„Zur Zeit nicht sehr attraktiv“

Von sächsischen Abiturienten werden Höchstleistungen erwartet, das hiesige Abitur zählt zu den schwierigsten in Deutschland. Doch statt optimal auf dem Weg zum Schulabschluss begleitet zu werden, haben Schüler an Leipziger Schulen mit häufigem Unterrichtsausfall, veralteten Lehrerkollegien und einer schlechten Ausstattung zu kämpfen. Ein Baustellenbericht aus den Leipziger Gymnasien.

Von Claudia Laßlop und Dirk Stascheit

Auf dem Papier ist an Sachsens Schulen alles in Ordnung. Die Personalsituation an Mittelschulen und Gymnasien sei „vollständig abgesichert“, das schreibt zumindest das zuständige Staatsministerium für Kultus und Sport. „Vollständig abgesichert“, das soll heißen: Für alle Stunden, die an den sächsischen Schulen gegeben werden sollen, ist auch ein Lehrer da, der sie halten wird. Doch in der Realität fallen zahlreiche Stunden aus, die Elternvertreter beschweren sich. Denn das Kultusministerium scheint in der Personalplanung einiges nicht zu bedenken – dass Lehrer auch mal auf Weiterbildung oder auf Klassenfahrt sind zum Beispiel, oder krank, und das zum Teil für Monate. Vertretungslehrer für diese Stunden fehlen häufig. Auch transparent sind die Ausfälle nicht: Langfristige Abordnungen an andere Schulen und lang andauernde Krankheiten bei Lehrern würden oft nicht als „Abwesenheit“ geführt – mit der Konsequenz, dass die Lücken nicht gefüllt werden, moniert der Stadtelternrat (SER). 

So heißt es in Leipziger Gymnasien meist: kein Lehrer, kein Unterricht, „und wenn ein Lehrer monatelang krank ist, ist das kaum wieder aufzuholen und gerade bei der Abiturvorbereitung mehr als ärgerlich“, sagt Helena Werhahn. Sie ist Vorsitzende der Gymnasien im Leipziger Stadtschülerrat – und bereitet sich daneben am Robert-Schumann-Gymnasium auf ihr Abitur vor. Allein hier sind aktuell drei Lehrer langzeitkrank und unterrichten damit mehrere Wochen bis Monate nicht. Helena Werhahn sieht zwar die Bemühungen ihrer Schule, zumindest den Unterricht der Sekundarstufe II durchzuhalten, dafür müssen aber Stunden in anderen Klassen ausfallen. Dem stehen vor allem die Schüler und Schülerinnen machtlos gegenüber; sie können den versäumten Stoff dann nur außerschulisch nachholen.

Nur selten werden neue und vor allem junge Lehrer neu eingestellt. Eine Verjüngung beziehungsweise eine vernünftigere Altersstruktur der Lehrerkollegien hält die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) jedoch für dringend nötig. „Lehrer der Jahrgänge 1953 und folgende sind oft demoralisiert, weil keine vernünftigen Ausstiegsmöglichkeiten vorhanden sind. Abfindungsregelungen könnten hier helfen“, sagt Joachim Cornelsen, stellvertretender Vorsitzender des GEW-Bezirkverbands Leipzig. Auch Helena Werhahn sieht das hohe Durchschnittsalter kritisch. Nicht nur, weil ältere Lehrer häufiger krank sind. Sie könnten sich zwar bemühen, auf die Lebenswelt ihrer Schüler einzugehen, irgendwann aber komme es doch zu Generationenkonflikten – und die sind mit gutem Willen allein nicht zu überwinden. Auch neue Lehr- und Unterrichtsmethoden finden nur schleppend den Weg von der universitären Ausbildung in die Schulen.

