„Ich will sie alle“

Mit seinen Panometer-Projekten hat Yadegar Asisi bewiesen, dass Kunst zum Spektakel für die breite Bevölkerung werden kann. Und hat dabei ohne Subventionen gewirtschaftet – ein für die Szene ungewöhnlicher Erfolg. Jetzt plant er, neue Stätten zu bespielen.

Das Gespräch führten Dirk Stascheit, Ute König und Julia Herzau

Was bedeutet Leipzig für Sie?
In Leipzig bin ich groß geworden. Das ist meine Jugend. Das ist meine Kindheit. Das sind ganz viele gute Erinnerungen. Ich bin in Wien geboren. Die ersten sechs Jahre habe ich in Halle gelebt. In der Schulzeit war ich in Leipzig, in Dresden habe ich studiert. 1978 bin ich nach Berlin gegangen und dachte, ich komme nie wieder. Es entfernte sich immer mehr. Aber jetzt, da ich wieder hier gelandet bin, merke ich, dass mir Leipzig sehr am Herzen liegt. Das hat etwas sehr Eigentümliches, wenn man durch die Straßen geht, an die Orte seiner Kindheit kommt und sich an viele Geschichten erinnert. Das ist prägend. Und letztendlich hat auch mein Weg etwas mit Leipzig zu tun: In Leipzig habe ich zu zeichnen angefangen. Meine ganze Sehnsucht nach dem Zeichnen, nach dem Bildnerischen begann in Leipzig. Der Grundstein für das, was ich bin, wurde in Leipzig gelegt.

Was bedeutet Sachsen für Ihr Unternehmen?
Es ist ein glücklicher Umstand, dass wir hier in Sachsen gelandet sind. Sie kennen den Spruch: In Chemnitz wird das Geld verdient, in Leipzig wird es vermehrt und in Dresden ausgegeben. Das beschreibt etwas ganz Besonderes: Sachsen war schon immer Industrie-standort. Wir hatten schon immer Kultur, wir hatten Bildung. Man staunt ja, dass Sachsen immer wieder auf die Beine fällt. Das kommt auch nicht von ungefähr: Sachsen hat eine ungeheure Grundpotenz. Und das hilft uns auch. Dieses Kulturbedürfnis, das Sachsen hat, ist für uns natürlich etwas ganz Tolles, weil wir dadurch einen guten Nährboden haben. Hier gibt es Menschen, die interessiert sind, die sagen: Wenn etwas passiert, wollen wir teilhaben. Sachsen war letztendlich die Grundlage für unsere Existenz und ein sehr guter Anfang für alles Weitere.

Nun sitzt ihr Unternehmen aber in Berlin.
Ja, weil ich dort lebe und weil ich der Kopf dieses Unternehmens bin. Deshalb muss alles Unternehmerische nah bei mir bleiben.

Wo finden Sie qualifizierte Mitarbeiter für Ihr Unternehmen?
Sachsen hat ein ungeheuer gutes Grundpotential. Wir versuchen stets, Leute in der Region zu finden. Das hat Vorteile: Sie kennen sich aus und sind stolz auf das Asisi-Panometer als Kultureinrichtung. Und sie sind hervorragend qualifiziert, dank der guten Ausbildung an den hiesigen Hochschulen. Außerdem mag ich die Mentalität der Menschen von hier. Sie haben ein gutes Gemeinschaftsgefühl.

Profitieren Sie von der Universitätsstadt Leipzig?
Sicherlich. Zum Beispiel ist die Museumspädagogik hier sehr gut vertreten. Das ist ein Bereich, der für uns immens wichtig ist. Dann haben wir in Leipzig die Kunsthochschule, das Institut für Biologie – passend zur jetzigen Ausstellung „Amazonien“. Daran denke ich ja nicht im Vorfeld. Inte-ressant ist, dass sich Gästeführer ganz oft aus Studenten der jeweils inhaltlich passenden Fachbereiche rekrutieren. Wir merken, dass hier ein Nährboden für alle möglichen Themen ist. Ich habe gestaunt, wie von der Antike zur Biologie ganz schnell umgeschaltet wurde.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Stadtwerken entstanden?
Als ich nach Leipzig kam, war es zuerst nicht einfach, die Stadtwerke zu überzeugen. Ich habe den Stadtwerken damals gesagt: „Das einzige, was ihr machen müsst, ist, daran zu glauben.“ Das ist das Risiko, das sie übernommen haben – ein großes Risiko. Und ich muss ihnen Hochachtung zollen, dass sie sich in diesem nebulösen Umfeld doch darauf eingelassen haben, denn ein Kulturbetrieb ist vor allem anfangs ein sehr wackeliger Apparat. Besonders dann, wenn er vom ersten Tag an sein eigenes Geld verdient – ohne Förderung.

