kann.

Von Hannes Engl, Constanze Kretzschmar, Cäcilia Schallwig und Dirk Stascheit

Eigentlich gibt es einen Trend zur Heimarbeit: Während die nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft 2003 nur von 7,8 Prozent der Unternehmen angeboten wurde, waren es 2006 bereits 18,5 Prozent. Längst ermöglichen flächendeckendes Internet, Laptops und diverse Softwarelösungen, von zu Hause aus im Prinzip genauso gut zu arbeiten wie im Büro.

Noch einen Kaffee …
Aber eben nur im Prinzip – denn ob man zu Hause tatsächlich arbeitet, ist vor allem eine Typfrage. Viele Heimarbeiter lassen sich zu Hause leichter ablenken, es gehört eine große Selbstdisziplin dazu, sich eben nicht wieder und wieder noch einen Kaffee zu machen. Zudem fehlt die persönliche Interaktion mit den Kollegen oder anderen Arbeitern, die neben einer sozialen Kontrolle auch neue Impulse für die eigene Arbeit geben kann.
Unter anderem das ist der Ansatz von „Le Space“. Das Projekt bringt einen Trend nach Leipzig, der sich momentan noch heimlich, still und leise in Deutschland ausbreitet: das Coworking. Dabei können klassische Heimarbeiter tageweise einen Schreibtisch mieten, ohne Kündigungsfristen, dafür mit hoffentlich inspirierenden Mit-Arbeitern. Die sind zumeist Kreative und Freiberufler, denen daheim so langsam die Decke auf den Kopf fällt.

Zusammen ist man weniger allein
„Wir denken, das ist der neue Zeitgeist“, formuliert Nico Krause an einem Tisch, der als Kommunikationszentrum des 112 Quadratmeter großen Laboratoriums zur Zukunft der Arbeit steht, von einem riesigen Gastro-Sonnenschirm urlaubig überschattet. Der Schatten schützt natürlich nur vor der Innenbeleuchtung. Ringsumher stehen ein knappes Dutzend Schreibtische, daneben eine Sofaecke, Postfächer und eine kleine Küche. Nico Krause nennt das, was sich da abspielt, soziale Innovation. „Weil so ständig Leute aus allen möglichen Bereichen aufeinandertreffen, kommunizieren, Erfahrungen austauschen, und eventuell Dinge gemeinsam angehen.“ Im ersten Stock eines Gebäudes im Tapetenwerk an der Lützner Straße haben die sozialen Innovatoren ihr zeitweiliges Arbeits-Zuhause gefunden. Ab Juni geht es aufwärts: eine Etage höher, auf 450 Quadratmeter. Mit Besprechungsräumen, Bar und 150 Quadratmetern Terrasse für Menschen mit Notebooks, deren Displays entspiegelt sind.
Ein Schreibtischasyl im momentanen „Le Space beta“ kostet von 9 bis 18 Uhr einen Zehner, im Dutzend wird es günstiger, Bionade gibt es für einen Euro. Beta heißt passenderweise eigentlich die schon nutzbare, aber noch recht unfertige Version einer Software. Den Namen des Lokals, „Le Space“, darf man übrigens gern englisch oder französisch aussprechen. Telefonie, Fax, Drucker, Scanner und das Funknetzwerk sind inklusive. Ein Angebot – aber braucht man es? Vielleicht, wenn man zum Arbeiten inspierierende Gesellschaft sucht.
(le-space.de)

Zum Sparen, wie in hochpreisigen Städten, jedenfalls nicht. Dafür gibt es in Leipzig zu viele leerstehende, günstige Gewerbeflächen. Im Westwerk zum Beispiel. Auf einer Grundfläche von insgesamt etwa 15 000 Quadratmetern reihen sich Gebäude und Hallen aneinander – Platzmangel sieht anders aus. Dafür fehlt es noch teils heftig an Infrastruktur. Viele Räume können noch nicht vermietet werden, manchmal fehlt nur die Telefonleitung, an anderen Ecken alles – Wasser, Strom, Heizung. Peter Sterzing, Rechtsanwalt und seit September 2009 Geschäftsführer der Westwerk Logistics, hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun, ständig klingelt sein Telefon. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich frisch eingeholte Angebote von Handwerkern.