Einen kleinen Erfolg gibt es dennoch: „Bei der sächsischen Landesdelegiertenkonferenz der Schülerräte wurde ein Antrag angenommen, dass sich Schülerräte für die Einstellung von mehr jungen Lehrern einsetzen.“ Damit nimmt sich nun auch der Landesschülerrat des Themas immer älter werdender Lehrerkollegien an. Werhahn wertet das als Signal, das von der Politik nicht übergangen werden könne. Ob sich dadurch etwas ändert, ist offen. Zumal es nicht einfach werde, den Lehrerbedarf in Sachsen zu decken, so Cornelsen. „Der Lehrerberuf an sich ist zur Zeit nicht sehr attraktiv in Sachsen. Es sind keine transparenten fächerspezifischen Lehrerbedarfsprognosen vorhanden. Lehramtsanwärter haben wegen fehlender Plätze bis zu zwei Jahre Wartezeit einzuplanen. Außerdem streichen Hochschulen wegen der schlechten Finanzlage entsprechende Studienangebote.“ Auch aus finanzieller Sicht lohnt es sich für junge Lehrer nicht, in Sachsen zu bleiben. Andere Bundesländer haben einen großen Lehrerbedarf und locken mit höheren Verdienstmöglichkeiten und Verbeamtung.

Dabei hatte das Land Sachsen mit seiner Schulpolitik und bei der neu gestalteten Verordnung über die gymnasiale Oberstufe und die Abiturprüfung an allgemeinbildenden Gymnasien (OAVO) scheinbar nur Gutes im Sinn. Zur Begründung der Reform heißt es auf der aufwändig gestalteten der Internetpräsenz „Sachsen macht Schule“ unter anderem: „Die Hochschulen und Universitäten beklagen schon lange das geringe Allgemeinwissen ihrer Studenten. Auch aus den Kreisen der Wirtschaft werden mangelnde Kenntnisse und Fähigkeiten der Abiturienten beschrieben.“ Daher müssen die Gymnasiasten inzwischen in der Sekundarstufe II bis auf zwei Fächer alles belegen – was kaum mehr die Möglichkeit lässt, sich auf Stärken zu konzentrieren und schwächere Fächer abzuwählen, die etwa für ein späteres Studium keine Rolle spielen. Alle müssen nun fast alles lernen. 

Dennoch ist offenbar nicht all der gepaukte Stoff auch tatsächlich der Allgemeinbildung dienlich und fürs spätere Leben zu gebrauchen. Einige Lehrer äußerten gegenüber weiter, sie fänden es sinnvoller, den Lehrplan grundlegend zu entrümpeln und von Stoff zu befreien, der zwar für eine Klausur gebraucht, danach aber nie wieder angewandt wird. 

Doppelt absurd: In der Sekundarstufe I, also den Klassen 5 bis 10, mussten die Schüler bereits Profilspezialisierungen wählen. „Komisch, dass ein Schüler da schon wissen muss, was ihm liegt“, findet Helena Werhahn – dann aber ab der elften Klasse wieder alles machen solle.

Mit den derzeitigen hohen Anforderungen in der Oberstufe wächst auch der Leistungsdruck. Der Lehr- und Lernprozess werde vom methodischen Arbeiten zum Frontalunterricht, vom Erkennen übergeordneter Zusammenhänge zum sturen Auswendiglernen. „Ich weiß nicht, was das mit Allgemeinbildung zu tun hat. Und denen, die jetzt schon wissen, in welche Richtung sie wollen, verdirbt es den Notendurchschnitt“, sagt Helena Werhahn. Die Schülersprecherin sagt nicht, dass das Pensum des Lehrplans prinzipiell nicht zu bewältigen ist. Sie kritisiert aber den Ansatz der Lehre. Welchen Wert hat eine Allgemeinbildung, die auf dem Pauken von Faktenbergen basiert und dabei in Kauf nimmt, dass Schüler nicht lernen, Wissen sinnvoll zu strukturieren oder in Zusammenhänge einzuordnen und anzuwenden?

Solche Argumente erinnern nicht ganz zufällig an die Debatte zur Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge an den Universitäten. Angesichts einer Verschulung von Lehre wurde hier die Frage nach der Qualität von Hochschulbildung und Ausbildung aufgeworfen – im Hinblick auf eine systematische Ausrichtung auf Ansprüche der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes. 