Welche Strategie verfolgen Sie, damit Ihre Vorhaben funktionieren?
Rosarote Brille – blauer Dunst? Ich weiß es nicht. Ich bin durch und durch Künstler und mein Konzept ist, meinem Bauch zu folgen. An die Behauptungen, die ich auf den Tisch lege, glaube ich selber. Ich sage mir: Das, was ich selber will und von dem ich selber fasziniert bin, muss gemacht werden. Denn ich bin ein ganz normaler Mensch, der mitten in der Gesellschaft steht. Wenn mich etwas interessiert, dann muss es noch mehr Menschen geben, die es interessiert. Natürlich bin ich jetzt von vielen Menschen umgeben, die viel wissen, was ich nicht weiß. Ich bin insgesamt nur dafür da, um Inhalte zu geben und diese dann künstlerisch umzusetzen.

Andere Kultureinrichtungen versuchen auch, ohne Fördergelder auszukommen, schaffen es meistens aber nicht. Sie schaffen es sehr gut.
Einerseits ist Subvention etwas Gutes, weil es ein gewisses Grundrauschen garantiert. Andererseits macht es die Leute behäbig und träge. In dem Augenblick, in dem ich Geld erwirtschaften muss, muss ich mich bewegen. Wir müssen agieren, wir müssen ran. Der wirtschaftliche Druck, den wir haben, ist größer. Deshalb brauche ich Leute, die herkommen. Ich möchte keinen bestimmten ansprechen, ich will sie alle. Ich will die Leute berühren. Da ist es mir egal, ob ich ein kleines Kind, eine alte Oma oder einen Jugendlichen anspreche. Wir müssen die Leute immer wieder ansprechen, damit sie über uns sprechen. Viele Kulturinstitutionen haben einen zu kleinen PR-Apparat, um ins Gespräch zu kommen. Aber wenn das, was geboten wird, keine Qualität hat, dann nützt auch kein PR-Apparat etwas.

Ist ein wirtschaftliches Konzept für andere Kultureinrichtungen denkbar?
Ich glaube, jedes System kann man optimieren. Man muss sich allerdings verändern. Wenn man mehr Besucher haben möchte, ist das hundertprozentig machbar. Man muss die Besucher begeistern. Es kann natürlich sein, dass die Botschaft, die ich nach außen gebe, eine attraktivere ist als die der Ausstellung. In Dresden lockt jetzt ein Museum mit freiem Eintritt unter 16 Jahren. Das kann sich nur jemand leisten, der von außen Geld bekommt. Ich weiß nicht, ob das ein guter Weg ist. Das Geld ist nicht das Problem der Leute. Man muss die Leute faszinieren. Wenn dort nichts fasziniert, werden sie nicht wieder reingehen, auch wenn es kostenlos ist. Wenn sie aber sagen: „Mein Gott, war das toll“, dann zahlen sie auch das Doppelte, um reinzukommen.

Was haben Sie mit dem kleinen Gasometer vor?
Von Anfang an wollte ich diesen Raum unbedingt haben. Er ist einer der schönsten Räume, die ich in Leipzig kenne. Er liegt an der freien Luft, er ist ein kleines Kolosseum. Man setzt sich dort hin, trinkt ein Gläschen Wein und wenn dann die Sonne hineinscheint, ist das der Wahnsinn. Letztes Jahr haben wir den Kleinen Gasometer übernommen. Jetzt stellen sich die Fragen, wie wir einen solchen Raum beleben. Ich habe viele Ideen: Installationen, Kunstausstellungen, Videovorstellungen, Hörspiele … vorerst wird es ein Veranstaltungsraum für Leipzig sein, den wir nach und nach bespielen.

Was wird aus den beiden Panoramen in Leipzig und Dresden, wenn sie ihre Lebenszeit hinter sich haben?
Dann werden sie zerstört, wie Rom. Denn die Botschaft ist: Ihr müsst herkommen und es euch angucken. Es gibt keine Nachverwendung. Für mich haben sie nur einen Wert, wenn sie hängen. Sie sind als Installation konzipiert. Dieser Augenblick, oben auf dem Podest zu stehen, das ist der Augenblick, den ich will. Viele Leute haben sich beschwert, es würde ein Kunstwerk zerstört. Aber ich zerstöre damit kein Kunstwerk. Ein Kunstwerk ist es, solange es hängt. Sobald es unten liegt, ist es nur ein bedrucktes Stück Stoff.

Wurde 1983 in Stuttgart geboren, ist 2004 nach Leipzig ausgewandert, studiert dort seither Journalistik und Musikwissenschaft, machte 2008/2009 einen Abstecher in den hohen Norden für ein Volontariat in Cuxhaven und setzt nun alles daran, bald ihre Diplom-Urkunde übers Bett hängen zu können.

Veröffentlicht unter: 8. Ausgabe, 12.02.2010, Dirk Stascheit, Gespräche, Ute König · Etiketten: , , ,

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