Weiter gesponnen
In der Lage zwischen der Innenstadt und der Spinnerei, am Schnittpunkt zwischen Kanal und Karl-Heine-Straße, hat das Westwerk in Sterzings Augen eine klare Funktion – „es ist ein Zentrum“. Momentan sind es etwa 80 Mieter in der ehemaligen Armaturenfabrik, vor Sterzings Fenster buddeln Bauarbeiter an der neuen Kanalbrücke. Wenn die fertig ist, haben die Bootsvermieter auf dem Gelände eine bessere Chance. Im Frühjahr soll in Kooperation mit einem Gastronomen entlang des Kanals ein Lokal entstehen und anstelle des abgerissenen Remisenhauses kann man bald parken, wenn es nach Sterzings Plänen geht.
Er will auch mehr Transparenz schaffen, perspektivisch das nach außen hin recht abgeschottete Gelände architektonisch ein Stück weiter öffnen. „Zudem sollen Schaukästen zeigen, wer hier arbeitet, damit kleine Ateliers nicht übersehen werden.“ So bleiben Projekten mit kleinerem Geldbeutel nur obere Etagen, die weniger Laufkundschaft haben. Denn: Ebenerdige Räume sind begehrt, teurer als andere. Wobei teuer eine Sache der Betrachtung ist. Zwar gibt’s im Westwerk keine Flächen mehr für einen Euro pro Quadratmeter, aber von zwei bis fünf, je nach Ausstattung, kann man fündig werden.
Nehmen will Sterzing trotz der großen Flächen aber nicht jeden. Einerseits will sich das Westwerk bei der Sanierung der Flächen nicht übernehmen, andererseits „ist wichtig, dass die Nutzer einigermaßen zueinander passen“. Wenn von zehn Interessenten nur drei Nutzer werden, ist das gut, so Sterzing. Der es auch als als seine Aufgabe sieht, „die Leute zu integrieren. Wenn hier einer etwas braucht, empfehlen wir, wenn möglich, andere Nutzer, die das erledigen können.“ Es sei schließlich gut, wenn das Geld im Westwerk bleibt, statt woanders hin getragen zu werden. (westwerk-leipzig.de)

Ohne Geld glücklich
Kreative Tätigkeit ist natürlich nicht auf Gewinnorientierung beschränkt. Bunte Vielfalt, farbenfroher Pluralismus und Mut zum Experiment brauchen Platz zum Ausprobieren und zur Verwirklichung. Im Gegensatz zu vielen anderen Großstädten sind in Leipzig genug günstige Flächen dafür vorhanden. Über das ganze Stadtgebiet verteilt findet man zahlreiche Einrichtungen, die, in den meisten Fällen vereinsmäßig organisiert, Arbeitsflächen und Ausstellungsräume für die Förderung des unkommerziellen Kulturbetriebs anbieten.
Der Verein für Stadtteilförderung, Wohnen und Kultur in Plagwitz etwa stellt Künstlern auf dem hinteren Teil des Geländes an der Gießerstraße einen ehemaligen Industrieanlagenkomplex zur Verfügung. Gegen geringfügige freiwillige Spenden und die Zahlung eines Teilbetrags für die anfallenden Nebenkosten wie Strom oder Müllentsorgung können Künstler die Arbeitsräume für Siebdruck, Malerei und andere Betätigungen nutzen. Darüber hinaus haben sich einige Nutzer zu Theater- und Sportgruppen zusammengeschlossen, es gibt einen Umsonst- und Infoladen, eine Fahrradselbsthilfewerkstatt und Proberäume. Zusätzlich ist noch ein Lesecafe in Planung.
„Leute, die Lust haben, sich hier im Projekt zu engagieren sind jederzeit herzlich willkommen“, sagt Macherin Mandy Scheibe. Bei Interesse besteht die Möglichkeit, sich an das regelmäßig stattfindende offene Plenum zu wenden. Jedoch gestaltet sich das Arbeiten in der Wintersaison wegen der fehlenden Heizungen eher frostig. Daher herrscht in den Anfangsmonaten des Jahres weniger Betrieb als im Sommer, in dem sich oft bis zu 100 Nutzer in den bereitgestellten Räumen einfinden, erklärt Vorstandsmitglied Mike Grünhard. (gieszer16.org)

Blumig
Die Künstlerresidenz *blumen* in der Kolonnadenstraße ist klein, aber einladend. Sie war mal ein Blumenladen. Heute ist der ehemalige Ladenraum zugleich Atelier und Ausstellungsareal. Dahinter verbirgt sich eine kleine Wohnung. Seit 2006 haben Künstler dort die Chance, einige Monate zu leben und auszustellen. Umsonst. Finanziert wird die Residenz unter anderem durch die Stadt, Botschaften und private Spenden, fünf Ehrenamtliche helfen. Ihr Ziel: Noch unbekannten internationalen Künstlern die Möglichkeit geben, in einer lebendigen Stadt zu leben und neue Projekte zu verwirklichen. Jedes Jahr werden unter mehr als 80 Bewerbern drei Künstler ausgewählt, die dann nacheinander eingeladen werden. Zu Anfang und am Ende gibt es je eine Ausstellung, daneben begleitende Veranstaltungen, zum Beispiel Film- und Konzertabende, literarische Kommentare und Diskussionen. (residence-blumen.de)

Als „einen Raum der Begegnung“ will Anja Keßler das vor zwei Jahren gegründete „Lichtwerk“ im Wächterhaus, Zschochersche Straße 23, verstanden wissen. Hier sollen Interessierte die Möglichkeit bekommen, traditionelle Handwerkstechniken zu erlernen – betreut von fachkundigen Experten; notwendige Arbeitsmaterialien sind vorhanden. Ob Korbflechten, Tonarbeiten oder Kerzengießen, das Lichtwerk bietet eine breite Palette kreativer Betätigungen an. Außerdem kann man einen Seminarraum mieten. Spendeneinnahmen und freiwillige Zahlungen durch einen festen Nutzerstamm machen es möglich. Die Lichtwerker wollen sich bis Mai eine Satzung geben und das Kürzel e.V. an den Namen hängen. (lichtwerk-leipzig.de)