Die Anforderungen an Leipziger wie auch an anderen sächsischen Gymnasien bergen zudem weitere Schwierigkeiten. Während das Arbeitsleben von den Eltern Mobilität fordert, beispielsweise durch Umzüge in andere Bundesländer, werden Schulwechsel erschwert. Nach Einschätzung von Leipziger Lehrern ist der Wechsel an ein sächsisches Gymnasium eine echte Herausforderung, etwa im Bereich der hier sehr anspruchsvollen Naturwissenschaften. Darüber hinaus fürchten die Schüler, dass ihre hart erarbeiteten Abiturnoten ihnen im Vergleich mit Schülern anderer Bundesländer Steine in den Weg legen: Viele Hochschulen wählen ihre Studenten noch immer nur nach dem Numerus Clausus, also der Abiturnote, aus – ohne dabei zu berücksichtigen, wie schwer das Abitur in dem jeweiligen Bundesland ist. 

Das sächsische Abitur hat den Ruf, eines der härtesten zu sein. Schüler aus Sachsen mit ihrem deshalb rein zahlenmäßig schlechterem Abitur haben dadurch im Wettbewerb mit Schülern aus vielen anderen Bundesländern schlechtere Chancen auf einen Studienplatz in einem Fach mit hohem Numerus Clausus.

Was passiert, wenn der Druck für einzelne Schüler zu hoch wird, erleben die Pädagogen regelmäßig. Einer der von weiter befragten Lehrer schätzt, dass „durchschnittlich in jeder zehnten Klasse ein Schüler in stationäre psychiatrische Behandlung muss“. Von einem Leipziger Gymnasium wird der Fall kolportiert, dass ein offenbar magersüchtiges Mädchen die Schuluntersuchung per Notarztwagen verlassen musste.

Auf der Suche nach besserer psychologischer Betreuung treffen sich die Meinungen von Eltern, Lehrern und Schülersprechern. Zwar gibt es flächendeckend Betreuungslehrer – die sind, so der Stadtelternrat, zwar kompetent und teilweise sehr engagiert, aber dies mit recht eingeschränkten Möglichkeiten. 

„Erstrebenswert wäre ein Schulpsychologe an jedem Gymnasium“, so Joachim Cornelsen von der Lehrergewerkschaft GEW in Leipzig. Ein Schwerpunkt bildeten seiner Aussage nach Schüler, die „beim Wechsel zur Mittelschule oftmals derart demotiviert sind, dass sie dort ebenfalls Probleme bekommen“. Und schließlich bräuchten auch einige Lehrer Unterstützung durch Psychologen.

Einige der Leipziger Gymnasien haben zusätzlich zu diesen Problemen, die sich an allen sächsischen Schulen zumindest ähneln, Schwierigkeiten mit ihrer teils mangelhaften Ausstattung. Interessant ist dabei vor allem die Situation der schuleigenen Bibliotheken, sofern diese überhaupt existieren. Gerade in den Freistunden der Oberstufen könnten sie als sinnvoller Aufenthaltsraum genutzt werden. Doch oft werden die Bibliotheken ehrenamtlich geführt und sind dann meist nur stundenweise geöffnet, so Anja Sinzig vom Arbeitskreis Gymnasien beim SER.

In manchen Schulbibliotheken werden die Öffnungszeiten durch Arbeitslose gewährleistet, die dort im Auftrag der Arge eingesetzt werden. Diese Stellen sind aber zeitlich befristet, und nach Informationen des Leipziger Stadtschülerrartes werden sie ab August dieses Jahres zudem nicht mehr von der Stadt bezahlt.

Dann sollen die Bibliotheken offenbar mit Lehrern besetzt werden – die ohnehin schon überlastet sind. Dieses Szenario liefe de facto auf eine Schließung der Bibliotheken hinaus. „Aber da das kaum einer weiß, protestiert bislang auch keiner dagegen“, so Helena Werhahn. Die Schüler immerhin sammeln bereits Unterschriften, um gegen die Umsetzung dieses Vorhabens vorzugehen.

Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

Veröffentlicht unter: 8. Ausgabe, 12.02.2010, Claudia Laßlop, Dirk Stascheit, Geschichten · Etiketten:

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