„Also ziemlich querbeet“
Schon von Weitem kündigt sich das wuchtige Gebäude an der Ecke Odermann-/Demmeringstraße in Lindenau an, springt das senkrecht herabhängende gelbe Banner mit der Aufschrift „Wächterhaus“ in großen, schwarzen Lettern ins Auge (Infos zu Wächterhäusern unter haushalten.org). Schwer zu finden ist der Hauptsitz des Kunstvereins D21 mit seinen Büroräumen und dem angeschlossenen Ausstellungsraum wahrlich nicht. Im Frühjahr 2006 gegründet, soll der Verein „eine Plattform bieten und Künstlern die Möglichkeit der Ausstellung geben“, so Vorstandssprecherin Constanze Müller. Ziel ist es, vier Ausstellungen im Jahr auf die Beine zu stellen, die entweder durch den hauseigenen Kurator Michael Arzt oder im Rahmen der Reihe „21 lab“ von Künstlern „mit außergewöhnlichen Konzepten“ geplant und verwirklicht werden.
Das D21 ist ein Treffpunkt für unterschiedlichste Menschen, die aber eines gemeinsam haben: die Suche nach einem Raum, in dem sie der Öffentlichkeit ihre Werke präsentieren können. So sind es vor allem Studenten, meist aus der Kunstpädagogik, den Kommunikations- oder den Theaterwissenschaften, aber auch freischaffende Künstler und Fotografen, die die Ausstellungsräumlichkeiten des D21 nutzen. „Also ziemlich querbeet“, sagt Constanze Müller mit einem Lächeln.
Finanziert wird der Verein hauptsächlich durch Stiftungen und ein städtisches Förderprogramm. Und durch das Engagement der Mitglieder, die viel Arbeit und Energie in die Realisierung der Ausstellungen investieren. Die aktuelle, das Ergebnis einer Kooperation zwischen ungarischen Künstlern und der Abendakademie der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, öffnet ihre Türen ab Samstag, 28. Februar, für alle Kunstinteressierten und Schaulustigen. Die Vernissage läuft am Vorabend. Titel: „Wo soll das alles bloß hinführen?“ (d21-leipzig.de)

Vorsicht, Falle
Bei aller Kreativität sollte man aber aufpassen, dass man nicht dem Zeitgeist auf den Leim geht. Amerikanische Architekten waren Ende des 20. Jahrhunderts von der Idee der Verstärkung von Kommunikation und damit der Kreativität durch die Architektur selbst so begeistert, dass sie das Konzept des Großraumbüros zum Trend machten: Dabei arbeiten alle Angestellten in einem Büroraum mit einer Grundfläche von häufig mehr als 400 Quadratmetern. Die Arbeitsplätze sind nur von etwa eineinhalb Meter hohen Trennwänden getrennt.
Eine Mode, die kritiklos auch in Deutschland übernommen wurde, so dass 2009 fast sieben Millionen Menschen in Deutschland in Großraumbüros arbeiteten. Ob ein Großraumbüro tatsächlich Sinn ergibt, hängt aber vor allem von der Branche ab, sagt der Architekturprofessor Werner King von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig. „Diese totale Öffnung, also die ständige Möglichkeit, sich gegenseitig über die Schulter zu schauen und alle Gespräche der anderen mitzuhören, ist nur in den wenigsten Fällen sinnvoll.“ Schließlich ist der Geräuschpegel in Großraumbüros oft hoch und senkt so die Konzentrationsfähigkeit. Auch die soziale Kontrolle kann schnell zur Belastung werden.
Inzwischen wurde der Trend zu Großraumbüros vor allem durch eine Entwicklung hin zu einer hohen Flexibilität abgelöst. „Dabei wird viel mit Stützen gearbeitet, die Räume lassen sich schnell umgestalten. Es ist ja heute kaum noch davon auszugehen, dass man vorhersagen kann, dass ein Büro in 20 Jahren noch genauso genutzt wird wie heute“, sagt King. Wie der einzelne Arbeitsplatz dann gestaltet wird, hängt vor allem vom Beruf und der eigenen Einstellung ab. Zunächst einmal sei es sinnvoll, Büroräume hell zu gestalten, also mit weißen Wänden oder anderen hellen Farben wie Eierschale. Denn so kann man selbst den Raum gut weiter gestalten. „Es ist sinnvoll, den Raum so zu dekorieren, dass er einem gefällt. Denn da, wo man sich wohl fühlt, ist man zu besonders guten Leistungen fähig“, sagt King. Auch Ruhe ist für die Konzentration wichtig – in den meisten Berufen. Wer dagegen bei seiner Arbeit selbst relativ laut sei, brauche auch weniger Ruhe als stille Arbeiter.
Soll heißen: Was für Sie ideal ist, können wir leider auch nicht sagen.

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: 9. Ausgabe, 26.02.2010, Cäcilia Schallwig, Constanze Kretzschmar, Dirk Stascheit, Geschichten

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